Chronik | Wien
28.07.2017

Wien: Unfall heizt Rettungsdebatte an

Patientin blutüberströmt abgeliefert / Privater Fahrtendienst stellt Vorfall anders dar.

Erst am Mittwoch hatte Peter Hacker, Leiter des Fonds Soziales Wien (FSW), der von der zuständigen Stadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) mit der Reform der Kranken- und Rettungstransporte beauftragt wurde, gesagt: "Patienten werden von der aktuellen Krise des Transportwesens nichts spüren."

Einen Tag darauf wurde er falsifiziert: "Der Fahrer vom Transportdienst hat meine Patientin blutüberströmt in meine Ordination gebracht", erzählt Karin Unger, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie. "Nachdem er in gebrochenem Deutsch zu erklären versucht hat, was vorgefallen ist, ist er schnell wieder gefahren." Unger desinfizierte die Mitte 70-jährige Patientin, die bei dem Vorfall am Dienstag eine Gehirnerschütterung erlitt, und bemerkte am Hinterkopf eine Rissquetschwunde. Unger rief den 144-Notruf, die Patientin wurde ins Allgemeine Krankenhaus der Stadt Wien (AKH) gebracht.

Erst am nächsten Tag war die Patientin in der Lage, über den Vorfall zu sprechen: Der Fahrer des privaten Krankentransportdienstes Blaguss sei in zweiter Spur vor der Ordination von Ungar in Wien-Hietzing stehen geblieben und habe sie aussteigen lassen. Laut Ungar kann die Patientin aber ohne Stock und menschlicher Unterstützung nicht alleine stehen. Erst danach habe der Fahrer den Rollstuhl aus dem Fahrzeug geholt. "Das hätte er definitiv vor dem Aussteigen der Patientin machen müssen", sagt Unger. "Es ist mir auch ein Rätsel, wie der Fahrer die blutüberströmte Patientin die Stiegen zu meiner Ordination im Halbstock hinaufgebracht hat", fährt sie fort.

Andere Darstellung

Das Unternehmen Blaguss-Minibus-Service GmbH ist eines jener sechs Unternehmen mit denen die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) Verträge für Fahrtendienste abgeschlossen hat – und ist damit Teil der aktuellen Diskussion rund um die Krankentransporte.

Laut Rotem Kreuz müssen 35 Sanitäter gekündigt werden, weil die WGKK vermehrt günstigere Fahrtendienste (2016: 300.000) und nicht die Rettungsorganisationen (2016: 260.000 Fahrten) beauftragt.

Blaguss stellt den aktuellen Vorfall gänzlich anders dar: "Die Patientin wurde im eigenen Rollstuhl sitzend im Auto transportiert. Nachdem sie ausgeladen wurde, hat der Fahrer den Hebelift wieder geschlossen. Währenddessen wollte die Dame etwas aus ihrer Handtasche hinten im Rollstuhl holen und ist dabei umgekippt", sagt Geschäftsführer Manfred Skoll. "Normalerweise sind unsere Fahrer bei einem Vorfall angehalten, Rettung und Polizei zu informieren. Weil er aber vor der Ärztin gestanden ist, hat er sich entschlossen, die Patientin hineinzubringen."

"Ein Tragesessel hätte geholfen. Es heißt, dass jeder den richtigen Krankentransport für seinen Fall bekommen soll. Bei meiner Patientin war das definitiv nicht der Fall", sagt Unger. Skoll entgegnet, dass die Fahrtendienste keinen Einfluss darauf hätten, welcher Transport dem Patienten zugeteilt wird: "Wir bekommen die Aufträge von der zentralen Leitstelle der WGKK vermittelt und schicken dann das gewünschte Transportmittel." Die WGKK ist laut einer Aussendung dabei, den Vorfall zu überprüfen. Für Hacker ist der Vorfall "ein sehr erschreckendes und gutes Beispiel, dass wir uns ansehen müssen, wie die Zuteilung erfolgt, um solche Fälle zu vermeiden und eine saubere Distribution zu ermöglichen".

Taxis sind bei Anschlag nicht in der Lage, zu versorgen

KURIER: Welche Auswirkungen haben die Entwicklungen bei den Rettungs- und Krankentransporten?

Foitik: Ich erkläre es anhand eines Beispiels: Wenn man Pizzen ausliefert, müssen Transportmittel bereitstehen. Wenn es mehr Bestellungen gibt, dauert es länger. Die Ressourcen orientieren sich am durchschnittlichen Bedarf.

Und bei Rettungsdiensten?

Da orientiert man sich am Spitzenbedarf. In manchen Fällen können Patienten warten. Wenn aber Großbedarf besteht, etwa bei einem Anschlag wie in Paris, sind Taxis nicht in der Lage, für die Versorgung aufzukommen. Politiker müssen sich fragen, ob sie ein System, das über Jahrzehnte funktioniert hat, kaputt sparen wollen.