Chronik | Wien
15.10.2017

Familie über Ismail M.: "Wir haben immer zusammen gelacht"

Die Familie des erschossenen Rekruten erzählt, wer der 20-jährige Ismail M. wirklich war.

Der Tod des 20-jährigen Rekruten Ismail M. beherrschte in der vergangenen Woche die Medien. Die Frage, die sich sowohl Ermittler als auch Experten stellen, ist: War der Kopfschuss ein Unfall oder eine geplante Tat? Der Beschuldigte Ali Ü. (22) beteuerte, sich nicht mehr erinnern zu können, was am Montagabend in der ehemaligen Erzherzog-Albrecht-Kaserne in Wien genau geschah. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes. Der 22-Jährige sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft.

Der Name des Opfers tauchte in den medialen Berichterstattungen immer wieder auf. Der KURIER sprach mit seiner Familie. Zwei seiner drei Schwestern, eine Cousine und sein Schwager beschreiben, wer der 20-Jährige war.

KURIER: Das ist eine schwere Frage für Sie. Wie geht es Ihnen und der Familie?

Deha Kaplan (Schwager): Wir sind natürlich am Boden zerstört. Es ist wie ein Albtraum, der nicht aufhört.

Elif M. (Schwester, Name geändert): Es ist wirklich wie ein Albtraum. Ich kann es noch immer nicht realisieren. Weil wir ihn ( Ismail, Anm.) auch noch immer nicht gesehen haben. Nach dem Aufwachen geht es mir ein bisschen gut, aber den restlichen Tag nicht.

Wie geht es den Eltern?

Elif M.: Sehr schlecht natürlich. Wir versuchen, stark für sie zu sein. Wo es halt geht.

Kann man das Geschehene nach den vergangenen Tagen überhaupt realisieren?

Kaplan: Es ist schon so, dass es mir ab und zu so geht, als wäre alles in Ordnung. Aber dann habe ich immer wieder Ausbrüche. Heute erst, beim Autofahren, habe ich begonnen zu weinen. Man hat plötzlich eine Erinnerung im Kopf, was man zusammen erlebt hat und dann kommt es wieder hoch.

Was war dieser Moment, der Sie so bewegt hat?

Kaplan: Mir ist ein Foto eingefallen, wo ich spaßhalber so mache, als würde ich Ismail würgen. Und er so macht, als er würde er sterben. Da war er 13 Jahre oder so.

Hanife M. (Schwester): Ich habe noch eine bestimmte Szene im Kopf. Wo er am Freitag zu Hause war. Er hat meine Mutter geküsst und umarmt. Mich nicht. Aber ich habe nichts gesagt, weil ich mir gedacht habe, er umarmt mich sicher an einem anderen Tag. Jetzt bereue ich es, dass ich ihn nicht darauf angesprochen habe.

Elif M.: Bei unserem letzten Wiedersehen war es auch so, dass er mich auf die Wange geküsst hat.

Es wurde viel über den Fall an sich berichtet. Doch wie würden Sie Ismail als Mensch und Persönlichkeit beschreiben?

Kaplan: (Holt tief Luft) Er war eigentlich ziemlich lebensfroh und lustig. Wenn man eine enge Beziehung zu ihm gehabt hat, war er lustig. Für Fremde war er das nicht. Da war er nur ein ruhiger Kerl. Er hatte einen Sinn für Gerechtigkeit und war immer extrem direkt. Wenn ihm etwas nicht gepasst hat, hat er es auch so gesagt. Er hat immer seinen Standpunkt vertreten.

Hanife M.: Er war sehr respektvoll gegenüber Menschen – vor allem älteren gegenüber.

Elif M.:Zwischen uns Geschwistern hat es nie einen Streit gegeben. Wir haben immer zusammen gelacht.

Wie war er als Kind? Hat sich das im Laufe der Jahre geändert?

Kaplan: Ja, er ist viel ruhiger geworden. Er war als Kind schon frech.

Elif M.: Eigentlich war er nur lieb.

Kaplan: Lieb schon. Aber auch frech.

Ist er im 20. Bezirk, wo er zuletzt gewohnt hat, aufgewachsen?

Hanife M.: Dort geboren und aufgewachsen. Und ist auch dort in die Schule gegangen.

Wo genau?

Hanife M.:In der Treustraße in die Volksschule.

Und danach?

Hanife M.:Danach war er am Leipziger Platz in der Mittelschule.

Hatte er ein Lieblingsfach?

Hanife M.: Mathematik.

Elif M. : Ja, in Mathematik da war er auch sehr gut.

Kaplan: Das war auch mein Lieblingsfach.

Wohin ist er dann gegangen?

Hanife M.: Er war in einer Berufsschule.

Kaplan: Und hat dort eine Ausbildung zum Bürokaufmann gemacht.

Hanife M.: Ich habe ihn gezwungen ins tgm (HTL, Anm.) zu gehen, sich einschreiben zu lassen. Aber dann wollte sein Freund nicht mitgehen und er dann auch nicht mehr.

War er eigentlich ein guter Schüler?

Hanife M.: Er war sehr klug und schlecht aufgefallen ist er auch nicht. Musterschüler kann man auch nicht sagen. Er war ein durchschnittlicher Schüler.

Was hat er für Hobbys gehabt? Was war seine Lieblingsbeschäftigung neben der Schule und Arbeit?

Kaplan: Fußball. Aber jetzt nicht Fußball spielen.

Sondern?

Kaplan: Er hat alle Matches geschaut. Und gewusst, welches Match wann läuft. Wer gegen wen spielt, wer gewonnen hat. Online-Spiele hat er auch gespielt – also im Internet.

Hanife M.: Er war auch sehr gerne mit Freunden unterwegs. Sein bester Freund hat gemeint, dass sie immer sehr viel Spaß hatten.

Zählte Toni P.(der im August nach einem Marsch in Horn verstarb) vor dem Bundesheer schon zu seinen Freunden?

Kaplan: Nein, die beiden haben sich beim Bundesheer kennengelernt.

Kannten Sie Toni persönlich?

Hanife M.: Ich schon. Er war ein Mal bei uns daheim. Er war auch ein sehr ruhiger Kerl.

War Ismail streng religiös?

Kaplan: Nein. Er war schon gläubig, aber nicht streng religiös.

Er wird in der Türkei bestattet. Warum eigentlich?

Kaplan: Weil es dort ein Familiengrab gibt. Seine Großeltern liegen auch dort.

Ismail hatte ja eine Freundin. Wie geht es ihr?

Kaplan: Natürlich sehr schlecht. Sie ist am Boden zerstört. Das Schlimme ist ja, er ist an dem Tag gestorben, wo sie Geburtstag hatte.

Haben die beiden an dem Tag telefoniert?

Kaplan:Er hat sie angerufen und gesagt: "Um Mitternacht rufe ich dich zurück." Am darauffolgenden Tag hat die älteste Schwester Geburtstag gehabt.

Herr Vural (Anwalt der Familie), wie geht es im Fall selbst weiter?

Ümit Vural: Es ist allen ein großes Anliegen, dass der Fall lückenlos aufgeklärt wird. Da muss man einfach alle Möglichkeiten, die im Raum stehen, in Anspruch nehmen. Beginnend mit einer Tatrekonstruktion bis hin zu Gutachten, die eingeholt werden können. Dann wird man sehen, was am Ende des Tages herauskommt. Obduziert wurde der Leichnam schon. Interessant wird sein, aus welcher Ferne und welchem Winkel der Schuss fiel. Wir warten auch darauf, dass der Leichnam freigestellt wird und die Überführung durchgeführt werden kann. Weil erst dann hat man einen innerlichen Frieden und erst dann realisiert man, was passiert ist. Aylin A. (Cousine, Name geändert): Es kommt vorher nicht zu einem Abschluss. Weil es uns so vorkommt, als ob er zurückkommen würde. Man wartet darauf.