Chronik | Wien
17.08.2018

Verbote in Wien: Mehrheit wünscht sich strenge Regeln

Mehr als 37.000 Fahrgäste stimmten für das Essensverbot auf allen U-Bahn-Linien. Das hat auch unbewusste Gründe.

Man werde kleinen Kindern „nicht das Keksi aus der Hand reißen“, sagt Öffi-Stadträtin Ulli Sima (SPÖ). Davon abgesehen wird Essen in der Wiener U-Bahn demnächst aber generell untersagt. Gemeint ist damit nicht nur stark riechendes Fast Food, wie Kebab, Pizza, Burger oder Leberkäsesemmeln, sondern alles Essbare. Zunächst wird der Verzehr von Speisen aller Art ab Anfang September in der U6 verboten. Und ab 15. Jänner gilt der Essensbann dann auch auf alle weiteren Linien.

Damit werde man dem Wunsch der Fahrgäste gerecht, die online über die Maßnahme abstimmten, erklären Sima und Wiener-Linien-Chef Günter Steinbauer. Insgesamt nahmen 51.216 Personen am Voting teil, 37.453 plädierten für ein Essensverbot auf allen Linien. Hauptmotive seien die Geruchsbelästigung sowie die Verunreinigung von Sitzen und Zugsböden durch Essensreste.

Unsicherheit und Angst

Soweit das unmittelbare Argument für das neueste Verbot in der Bundeshauptstadt. Die Motive der Befürworter hätten aber auch unbewusste Gründe, erklärt Kommunikationspsychologin Natalia Ölsböck: Bedingt durch den geopolitischen Wandel hätten die Menschen ein größeres Bedürfnis nach Sicherheit als noch vor ein paar Jahren. Und dieses stehe in Zusammenhang mit Kontrolle.

„Das Interessante ist, dass sich die Menschen, wenn sie die Wahl haben zwischen Freiheit und Sicherheit, momentan eher für die Sicherheit entscheiden – weil die Grundemotionen in unserer Gesellschaft Unsicherheit und Angst sind“, sagt Ölsböck. Das erkläre, warum Law- & Order-Parteien derzeit international hoch im Kurs stehen. „Weil sie Kontrolle versprechen.“ Am Beispiel der Wiener SPÖ sehe man aber, dass sich nicht nur rechte Fraktionen dieser Stimmungslage bedienen bzw. aus Selbstzweck bewusst Beiträge dazu leisten. Das bestätigt auch Politikberater Thomas Hofer.

In Österreich, und speziell in den Städten, habe die Migration einen nicht unerheblichen Anteil am Ruf nach mehr Sicherheit, erklärt Ölsböck: „Andere Kulturen kommen herein und damit können viele nicht umgehen“. Das führe aber auch dazu, dass insbesondere Personen mit Migrationshintergrund das Essensverbot als gezielte Diskriminierung verstehen könnten – etwa wenn es um ihren Kebab gehe.

Ändern werde sich die Sehnsucht nach Ge- und Verboten erst, wenn sich die Leute zu sehr eingeschränkt fühlen, sagt die Psychologin. Das werde aber erst der Fall sein, wenn sie sich sicherer fühlen. Jeder einzelne könne hier einen Beitrag für sich selbst leisten: „Ganz wichtig wäre, sich auf positive Emotionen zu fokussieren; sich nicht von Angst und Unsicherheit beherrschen zu lassen. Freude und Mitgefühl fördern die Toleranz und würden das Zusammenleben verbessern.“

Noch keine Strafen

Law and Order hin oder her. Strafen sind in der ersten Phase des Essensverbots jedenfalls noch keine vorgesehen, kündigt Sima an. Man setze viel mehr auf eine Schärfung des Problembewusstseins. Für alle Zeiten ausgeschlossen seien Konsequenzen bei Missachtung aber nicht. Ein Strafausmaß, wie etwa beim Ignorieren der bisherigen Hausordnung sei eine Möglichkeit, meint Steinbauer. Derzeit beträgt die Pönale für uneinsichtige Kunden 50€.

Protest an „Simas Verbotspolitik“ kommt von den Wiener Neos. „Mit dem absoluten Essverbot schränkt Sima die Freiheit der Bürger massiv ein“, meint der designierte Klubobmann Christoph Wiederkehr. Dass es grundsätzliche Richtlinien im Miteinander brauche, sei klar – dieses Verbot entspreche aber nicht den Lebensrealitäten vieler Berufstätiger und nehme auch keinerlei Rücksicht auf Kinder.