Am Dienstag wurde ein Bewaffneter nahe des Innenministeriums gesichtet.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Einsatz
01/20/2015

Terroralarm wegen "Cowboyman"

Beobachtungen, wie am Dienstag ein „Bewaffneter“ in der Herrengasse, sorgen reihenweise für Einsätze

von Michaela Reibenwein, Dominik Schreiber, Julia Schrenk

Cowboyman Wolf Memphis ist Dienstagfrüh auf dem Weg zur Arbeit mit der U-Bahnlinie 3. Bewaffnet mit einer Glock und in voller Security-Montur. Hauptberuflich ist der Künstler, der als Cowboy aufritt, nämlich Securitymann bei einem Juwelier in der Naglergasse im 1. Bezirk in Wien. Täglich fährt Memphis deshalb bis zur Station Herrengasse. Dienstagfrüh wurde er von einem Mitarbeiter der Wiener Linien aufgehalten, Memphis wollte aber nicht aussteigen: „Ich bin schon zirka 700 Mal bewaffnet mit der U3 zur Arbeit gefahren. Ich habe einen Waffenschein“, sagt der ehemalige Polizist der Spezialeinheit WEGA. Die Reaktion des Mitarbeiters sei „übertrieben“ gewesen. Bei der Herrengasse wurde er von 60 Polizisten, darunter Beamte der WEGA, in Empfang genommen. Am Ende wurde der Cowboyman nicht einmal angezeigt, weil ihm nichts vorgeworfen werden konnte.

Missverständnisse

So wie der Cowboyman haben auch ein Zettel, auf dem das Wort „Bombe“ geschrieben war, zwei Männer, die einfach ein Bier trinken gehen wollten und ein vergessener Aktenkoffer in einer U-Bahn-Station in den vergangenen Tagen Polizei-Großeinsätze wegen eines möglichen terroristischen Hintergrunds ausgelöst.
Der Zettel mit der Aufschrift „Bombe“ hatte Montagabend den Salzburger Hauptbahnhof für eineinhalb Stunden komplett lahmgelegt. Eine Putzfrau hatte den Zettel bei einem Mistkübel in einem Zugabteil gefunden. Am Sonntag und Montag rückte die WEGA auch umsonst an beim ehemaligen Gebäude der Austria-Presse-Agentur in der Muthgasse in Wien-Döbling an. In einem Fall handelte es sich um zwei Serben, die ein Bier trinken waren, im anderen um einen Obdachlosen, der im Haus einen Schlafplatz suchte. Zuletzt konnten auch die Passagiere der U2 wegen eines Koffers, der vergessen wurde, zwei Stunden lang weder die Station Schottentor noch Rathaus anfahren.

Vorsichtsmaßnahme

„Am Anfang überreagieren die Menschen“, sagt der deutsche Angstforscher Borwin Bandelow. Solche Zustände dauern laut seiner Erfahrung meist bis zu vier Wochen. „Dann lässt die Panik meist nach.“

„Wir gehen lieber einem Verdachtsfall zu viel nach als einem zu wenig. Eine erhöhte Wahrnehmung von verdächtigen Vorgängen als Folge der Anschläge in Paris ist sehr wohl feststellbar“, heißt es dazu aus dem Innenministerium. Hinter vorgehaltener Hand reagiert man bei der Polizei durchaus auch etwas genervt auf die steigende Zahl der Einsätze. Bei den Einsatzkräften macht sich offenbar Nervosität breit. Die allgemeine Spannung scheint langsam einen Höhepunkt zu erreichen. Dazu schüren manche Medien auch noch vorhandene Ängste.

Die Polizei-Präsenz an stark frequentierten Orten steigt. Und am Flughafen Wien-Schwechat werden neue Sicherheitsmitarbeiter aufgenommen: „Es ist auch auf EU-Ebene eine verstärkte Überprüfung auf Sprengstoff in Planung“, sagt Flughafen-Vorstand Julian Jäger.

Der Generalverdacht der Boulevardmedien

Das Schlagwort „Terror“ wird in der Medienwelt derzeit täglich strapaziert; differenziert wird aber immer weniger. Am Sonntag ereignete sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Kronen Zeitung, des Gratis-Blatts Heute und des KURIER ein Schauspiel, das durch zwei Männer ausgelöst wurde, die in das leer stehende ehemalige APA-Gebäude eindrangen. Eine Alarmierung der Polizei-Spezialeinheit WEGA machte die Schlagzeile für die Boulevardmedien perfekt: „Terror-Alarm in Wien“.

Verunsicherung

Der KURIER entschied sich am Sonntag bewusst gegen eine übereilte Berichterstattung und wartete auf Fakten der Polizei. Genauso wie tags darauf, als sich das gleiche Spiel wiederholte: Diesmal waren es Obdachlose, die in dem leeren Gebäude Unterschlupf suchten. Durch Schlagzeilen, die Terrorverdacht implizieren, wird die Bevölkerung immer weiter verunsichert. Wo früher kaum jemand eine konkrete Gefahr vermutet hätte, orten viele Österreicher heute Terror-Verdachtsmomente.

Gut zu erkennen ist dieses Phänomen für die Behörden: „Wir müssen immer lagebezogen reagieren, wenn wir alarmiert werden. Wenn auch nur der kleinste Verdacht auf Terror besteht, müssen wir eben dementsprechend handeln“, erklärt Polizeisprecher Thomas Keiblinger.

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