Chronik | Wien
10.10.2017

Tote Rekruten waren Freunde

Bei Marsch verstorbener Toni P. und Ismail M. waren in derselben Kompanie. Der Unfallhergang ist noch unklar.

Tiefe Trauer und Schock so könnte man die Gefühlslage der Familie des verstorbenen Rekruten Ismail M. beschreiben. Auch die Frage nach dem Warum beschäftigt sie. Der 20-jährige Wiener mit türkischen Wurzeln soll am Montagabend in Wien-Leopoldstadt von einem Kameraden, Ali Ü. (22), mit einem Sturmgewehr 77 durch einen Kopfschuss getötet worden sein. Der Hergang gibt den Ermittlern Rätseln auf.

Ismail M. war der Zimmerkamerad des nach einem Marsch im August verstorbenen Rekruten Toni P. (19). Das erzählt der Schwager des Opfers im KURIER-Gespräch und auch das Bundesheer bestätigt, dass die Männer gemeinsam die Grundausbildung absolviert haben. " Ismail ist damals sogar im Krankenwagen mitgefahren, weil sie so gut befreundet waren. In der Kaserne ist Toni dann vor den Augen meines Schwagers gestorben", sagt Deha Kaplan.

Für Ismail M. war der 31-jährige Kaplan wie ein großer Bruder. Wegen dieser Verbundenheit plagen den Schwager jetzt Schuldgefühle. "Er wollte eigentlich nie zum Bundesheer und ist nur dort hingegangen, weil ich mich verpflichtet habe. Er wollte auch nie zur Wache", sagt der 31-Jährige.

Ein Schuss

Warum und wie es zu dem Schuss gekommen ist, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Auch Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil will Aufklärung: "Ich habe mit dem Militärkommandanten gesprochen. Als Ressortverantwortlicher ist man natürlich schon interessiert: Wie kann so etwas eigentlich passieren?"

Ismail M. hatte an dem Tag mit Ali Ü. und einem Wachkommandanten einen 24-Stunden-Dienst absolviert. Zum Zeitpunkt des Schusses soll sich der 20-Jährige, um 19.13 Uhr, im Wachcontainer ausgeruht haben. "Es gibt beim Sturmgewehr einen Abzugspunkt und wenn dieser überschritten wird, lösen sich mehrere Schüsse. Am Montagabend fiel aber nur ein Schuss", sagt der Sprecher des Verteidigungsministeriums Michael Bauer. Außerdem hätte der Verdächtige die Waffe zuerst repetieren und diese entsichern müssen, um einen Schuss abzugeben. Doskozil: "Da ist sehr viel aktives Zutun notwendig. Man muss abwarten, was da tatsächlich passiert ist."

Laut Anwalt Manfred Arbacher-Stöger von der Kanzlei Farid Rifaat, der den Beschuldigten Ali Ü. vertritt, sei es zu einer Verkettung unglücklicher Umstände gekommen. „Ein Zeuge hat ausgesagt, dass ihm die Waffe untertags runtergefallen ist. Ab einer bestimmten Höhe kann es sein, dass die Patrone in den Lauf rutscht.“ Nun soll ein Waffengutachten Klarheit bringen. Ali Ü.’s Ausbildner bezeichnete den Salzburger als „einen der Besten seit Jahren“. Er sei positiv aufgefallen, heißt es aus dem Verteidigungsministerium.

Gegen Ismail M. soll auch ein Ausgangsverbot verhängt worden sein, weil er nicht Wache schieben wollte. Auch im Fall Toni P. soll er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg gehalten haben. "Ich kann nur das erzählen, was er mir erzählt hat. Sie waren Zimmerkameraden und Toni hat sich beim Marsch ziemlich schwer getan. Sie hatten alle kein Wasser mehr, weil sie es ausgetrunken hatten. Und dem Toni ging es nicht mehr gut", erzählt Kaplan. "Da hat mein Schwager zum Gefreiten, der für die Gruppe zuständig war, gesagt: ,Ruf endlich einen Krankenwagen.’ Er hat dann gemeint: ,Nein, wir machen jetzt fünf Minuten Pause.’"

Als es Toni nicht besser ging, soll Ismail den Gefreiten noch einmal angeschrien haben. Erst dann hätte dieser den Krankenwagen beordert. In der Kaserne starb Toni P. vor den Augen von Ismail M.