Chronik | Wien
08.07.2018

Tourismus im Wandel: Urlauben in fremder Leute Wohnungen

Jeder dritte Reisende möchte 2018 privat unterkommen. Darauf reagiert Booking.com

„Es muss authentisch sein.“ Markus Müllegger (37) möchte sich bei Auslandsaufenthalten wie Zuhause fühlen. Bewusst wurde ihm das 2010, als er beruflich für ein Jahr nach Taipei ging und in einem Appartement-Komplex unterkam. Es gab Pool, Sauna, Dampfbad. „Also alles, was das Herz begehrt. Aber erfüllt hat mich das nicht – weil ich das echte Leben nicht mitbekommen hab’.“

Seit seiner Rückkehr nach Wien ermöglicht er anderen Personen, was er selbst nicht erleben konnte: In seinen mittlerweile 100 „Vienna Residences“ bietet er Wohnungen in normalen Wohnhäusern zur Kurzzeitmiete an. Zum einen monatsweise für berufliche Auslandsaufenthalte, seit Kurzem auch tageweise für private Urlauber.

 

Denn im Urlaub in fremder Leute Wohnungen leben – auch das möchten immer mehr Menschen. Das US-Unternehmen Airbnb hat das 2008 im rechten Zeitpunkt erkannt und ist mit mehr 200 Millionen Nächtigungen seit der Gründung der größte Player in der Privatzimmervermittlung.

Nun springen andere Unternehmer auf diesen Zug auf.

Neueinsteiger

Weniger Arbeit. Mehr Reisen: Vermieten Sie Ihr Zuhause. Plakate mit diesem Slogan waren in den jüngsten Wochen in ganz Wien zu sehen. Auftraggeber ist allerdings nicht, wie man vermuten könnte, Airbnb, sondern: Booking.com, Reiseportal mit Sitz in Amsterdam.

Von 28 Millionen Nächtigungsmöglichkeiten, die weltweit über die Seite gebucht werden können, sind 5,5 Millionen bereits sogenannte „Homes oder Appartements“. In Wien sind es aktuell 1400. Darunter fallen auch 19 „Vienna Residences“ von Markus Müllegger.

 

Jedenfalls aber Luft nach oben in dem Segment sieht Olivier Grémillon, Vize-Präsident von Booking.com. Das zeige auch eine aktuelle Umfrage des Unternehmens: Dabei gibt ein Drittel von 57.000 Befragten an, 2018 in einem privaten Appartement nächtigen zu wollen. Eine Studie unter 19.000 Reisenden hatte 2017 ergeben, dass jeder Fünfte mit dem Gedanken spielt, seine eigene Wohnung als Residenz anzubieten, wenn er selbst auf Urlaub ist.

Und, ergänzt Olivier Grémillon: „Viele Urlauber sind nicht exklusiv Hotel- oder Privatzimmergäste. Es kommt immer auch auf den Preis oder die Lage an.“ Wie praktisch also, dass man bei Booking.com beides miteinander vergleichen könne, meint er.

Faire Bedingungen

Während Unternehmer wie Müllegger und Plattform-Betreiber wie Grémillon das Interesse an Privatunterkünften mit Neugier aufnehmen, stehen Hoteliers der Entwicklung skeptischer gegenüber.

Fairer Wettbewerb sei unter den momentanen Rahmenbedingungen nämlich nicht gegeben. Privatvermieter würden die Vorteile des Gewerbes genießen, hätten aber keine der vielen Auflagen. Michaela Reitterer, Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung, fordert von der neuen Stadtregierung deshalb „konsequentes Vorgehen gegen die Para-Hotellerie“.

 

Es habe zwar vergangenes Jahr eine Verschärfung der Stadt Wien in puncto Ortstaxe gegeben. Reitterer bezweifelt aber, dass Personen, die rechtswidrig untervermieten, Steuern und Ortstaxe abführen und somit unter dem Radar laufen.

Und: Mit dem größten Player, Airbnb, hat die Stadt bis dato keine Einigung erzielen können. Man sei in guten Verhandlungen, heißt es aus dem Büro des Wirtschaftsstadtrats Peter Hanke (SPÖ).

Hoffnungsvoll blickt Reitterer auf die für Herbst angekündigte Novelle der Bauordnung. Dabei sollen dann reine Wohnzonen geschaffen

werden.

Dem blickt Markus Müllegger sorgvoll entgegen: Er warnt die Stadt davor, sich in ganzen Grätzeln die Chance auf Kurzzeitappartements zu verbauen. Schließlich gebe es eine große Nachfrage.

Die Österreichische Hoteliervereinigung fordert indes die Einführung einer Registrierungspflicht, wie es etwa in Japan oder Barcelona der Fall ist. Dort dürfen nur jene Personen ihre Wohnungen und Häuser anbieten, wenn sie sich eine offizielle Registrierungsnummer holen.