© Kurier/Jeff Mangione

Chronik Wien
06/26/2020

Tragende Mauer in Otto-Wagner-Bau beginnt zu bröckeln

Bauarbeiten unter dem Hosenträgerhaus könnten die Ursache sein. Die Wiener Linien errichten hier die U5-Endstation.

von Bernhard Ichner

Gefahr im Verzug (wenn auch keine Einsturzgefahr) bestand am Mittwoch im 1887 und 1888 von Otto Wagner erbauten Hosenträgerhaus. An einer der tragenden Säulen unter der denkmalgeschützten Fassade des bekannten Jugendstilgebäudes an der Ecke Universitätsstraße/Garnisongasse wurden massive Risse entdeckt. Im Auftrag der Wiener Linien sicherte eine Baufirma das Mauerwerk provisorisch ab. Jetzt wird untersucht, wer den Schaden verschuldet hat.

Die Eigentümer des Hosenträgerhauses (das seinen Namen den sechs senkrechten Schmuckbändern an der Hauptfassade verdankt) vermuten, dass Bauarbeiten der Wiener Linien die Ursache sind. Wie berichtet, soll an der Adresse ja die U5-Station Frankhplatz entstehen.

Fundamentverstärkungen

Bis vor wenigen Tagen führten die Wiener Linien deshalb unter dem Keller Fundamentverstärkungen durch. Zwar nicht unmittelbar an der Gebäudefront, wo nun der Schaden entstanden ist – sondern ein paar Meter dahinter. Die Erschütterungen könnten sich aber ausgebreitet und die historische Bausubstanz beeinträchtigt haben, meinen die Hauseigentümer. Zumal die betreffende Stelle im Zweiten Weltkrieg bereits durch Bomben in Mitleidenschaft gezogen worden sei.

Und man befürchtet weitere Schäden. „Was wird erst passieren, wenn wenige Meter unter der Vorderfront Rolltreppen in den Boden versenkt werden“, fragt der Sprecher der Hausverwaltung, Günter Hofinger. „Vom U-Bahn-Tunnel ganz zu schweigen.“

Experten uneinig

Bei den Wiener Linien will man die Verantwortung für den Schaden weder bestätigen noch dementieren. Ein Sachverständiger der Versicherung werde die Gegebenheiten vor Ort begutachten, sagt eine Unternehmenssprecherin. Im Laufe der kommenden Woche könne man dann mehr über die Ursache sagen.

Nicht unerwähnt lassen will man bei den Wiener Linien allerdings, dass die Hauseigentümer selbst an der Gebäudefront drei Schächte ausheben ließen. Ob diese mit dem Schaden zu tun haben, müsse eruiert werden. Theoretisch wäre das vorstellbar, meint Rainald Löscher von der Baupolizei.

Manfred Heinlein, von den Eigentümern beauftragter gerichtlich beeideter Sachverständiger für Statik, schließt einen Zusammenhang dagegen kategorisch aus. Die besagten Schächte, die die Hauseigentümer ausheben ließen, um die Stabilität der Fassade abschätzen zu können, befänden sich nicht einmal in der Nähe der beschädigten Säule. Sondern im Keller darunter.

Baupolizei sieht keinen Handlungsbedarf

Die Fundamentverstärkungen seien jedenfalls abgeschlossen, heißt es bei den Wiener Linien. Unter der Vorderfront, wo sich die Hauseigentümer zum Schutz der denkmalgeschützten Fassade eine Verstärkung wünschen, sei aber keine vorgesehen. Man führe nur Sicherungsmaßnahmen durch, die für den U-Bahn-Bau notwendig seien.

Bei der Baupolizei erstatteten die Eigentümer deshalb Anzeige. Dort sieht man aktuell aber keinen Handlungsbedarf. "Es gibt ja keine Schäden, das Gebäude ist in bauordnungskonformem Zustand", erklärt Rainald Löscher, der Leiter der Bauinspektion. Und würde es Schaden nehmen, seien ohnehin die Hauseigentümer für die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands verantwortlich - "unabhängig davon, wer den Schaden verursacht hat". Sie könnten sich bloß auf dem zivilrechtlichen Weg schadlos halten.