Chronik | Wien
26.07.2017

Sanitäter steigen auf die Barrikaden

Nach Kündigungen sind öffentliche Protestaktionen geplant. Streik erst als letzte Maßnahme.

Die Gewerkschaft wird den Protest gegen die Kürzungen im Wiener Rettungswesen auf die Straße verlegen. Bei einer Betriebsversammlung Dienstagabend im ÖGB-Haus beschlossen 98,9 Prozent der rund 450 versammelten Sanitäter "flächendeckende Maßnahmen im öffentlichen Raum", wie es Helmut Gruber, Vorsitzender der Gewerkschaft vida formuliert. Wie die Aktionen im Detail aussehen werden, will er noch nicht verraten. "Wir wollen uns nicht den Überraschungseffekt nehmen lassen", sagt er zum KURIER.

Gleichzeitig wurde am Dienstag vereinbart, mit der Stadt und der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) in Verhandlungen zu treten. Sollten diese fruchtlos bleiben, drohen Kampfmaßnahmen. "Ein Streik steht aber erst am Ende des Maßnahmenkatalogs", sagt Gruber.

Anlass für die aktuellen Proteste sind die 35 Kündigungen von Sanitätern beim Wiener Roten Kreuz. Die Rettungsorganisation steht unter Spardruck, weil Krankentransporte vermehrt von kostengünstigeren Fahrtendiensten durchgeführt werden. Auch andere Organisationen wie etwa die Johanniter leiden unter diesem Problem.

"Angesichts des Kaputtsparens bei sämtlichen Blaulichtorganisationen können und wollen wir nicht mehr tatenlos zusehen", betont Gruber. Das "Spardiktat" würde den qualifizierten Krankentransport gefährden, warnt er. Ausgebildete Rettungssanitäter würden gegen unqualifizierte Fahrer getauscht werden. Den Patienten stünden damit Beschäftigte aus Taxi- oder Mietwagenunternehmen zur Seite statt Experten.

In dieselbe Kerbe schlägt das Rote Kreuz: "Wenn Personal und Fahrzeuge eingespart werden, fehlen sie bei Notfalleinsätzen. Das führt zu längeren Wartezeiten für Patienten. Im Regelbetrieb kann die Versorgungssicherheit gefährdet sein – genauso bei Katastrophen und Großveranstaltungen."

Gewerkschafter Gruber fordert eine grundlegende Reform des Rettungswesens: "Im Idealfall soll das ganze System auf neue Füße gestellt werden."

Zu viele Fahrten

Wiens Patientenanwältin Sigrid Pilz begrüßt die derzeitige Debatte über eine optimale Akut- und Notfallversorgung: " Wien hat ein spitalslastiges System mit vielen Anfahrten in Spitäler. Ein Teil der Fahrten könnte durch eine vernünftigere und zielgerichtetere Versorgung eingespart werden." Sie empfiehlt, die Gesundheitshotline 1450 auf alle Akut- und Rettungsdienste auszudehnen. "Unter 1450 sollen alle Telefonnummern, von 144 über den Ärztefunkdienst, bis eben zur Gesundheitshotline auf einem Desk zusammengeführt und dort entschieden werden, was die richtige Versorgung ist."

Auch die WGKK, auf deren Betreiben es zur Verlagerung zu Fahrtendiensten kam, sieht die Hotline als zielführend, unnötige Spitalsaufenthalte zu vermeiden. "Ohne Frage muss jeder Patient den Transport bekommen, der medizinisch notwendig ist. Nicht in jedem Fall ist das ein Blaulicht-Krankenwagen. Oftmals reicht ein Fahrtendienst", heißt es von der WGKK.

Ein Fahrtendienst kostet 18,78 Euro pro Fahrt, ein Transport mit dem Roten Kreuz 66,76 Euro. Die WGKK hat mit sechs Fahrtendienst-Unternehmen Verträge abgeschlossen. Einer davon ist Hallermobil. "Wir verwahren uns gegen die seitens der Blaulichtorganisationen zuletzt erhobenen Vorwürfe der mangelnden Hygiene, Inkompetenz, etc., weil diese nachweislich unrichtig sind", betont Firmenschef Thomas Haller. Er sagt aber auch die Teilnahme an einem runden Tisch zu, den Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) angekündigt hat. Geleitet wird das Forum, an dem neben Rotem Kreuz, Johanniter, Malteser und Samariterbund, die WGKK und Gewerkschaft teilnehmen, von Peter Hacker, Geschäftsführer des Fonds Soziales Wien.

Jedes Bundesland hat eigene Organisationsform, Kritik gibt es kaum

Die Probleme, die Wien derzeit in Sachen Krankentransporte zu bewältigen hat, sind in Niederösterreich kein Thema. „Bei uns gibt es Gemeinde-Rettungsverträge, die alles regeln. Die Arbeitsplätze sind sicher“, sagt Landesrettungskommandant Werner Kraut von nö. Roten Kreuz.

Allerdings steht das neu eingeführte Notfall-System in Niederösterreich in der Kritik. Seit 1. Juli fahren Notärzte nicht mehr im Notarztwagen, sondern im separaten Einsatz-Pkw (NEF) zum Notfall-Ort. Der Patienten wird dann nach notärztlicher Versorgung in einem beigestellten Rettungsauto – mit oder ohne Mediziner – ins Spital gebracht. Es fehle ein zweiter Notfallsanitäter und die gewählten Fahrzeuge seien als NEF zu klein, heißt es. Das zuständige Rote Kreuz will in Zukunft mehr Notfallsanitäter auch im Rettungswagen einsetzen und überlegt, in Zukunft auf andere Fahrzeuge umsteigen, kontern die Verantwortlichen.

Das niederösterreichische Notarzt-System ist – mit kleinen Unterschieden – in Tirol seit Jahren Praxis. In den peripheren Regionen übernehmen niedergelassene Ärzte Notarztdienste. Werden sie alarmiert, rücken sie mit ihren eigenen Autos zum Einsatzort aus. Gleichzeitig wird von der Leitstelle ein Krankenwagen losgeschickt. Außerdem gibt es zusätzlich 13 Notarzt-Stützpunkte. Hier hält das Rote Kreuz Notarzteinsatzfahrzeuge (NEF) samt Sanitätern bereit. Die Ärzte werden unter anderem von Krankenhäusern gestellt. Zum Krankentransport wird auch bei diesem System ein Rettungswagen nachgeschickt. So sind bei jedem Einsatz mindestens vier Helfer vor Ort.

Auch in Tirol gab es früher Notarztwägen, die auch den Krankentransport übernommen haben. „Die Umstellung war ein Lernprozess. Es gab am Anfang auch Kritik. Aber das System hat sich bewährt“, erzählt Christian Kozubowsky vom Rettungsdienst Tirol.

In der Steiermark ist das System zweigeteilt: Das Rote Kreuz fährt Krankentransporte je zur Hälfte mit Rettungswagen und mit anderen Transportmitteln. Notarzt-Einsätze laufen in der Steiermark mit speziellen Notarztwagen ab; das Land betreibt sie und zahlt die Notärzte, das Rote Kreuz stellt Fahrzeuge und Sanitäter. Der Personalstand an angestellten Sanitätern ist seit längerer Zeit stabil und liegt bei rund 500. Daran soll sich nichts ändern, versichert ein Sprecher des Roten Kreuzes.

Keine Einsparungen

Einsparungen sind auch in Kärnten kein Thema, im Gegenteil: Hier macht man sich Sorgen, ob künftig noch genügend Notärzte zur Verfügung stehen werden, die auf Werksvertragsbasis für die Organisation tätig sind. „Die neue Generation von Notärzten will mehr Freizeit haben. Falls es zu einem Engpass kommt, müssen die Krankenanstalten die Notarzt-Dienste übernehmen“, sagt Kärntens Rotkreuz-Präsident Peter Ambrozy.

In Salzburg sind Probleme wie in Wien „kein Thema“, versichert Rotkreuz-Sprecher Matthias Leinich. Bei den Krankentransporten sei kürzlich der Vertrag mit der Salzburger Gebietskrankenkasse verlängert worden; Einsparungen beim Personal seien daher nicht notwendig. Auch bei der Versorgung durch Notärzte, vor allem im Flachgau, sehe man entgegen der Forderungen der Salzburger SPÖ keinen Handlungsbedarf.

Retter brauchen Hilfe

Das Wiener Rettungswesen muss reformiert werden. Seit die Gebietskrankenkasse aus Kostengründen für Krankentransporte statt den Rettungsorganisationen vermehrt Fahrdienste beschäftigt, müssen die Retter massiv einsparen.

Ein gefährlicher Trend. Natürlich braucht nicht jeder Krankentransport einen Notfallsanitäter. Fakt ist auch, dass die Rettung oft unnötig gerufen wird. Dass die Stadt Wien sparen muss, ist ebenso kein Geheimnis. Aber einfach zu kürzen, ohne ein Reformkonzept für das Rettungswesen zu haben, wird nicht funktionieren. Sollte es zu einem Katastrophenalarm mit mehr als hundert Verletzten kommen, muss eine Millionenmetropole in der Lage sein, das zu stemmen. Das muss Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger klar sein.