Chronik | Wien
11.12.2016

Viel Lärm um Nachtruhe in der City

In Wiens noblem Zentrum setzen sich immer mehr Bürgerinitiativen gegen störende Lokale zur Wehr.

Monika B. hat es gereicht. Sie sah sich gezwungen, aus "ihrer" Inneren Stadt wegzuziehen. Der Gastrolärm im "Bermuda-Dreieck" war der Anrainerin mit der Zeit zu viel geworden. "Im Schnitt konnte ich drei Mal in der Woche nicht vor 4 Uhr einschlafen", erzählt die Wienerin.

So wie ihr geht es auch zahlreichen anderen Bewohnern der City. Der nächtliche Lärm aus und vor Lokalen, Gestank nach Bratenfett und Zigarettenqualm, Glasscherben auf den Gehsteigen oder auch undisziplinierte Nachtschwärmer, die ihre Notdurft an Hausmauern verrichten, ebendiese mit Graffiti "verzieren" oder sich auf offener Straße übergeben – Wohnqualität sieht anders aus.

Gerade im dicht besiedelten und touristisch massiv frequentierten ersten Wiener Gemeindebezirk steigen deshalb immer mehr entnervte Anrainer auf die Barrikaden. Dem KURIER schilderten Vertreter der Bürgerinitiativen (BI) "Ruprechtsviertel", "Altes Universitätsviertel", "Rudolfsplatz", "Riemergasse", "Blutgasse" sowie der "Initiative 1010" die Problematik aus ihrer Sicht.

Von Polizei und Ämtern fühlen sich die Leidgenossen nicht immer ausreichend unterstützt, mit Kritik an Politik und Verwaltung wird nicht gespart. Man habe öfters den Eindruck, die Interessen der Wirtschaft würden über die der Anrainer gestellt, moniert so mancher.

Jüngstes Beispiel: die Bettelalm am Lugeck. Wie berichtet, hatte der Verwaltungsgerichtshof der Disco nach Anrainerbeschwerden die Sperrstunde um Mitternacht vorgeschrieben. Der Betreiber ignorierte den Bescheid jedoch bewusst (siehe Info unten), nahm mehr als 100 Anzeigen der Polizei in Kauf, investierte 30.000 Euro in die Entwicklung einer App, die lange Schlangen vor dem Eingang und somit nächtlichen Lärm vermeiden soll – und bekam letztlich Recht. Ab 1. Jänner darf die Bettelalm wieder bis 6 Uhr Früh offenhalten. Für die BI "Altes Universitätsviertel" ein Schlag ins Gesicht.

Zwei Wahrheiten

Gegen die Gastronomie sei hier niemand und ein Querulant schon gar nicht, betonen die streitbaren Bürger energisch. "Wir sind Opfer", stellt ein Herr klar, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. "Wir sind gezwungen, uns zu verteidigen. Wir wohnen hier und wir stören dadurch niemanden. Die Störer kommen zu uns. Und die Magistratsbeamten genehmigen alles sehenden Auges." Man wolle doch bloß in Ruhe schlafen und unbelästigt die Fenster öffnen können.

Bei der Behörde beurteilt man die Situation naturgemäß anders. Man bemühe sich stets zwischen Betrieben und Anrainern um einen "rechtmäßigen Ausgleich nach der Gewerbeordnung", stellt Bezirksamtsleiterin Eva Schantl-Wurz klar. Dass es immer zwei Wahrheiten – die der Unternehmer und die der Nachbarn – gibt, begleite sie in ihrem Arbeitsalltag. Wo Anrainer-Schutz nötig sei, werde darauf höchster Wert gelegt, aber "wenn der Unternehmer alle gesetzlichen Auflagen erfüllt, müssen wir die Betriebsanlagengenehmigung erteilen".

Besagte Auflagen seien "internationale Normen", abgestimmt auf den individuellen Standort und die unmittelbare Nachbarschaft. Die Einhaltung werde von "hochspezialisierten Experten" und Amtsärzten überprüft. "Ausnahmslos und zeitnahe nach Beschwerden – aber auch bei Routinekontrollen, an Wochenenden und in der Nacht", betont Schantl-Wurz. Auflagenverstöße würden konsequent geahndet.

Zudem werde mit der Polizei, die gastronomische Unruheherde kontrolliert und gegebenenfalls Anzeige erstattet, Hand in Hand zusammengearbeitet. Das bekräftigt auch Polizeisprecher Paul Eidenberger. Im Bermuda-Dreieck ist etwa ein Kontaktbeamter für die Mediation zwischen Wirten, Gästen und Anrainern abgestellt. Ein Erfolg übrigens, den die Bürgerinitiative Ruprechtsviertel für sich verbucht.

Bezirkschef Markus Figl (ÖVP) fordert ebenfalls ein "Recht auf Nachtruhe" für Bürger ein. Bei Betriebsanlagengenehmigungen drängt der Bezirk auf mehr Mitspracherecht. Bis dato darf er bloß Sprachrohr der Bürger sein.

Lokalaugenschein in der Bettelalm: "Jetzt zahlen wir halt Strafe"

„Hey, das geht ab. Wir feiern die ganze Nacht.“ Als das Lied von den „Atzen“ aus den Lautsprechern in der Wiener Bettelalm tönt, ist es nach 2 Uhr früh. Die Disco am Lugeck im ersten Bezirk muss ab 1. Jänner nicht mehr um Mitternacht zusperren. Und tut das auch jetzt schon nicht.

Unser Tisch ist für 23 Uhr reserviert. Wir sind in der Gruppe unterwegs und kommen nach und nach beim Lokal an. Der Security-Mann am Eingang bittet uns gleich, leise zu sein. Außer uns ist niemand vor der Tür. Denn eingelassen wird nur der, der via Handy-App eine Eintrittskarte gelöst hat. So soll verhindert werden, dass sich Disco-Besucher allzu lange vor dem Lokal aufhalten – und im schlimmsten Fall dabei auch noch laut sind.

Kurz vor Mitternacht, also zu dem Zeitpunkt, als die Bettelalm eigentlich schon auf die Sperrstunde vorbereitet werden sollte, geht es auf der Tanzfläche gerade so richtig los. „Atemlos“ von Helene Fischer oder Musik der Backstreet Boys heizen die Stimmung an. Der Musik-Mix soll die ganze Nacht so erhalten bleiben. Den Menschen scheint es zu gefallen, sie tanzen und trinken und trinken und tanzen. Als ich um kurz vor 2.30 Uhr früh eine Kellnerin frage, ob nicht um Mitternacht zugesperrt hätte werden müssen, sagt sie nur: „Ab Jänner gar nicht mehr und jetzt zahlen wir halt Strafe.“