Chronik | Wien
22.07.2018

Treffpunkt Wien: „Die wahre Liebe lässt blühen“

Nächsten Freitag liest Johannes Krisch Hemingways Liebesbriefe. Im Diglas sprach er über seine eigene Liebe.

Natürlich wusste Johannes Krisch, dass Ernest Hemingway ein umtriebiger Mensch war. „Wie jeder Mann halt“, ergänzt er schmunzelnd, im ersten Stock des Café Diglas im Schottenstift sitzend. Aber von dem jahrelangen, leidenschaftlichen Briefwechsel zwischen Hemingway und Marlene Dietrich wusste er bis vor Kurzem nichts.

Er weiß es nun, weil er am Freitag mit Sona MacDonald beim Schwimmenden Salon – dem Lese-Festival von Angelika Hager alias Polly Adler – Briefe von Hemingway und Dietrich und auch von Hemingway und Martha Gellhorn (Kriegsreporterin und seine dritte Ehefrau) lesen wird.

Anders als bei Martha Gellhorn ist die Liebe bei Ernest Hemingway und Marlene Dietrich aber nie körperlich geworden, trotz der jahrelangen Anziehung. Sie hätten schlechtes Timing, eine „asynchrone“ Leidenschaft, meinte Hemingway einmal.

Kann die wahre Liebe am falschen Zeitpunkt scheitern? „Ja“, glaubt Johannes Krisch. „Aber ich denke, es wird auch seinen Grund gehabt haben, warum sie nicht zusammengekommen sind. Vielleicht hätten sie gar nicht zueinander gepasst.“ Gibt es denn die wahre Liebe? „Klar“, sagt er, und ergänzt lachend: „Meine.“ Nachdenklicher fährt er fort: „Da haben sich zwei Seelen gefunden, auf der unendlichen Zeitreise, endlich.“

Und was wahre Liebe ausmacht? „Sie fordert nicht, lässt den anderen blühen. Sonst ist die Liebe eine Blume, die ich pflücke, und dann ist sie kaputt. Man muss sie in der Erde lassen, damit sie für sich selbst sein kann. Alles andere ist Egoismus.“ Aber natürlich sei das in einer Welt des wachsenden Egoismus immer schwieriger, räumt er ein.

Schlitzohr

Der Theater- und Filmschauspieler (Revanche, 360, In the Fade) liest beim Schwimmenden Salon übrigens nicht zum ersten Mal Liebes-Briefwechsel. Vor vier Jahren hat er auf der schwimmenden Bühne im Thermalbad Bad Vöslau mit Schauspielerin Maria Happel Episteln von Oskar Kokoschka und Alma Mahler vorgetragen.

Ob er selbst je Liebesbriefe geschrieben hat? Johannes Krisch lacht auf. „Neinnein, ich war kein Liebesbriefschreiber“, sagt er. „Ich war ein ...“ – er sucht das passende Wort – „... ein Schlitzohr“. Er grinst. Nimmt einen Schluck vom Verlängerten. Schwarz. Mit viel Zucker. Davon trinkt er am Tage viele. „Zu viele.“ Er lehnt sich zurück. Er hätte gerne zum Kaffee geraucht, aber es ist ein verregneter Tag, der Schanigarten ist geschlossen. Und das Lokal ist ein Nichtraucherlokal.

Vor eineinhalb Jahren hat der heute 30-jährige Gastronom Johann Diglas das Traditionskaffee im Schottenstift übernommen, es sanft renoviert, ohne das Kaffeehausflair zu nehmen, und mit einer Mischung aus Alt und Neu zukunftsfit gemacht. Bestellen können Gäste Apfelstrudel ebenso wie Gurkenkaltschale, Rindsgulasch oder Burger mit Pommes.

Etwas zu essen bestellt Johannes Krisch im Kaffeehaus nie. „Ich komm nur für den Kaffee hierher, und um stundenlang Zeitung zu lesen, die Menschen zu beobachten, den Tag zu beginnen.“

Das Kaffeehaus war auch das einzige, was er aus Wien so richtig vermisst hat, als er vor einigen Jahren mit seiner Frau nach Berlin zog. Mittlerweile lebt er 60 Kilometer außerhalb von Wien.

Das hektische Großstadtleben reizt ihn heute nicht mehr. „Wien ist gerade auf dem Weg, genauso oberflächlich und schnell zu werden, wie die anderen großen Hauptstädte. Das finde ich schade.“ Und da reicht es ihm, wenn er hin und wieder in die Stadt kommt.

Lieber würde er nun seinen Töchtern die Natur zeigen und mit ihnen Eier aus dem Hühnerstall holen. „Ich versuche gerade, die Langsamkeit wieder zu entdecken.“ Als Kind hatte er ja seinen eigenen Rhythmus gehabt – und den auch leben dürfen. „Ich hab in der ersten Stunde in der Schule immer geschlafen. Und meine Lehrerin hat mich schlafen lassen, weil sie gemerkt hat, dass etwas anderes keinen Sinn machen würde.“

Aber in der heutigen Zeit sei es immer schwieriger, sich diese Langsamkeit zu nehmen. „Wir lassen es ja so oft nicht zu, weil wir gern im Hamsterrad laufen. Wie die Wahnsinnigen.“

Er nimmt den letzten Schluck Kaffee, nickt. Jetzt würde er gerne aufstehen. Eine Zigarette rauchen.

Das Event

Vor sechs Jahren hat Polly Adler alias Angelika Hager den „Schwimmenden Salon“ in Bad Vöslau ins Leben gerufen. Am
27. Juli liest Johannes Krisch mit
Sona MacDonald  aus Ernest HemingwayMarlene Dietrich
und Martha Gellhorn.
Info: www.thermalbad-voeslau.at.


Das Kaffeehaus

Im Jänner 2016 hat Johann Diglas das Café im Schottenstift übernommen und sanft renoviert, ohne ihm  das klassische Kaffeehausfeeling zu nehmen. Es gibt hausgemachte Mehlspeisen, traditionelle Frühstücksangebote,  Bratwürstel (8,90€), aber auch Hummus mit Ciabattabrot