Chronik | Wien
12.11.2017

Treffpunkt Wien: Tafelspitzsulz im Traditionsbeisl

Bei seinen Wien-Aufenthalten steht für Gerhard Rühm ein Besuch im Gasthaus "Zu den 3 Hacken" ganz oben auf der Liste.

Gerhard Rühm gehört zu den größten Universalkünstlern des Landes. In der reaktionären Zeit nach dem 2. Weltkrieg machte er mit Lautgedichten und Sprechtexten auf sich aufmerksam. In einer Periode, in der moderne Musik militant abgelehnt wurde, nahm er Privatunterricht bei einem Zwölftonkomponisten, und 1954 war er an der Gründung der legendären "Wiener Gruppe" beteiligt.

Zum Diskutieren und Debattieren mit Literaten wie H. C. Artmann oder Friedrich Achleitner hat er sich mitunter auch im Beisl "Zu den 3 Hacken" eingefunden, einem der ältesten Gastwirtschaften der Stadt. Es ist ein Lokal, das Rühm auch 60 Jahre später noch gerne aufsucht.

So auch bei seinem jüngsten Wien-Besuch.

"Das wollte ich schon seit Langem essen", meint Gerhard Rühm, und sticht in die Tafelspitzsulz, die ihm soeben serviert worden ist. Die Wiener Küche ist eigentlich das Einzige, das er in seinem aktuellen Wohnort vermisst. Denn nachdem Rühms Arbeiten in den 60er-Jahren behindert wurden, verließ er das Land. Er fand zunächst in Berlin, zwischendurch in Hamburg sein Zuhause und lebt nun in Köln.

Rückblick und Ausblick

Derzeit besucht der 87-Jährige seinen Geburtsort wieder öfter. Im Bank Austria Kunstform auf der Freyung ist bis Ende Jänner eine Retrospektive seines Oeuvres zu sehen.

Seine Typocollagen und Schreibmaschinenideogramme findet man ebenso wie Schriftfilme oder Melodramen. Zur Finissage wird er mit seiner Frau Monika Lichtenfeld auf der Bühne stehen.

Auch wenn sein Alter und mehrere Retrospektiven anderes vermuten lassen könnten: Als Künstler hat Rühm noch viele Pläne. "Manchmal bin ich deprimiert, wenn ich mir denk, dass sich das alles nicht mehr ausgehen wird." Eine Art Poetik der Schreibmaschine plant er etwa und einen Roman mit dem Titel "Von Lieben bis Luther".

Grant auf Österreich hat er heute im Übrigen keinen mehr. "Österreich hat sich ja total verändert", sagt er. Die hitzigen Diskussionen, die er mit seinem Vater, einem Mitglied der Philharmoniker, geführt hat, gäbe es heute wohl nicht mehr. "Für meinen Vater hat die Musik bei Richard Strauß aufgehört. Er hat sich fürchterlich aufgeregt, wenn ich Zwölftonmusik gespielt habe. Einmal hat er mir sogar die Noten zerrissen."

Von Menschen mit konservativen Einstellungen hat sich Rühm aber nie etwas vorschreiben lassen. "In der Musikhochschule, die ich dann besucht hab, war Jazz strengstens verboten. Man konnte deswegen rausgeschmissen werden. Natürlich haben wir es dennoch gespielt. Es ist einfach immer einer Wache gestanden und im Notfall haben wir auf Beethoven gewechselt", sagt er, und in seinem Grinsen kann man den Schelm von früher erkennen.

Trotz all der Auflehnung legt er jungen Künstlern eines ans Herz: Jeder sollte die eigene Kulturgeschichte, die eigene Tradition gut kennen.

Kein Ketchup

Das hat er mit der Lokalchefin gemein. Denn auch Josefine Zawadil legt Wert auf Tradition. Die Holzvertäfelung und die Beisl-Schank hat sie bei ihrer Übernahme vor 16 Jahren unverändert gelassen. Ketchup oder Pommes sucht man in der Speisekarte vergeblich. Dafür findet man Innereien. Vor 16 Jahren war sie damit eine Ausnahme. Heute kehren wieder mehr Gastronomen zum typisch Wienerischen zurück. Und die Gäste kommen extra wegen Hirn oder Nierndl vorbei. Wer auf Ketchup besteht, dem sei zu ihrem Zweitlokal geraten. Das " 3 Hacken Magazin" befindet sich nur ein paar Schritte entfernt in der Riemergasse.