Chronik | Wien
10.11.2018

Treffpunkt Wien: „Viele geben’s Köpferl in den Sand“

Ruth Brauer über Angst, das magdas als Positivbeispiel für Integration und Tribut an ihren Vater.

Ruth Brauer steht seit den 90er-Jahren auf der Bühne, hat in Filmen wie Serien mitgespielt, ein Buch geschrieben und im Frühling das erste Mal Regie geführt. Emotional stellt die Aufführung, an der sie derzeit arbeitet, die Projekte der letzten 20 Jahre aber in den Schatten.

Anlässlich des 90. Geburtstags ihres Vaters Arik Brauer arbeitet sie an einem Tribut-Programm.

 

 

Eine Zeitreise aus seinen Texten und Liedern, der Weg eines Kriegskindes in die totale Kreativität, die in Schwarz-Weiß beginnt und in Farbe endet. „Im wahrsten Sinne des Wortes, mein Vater macht das Bühnenbild“, sagt sie. Premiere ist am 4. Jänner, seinem Geburtstag, im Rabenhof.

„Als Kind sind mir bei Gestalten wie dem Spiritus (Anm. Brauer-Lied) die ärgsten Filme im Kopf abgelaufen. Sie haben mir große Angst gemacht.“ Durch konzentrierte Beschäftigung bekomme sie nun eine gewisse Distanz und nimmt die Geschichten aus Sicht einer erwachsenen Schauspielerin wahr. „Es ist eine extrem schöne Reise für mich.“ Wie aktuell viele der Texte seien, sei aber fast gruselig. „Hinter meiner, vorder meiner, links, rechts güts nix / Ober meiner, unter meiner siach i nix. Es ist unfassbar, wie wir heute unser Köpferl in den Sand stecken.“

Integrieren

Bewusst wollte sie sich für das KURIER-Gespräch im magdas Hotel treffen, Österreichs erstem Social-Business-Hotel, in dem geflüchtete Personen einen Arbeitsplatz finden. Von der Caritas ins Leben gerufen, 2015 eröffnet.

Mittlerweile hat sich das Hotel nicht nur als Übernachtungsmöglichkeit etabliert: Aufgrund der Nachfrage gibt es vier Seminarräume und auch Anfragen von Hochzeitsgesellschaften würden sich häufen, sagt magdas-Geschäftsführerin Gabriela Sonnleitner, während im magdas-Salon um sie herum emsiges Treiben herrscht.

Das Konzept kommt so gut an, dass es Gespräche über ein magdas Hotel in Rotterdam gibt. „Es ist für mich das perfekte Beispiel für funktionierende, positive Integration“, sagt Ruth Brauer und nimmt einen Schluck von ihrem Cappuccino. „Ich finde, man muss sich viel mehr darauf konzentrieren, was funktioniert – und nicht darauf, was Angst macht.“ Wie es die Populisten tun würden. „Der Weg der Regierung ist eine Sackgasse.“

Müsse Kunst in dieser Zeit politischer werden oder eine Ablenkung sein? „Beides.“ Einerseits sei Bühnenkunst dazu da, Menschen zum Lachen zu bringen. Schon die alten Griechen hätten die Kranken ist Theater mitgenommen, damit sie lachten. „Weil es eine unglaubliche Kraft hat. Wenn man aus Herzen lacht, gibt es keine Angst. Deswegen haben Juden immer so einen Humor.“

Andererseits sei die Bühne ein Ort, Menschen ins Hier und Jetzt zu bringen. „Wo ist man heutzutage zwei Stunden ohne Smartphone?“ Das Theater sollte Menschen zum Nachdenken anregen, ihnen Empathie näher bringen.

Dranbleiben

Was hat ihr Vater ihr näher gebracht? „Er hat immer gesagt: ,Das, worauf man sich konzentriert, wächst.’ Man muss also bei einer Sache bleiben, durch die Schwierigkeiten durch, damit sie blühen kann. Das habe ich mir zu Herzen genommen.“ Und: „Er ist der disziplinierteste Mensch, den ich kenne“, sagt sie. „Er fängt um sieben Uhr früh an zu malen und hört um sieben Uhr abends auf. Da ist keine Spur von einem Bohemien. Mein Vater ist ein harter Arbeiter.“

Die Arbeit mit seinen Liedern bringe ihr auch die Geschichte näher. „Dieses unglaubliche Gefühl der Möglichkeiten nach dem Krieg, das ist mir erst jetzt bewusst geworden. Mein Vater hat sich aufs Fahrrad gesetzt und ist nach Afrika gefahren. Ein Kilo Speck, ein Kilo Zucker und Sandalen umgeschnallt – und los. Das hat mich sehr inspiriert.“

So wie sie mit ihrem Stück inspirieren möchte. Jenen Menschen, die Texte näherbringen möchte, die nicht mit ihnen aufgewachsen sind. Derzeit ist sie am Textlernen. Die größte Herausforderung sieht sie in der Sprache, obwohl sie in Wien groß geworden ist: „Dieses Wienerisch, des konn i ned so wirklich’“, sagt sie und lacht. „Gestern hat mein Vater zu mir gesagt: ,Du sprichst Wienerisch wie eine Josefstadt-Schauspielerin. A bissl g’spritzt.“