Chronik | Wien
29.01.2017

Treffpunkt Wien: Krautfleckerln für Sonntagskinder

Kabarettist und Kochmuffel Gery Seidl sprach im Steman über sein neues Soloprogramm.

Die gleichzeitige Hantieren an zwei Herdplatten verursacht Gery Seidl einen derartigen Stress, dass er lieber vor 1000 Leuten auf der Bühne als alleine in der Küche steht. Daher ist es kaum verwunderlich, dass der 41-Jährige nicht nur begeisterter Kabarettist sondern auch leidenschaftlicher Restaurantbesucher geworden ist.

Wichtig bei beidem: die Bodenständigkeit. Ein Lokal, das er genau deswegen schätzt, ist das "Steman" in der Otto-Bauer-Gasse (6. Bezirk). Hier ist das Wiener Schnitzel vom Kalb, der Café Latte heißt Häferlkaffee und nach Ketchup fragt der Gast vergeblich. Seit Seidl ein Haus in Höflein besitzt, schafft er es zwar nicht mehr so oft hierher. Wenn es sich – wie an diesem kalten Jännertag – aber ausgeht, muss er immer noch nicht in die Speisekarte schauen: Mit einer Order für Krautfleckerln bahnt sich der Kellner den Weg gleich wieder zurück in die Küche.

Die anderen Tische sind fast alle besetzt. In der Schank mit dem holzverkleideten Kühlschrank zapft der Kellner fleißig Bier. Nimmt man noch die klassischen Gerichte hinzu, könnte der Eindruck entstehen, das Lokal bestehe in dieser Form schon etliche Jahrzehnte. Tatsächlich haben die heutigen Besitzer Stephan Schiffner und Manfred Haas, das ehemalige "Zur Stadt Salzburg" erst kurz vor der Jahrtausendwende übernommen und als "Steman" in eine neue Ära geführt.

Lokale mit Städtenamen dürften es den Chefs übrigens angetan haben. Ein gutes Jahrzehnt später, also 2011, pachteten die Gastronomen zudem das Wirtshaus "Zur Stadt Krems" in der Zieglergasse.

In der echten Stadt Krems und auch in Salzburg ist Seidl mittlerweile fast so oft wie in Wien. 50.000 Kilometer hat der Künstler im Zuge seiner "Bitte Danke"-Solotour zurückgelegt. An seiner Seite eine Person, die er ebenfalls wegen seiner Bodenständigkeit schätzt: Alexander Schimanek, der Techniker.

Premiere im Stadtsaal

Wie wichtig Schimanek, nicht nur als Techniker, sondern auch als aufmerksamer Zuhörer, Tipp-Geber und Neue-Sätze-Notierer für Seidl ist, hat der Künstler in den vergangenen Wochen wieder erkennen können. Am Donnerstag feierte Seidl mit dem Programm "Sonntagskinder" im Wiener Stadtsaal Premiere. Und die wäre ohne Schimanek wohl nicht so glatt über die Bühne gegangen.

Wovon das neue Stück handelt? Seidl (selbst ein Sonntags-, ja sogar ein Muttertagssonntagskind) sieht den Titel als "Metapher für unsere Sonntagsgesellschaft". "Denn", erklärt er, während er den ersten Bissen Krautfleckerln aufspießt, "so schlecht geht es uns nicht. Natürlich gibt es dramatische Schicksale. Aber es wird einen auf der Straße keiner erschießen. Da geht’s woanders viel schlimmer zu. Wieso müssen wir also dauernd sudern?" Denn der kleine Krieg beginne dieser Tage ja schon in den Leserkommentaren. Etwa wenn "der Willi, wohnhaft in Feinripp, von Beruf Welthasser mit staatlicher Unterstützung, sprich mindestgesichert, seinem Zorn Luft macht. Aber", fährt Seidl fort, "der Willi gehört zu uns, den haben wir am Weg verloren. Diese Verantwortung können wir nicht abstreifen. Deshalb müssen wir schauen, dass nicht so viele Willis nachkommen", sagt er, nimmt einen Schluck Apfelsaft und ergänzt: "Wir brauchen keine Wutbürger, die sich hinter ihren Bildschirmen verstecken. Wir brauchen Mutbürger." Und diesen Standpunkt vermittelt er auch seinem Publikum.

Sonntagskinder „Selfie, Selfie in der Hand – wer ist der Schönste im ganzen Land? Du, mein fröhlich Sonntagskind – und alle, die auch eines sind.“
In seinem neuen Programm kommt Gery Seidl zur Erkenntnis, dass wir doch alle Sonntagskinder sind.

Termine und Infos

3. 3., Steyr, Altes Theater
4. 3., Wien Globe Theatre
7. 3. und 8. 3., Kulisse Wien
18. 3., Stadtsaal, St. Pölten
28. 3., Berndorf, Stadttheater