Chronik | Wien
10.10.2017

Toter Wachsoldat: Schuss fiel im Ruheraum

Im Fall des getöteten Soldaten sind noch viele Fragen offen, der Schütze wurde noch nicht einvernommen. Erste Ergebnisse der Befragung wird es erst am Abend bzw. am Mittwoch geben.

Am Tag nachdem in einem Wiener Amtsgebäude des österreichischen Bundesheeres ein Rekrut mit einem Kopfschuss getötet wurde, sind noch viele Fragen offen. Der Schütze wurde zwar noch nicht einvernommen, aber im Vorfeld habe es keinen Streit zwischen den beiden gegeben, berichtete Polizeisprecher Patrick Maierhofer am Dienstag. Erste Ergebnisse der Befragung wird es erst am Abend bzw. am Mittwoch geben. Bekannt ist mittlerweile, dass der Schuss im Ruheraum fiel.

Der Zeuge - ein Wachkommandant, der sich zum Zeitpunkt des Schusses Montagabend um 19.13 Uhr im vorderen Bereich des Wachcontainers in der Vorgartenstraße in der Leopoldstadt aufgehalten hatte - habe bei seiner Einvernahme nicht viel Aufschluss über die Geschehnisse geben können, sagte Maierhofer. Er war bei dem Vorfall nicht dabei. Er beobachtete nur, wie der 22-jährige Wachkommandant-Stellvertreter in den Ruheraum ging, danach fiel der Schuss.

Der 20-Jährige erlitt einen Kopfschuss und verstarb. Sein Kamerad wurde festgenommen. Tatwaffe war das Sturmgewehr 77, das zur Standardausrüstung eines Soldaten in Österreich gehört. Ob der Schuss absichtlich abgegeben wurde oder ob es sich um einen Unfall handelte, war noch völlig unklar.

Am Dienstagvormittag wurde der 22-jährige gebürtige Salzburger erstmals einvernommen, was laut Maierhofer einige Stunden in Anspruch nehmen wird. Die Tatortarbeit des Landeskriminalamtes Wien in dem Wachcontainer in der Vorgartenstraße war ebenfalls noch nicht abgeschlossen.

Der 20-jährige Wiener und sein 22-jähriger Kamerad dürften nicht zerstritten gewesen sein. Auch der Zeuge berichtete, dass es im Vorfeld keine Auseinandersetzung gegeben habe, so Maierhofer. Dazu dass der Rekrut in einem Bett gelegen, von dem 22-Jährigen mit der Waffe angestupst worden sei und sich da ein Schuss gelöst habe, wie oe24.at berichtete, meinte Maierhofer: "Es ist nicht auszuschließen."

Große Bestürzung

Beim Bundesheer herrschte am Dienstag nach dem Tod des Soldaten große Bestürzung. Vor allem der Ausbildner des 22-jährigen Schützen zeigte sich betroffen. Der junge Mann sei der "beste Soldat, den er in den letzten Jahren hatte" und bisher "nur positiv aufgefallen", berichtete Oberst Michael Bauer vom Verteidigungsministerium der APA. Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) sprach am Rande eines Pressetermins von einem "bedauerlichen Vorfall". "Mein Mitgefühl gilt den Eltern und den Angehörigen", sagte Doskozil. Das Ministerium wolle die Ermittlungen der Polizei und der Staatsanwaltschaft abwarten, weil "es auch für uns eine wichtige Frage ist, wie konnte das passieren, zumal ja die Wachsoldaten ihren Dienst nicht mit geladenen Sturmgewehren versehen". Für die Schussabgabe bei einem StG 77 sei laut Doskozil "viel Zutun" notwendig.

Der 22-jährige Salzburger wurde zwei Monate lang zum Wachkommandanten ausgebildet. Dabei wurde er auch im Umgang mit der Waffe angelernt. Der 20-Jährige, der von dem Schuss des Salzburgers tödlich getroffen wurde, erhielt eine vierwöchige Basisausbildung und wurde dann drei Wochen zum Wachsoldaten ausgebildet, sagte Bauer.

Normalerweise schieben drei Soldaten 24 Stunden lang Wache. In dem Fall waren der Wachkommandant - der Zeuge -, der 22-Jährige als sein Stellvertreter und der 20-jährige Wachsoldat im Einsatz. Der Dienst begann zu Mittag. Sieben Stunden später fiel in dem Wachcontainer der Schuss. Ausgerüstet sind die Soldaten mit einem Sturmgewehr 77. Sie haben die Verpflichtung, die Waffe halb geladen bei sich zu tragen. Das heißt, das Magazin mit der Munition ist zwar angesteckt, doch sollte abgedrückt werden, löst sich kein Schuss. Dafür muss die Waffe zunächst geladen und abgedrückt werden.

Das Bundesheer hat nach dem tödlichen Schuss den heerespsychologischen Dienst und militäreigene Peers als Ersthelfer eingeschaltet, um vor allem dem Zeugen des Schussvorfalls zur Seite zu stehen. Dieser Dienst wurde aber auch allen anderen Kameraden angeboten. Auch dem Heer war kein schwelender Konflikt zwischen dem 20- und dem 22-Jährigen bekannt.

Vorfälle mit Dienstwaffen

Der tödliche Schuss am Montagabend in einem Amtsgebäude des österreichischen Bundesheeres ist nicht der einzige Vorfall mit Dienstwaffen, aber seit langem der schrecklichste. 1987 kam unter ähnlichen Umständen in einer Kaserne in Melk ein Wachsoldat ums Leben. 1997 feuerte in St. Pölten ein Unteroffizier auf einen Korporal, der schwer verletzt überlebte. Im Folgenden bringt die APA einen Auszug von Schussvorfällen beim Bundesheer in Österreich:

Mai 1987 - In der Pirago-Kaserne in Melk löst sich bei der Wachablöse ein Schuss aus dem Sturmgewehr eines 21-jährigen Wehrmannes, der einen 19-jährigen Kameraden tödlich am Kopf trifft. Eine Untersuchung ergibt, dass der 21-Jährige entgegen der Vorschriften das Gewehr nicht entladen hatte, ehe er das Wachlokal betrat.

September 1997 - In der Spratzerner Kopal-Kaserne bei St. Pölten feuert ein betrunkener Unteroffizier mit seiner Glock-Pistole auf einen Korporal, der seitlich in den Bauch getroffen wird. Der Mann überlebt schwer verletzt, weil die Schnalle des Feldgurts das Projektil ablenkt. Der Unteroffizier dachte, die Waffe sei nicht geladen und drückte ab.

Mai 2009 - Ein 25-jähriger niederösterreichischer Soldat wird im Kosovo von einem Kollegen durch einen Schuss in die linke Schulter verletzt. Der Schuss aus der Glock-80-Pistole hat sich unabsichtlich gelöst.

August 2010 - Ein 23-jähriger Berufssoldat schießt sich am Truppenübungsplatz Ramsau/Molln in Oberösterreich während einer Übung unabsichtlich mit einer Pistole in seinen Oberschenkel. Der Korporal muss operiert werden.

September 2012 - Bei einer Pistolenschießübung am Truppenübungsplatz Lizum-Walchen in Tirol schießt sich ein Vorarlberger in den Fuß. Der 31-jährige Berufssoldat erleidet eine Fleischwunde.

Jänner 2014 - Auf dem Truppenübungsplatz Bruckneudorf im Burgenland schießt sich ein Gefreiter mit seinem Sturmgewehr in den Unterschenkel. Der 24-jährige Steirer wird schwer verletzt.

Jänner 2015 - In der Innsbrucker Conradkaserne löst sich beim Entladen der Waffe eines 19-Jährigen unabsichtlich ein Schuss und trifft einen Kameraden am Oberschenkel.

August 2017 - Aus der Dienstwaffe eines in Afghanistan stationierten Bundesheer-Majors löst sich ein Schuss. Ein US-Armeeangehöriger wird dabei am Knie getroffen.

Oktober 2017 - In einem Amtsgebäude des Bundesheeres in der Vorgartenstraße in Wien-Leopoldstadt schießt ein 22-jähriger Wachkommandant mit seinem Sturmgewehr einem 20-jährigen Kameraden, der sich in einem Ruheraum befand, in den Kopf. Die alarmierte Rettung kann dem jungen Wiener nicht mehr helfen. Der 22-jährige Salzburger wird festgenommen.