© Kurier/Juerg Christandl

Chronik Wien
02/14/2021

Täglich in die Buschenschank: Neue Regeln für eine Wiener Institution

Für die traditionsreichen Wiener Buschenschanken gelten, sobald die Gastro wieder aufsperrt, erweiterte Öffnungszeiten. Was das für sie bedeutet.

von Stefanie Rachbauer, Christoph Schwarz

Wann die Lokale aus dem Corona-Winterschlaf erwachen dürfen, das könnte sich am Montag, entscheiden: Am Vormittag berät die Bundesregierung mit Experten, der Opposition und den Landeshauptleuten, ob für die derzeit noch geschlossene Branche zumindest eine Perspektive verlautbart werden kann.

So gut wie fix ist aber jetzt schon: Sollte die Gastronomie im April offen sein, dürfen die Wiener ab dem 15. des Monats die ganze Woche lang in den Weingärten trinken und essen – und nicht wie sonst nur am Wochenende.

„Wir wollten hier bereits im Frühjahr ein Zeichen setzen“, sagen Bürgermeister Michael Ludwig und Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky (beide SPÖ) über die Maßnahme.

Laut Gesetz dürfen Buschenschanken eigentlich nur von Freitag bis Sonntag Gäste bedienen. Die Saison ist auf Mitte April bis Ende Oktober beschränkt. Für Heurige gilt die Beschränkung nicht.

Der Umweltausschuss im Rathaus hat nun aber eine Ausnahme (die es auch schon im Vorjahr gab) verlängert: Buschenschanken dürfen heuer täglich und bis Ende Dezember öffnen.

Das soll ihnen durch die Corona-Krise helfen. Und somit eine Wiener Institution retten.

Die Weinschenken

Die Wiener Heurigenkultur ist uralt: Vorläufer von Weinschenken gab schon im Mittelalter. Angesiedelt waren sie unweit der Stadtmauer. Bis dahin reichten damals nämlich die Weinbaugebiete an das dicht besiedelte Gebiet heran.

Die eigentliche Geburtsstunde des Heurigen war eine Verordnung von Joseph II. vom 17. August 1784: Sie erlaubte es den Winzern, Wein und Obstmost auszuschenken.

Als im Vormärz günstige Verkehrsmittel entstanden, war die Voraussetzung für eine der Lieblingsbeschäftigung der Wiener geschaffen: Sie konnten nun in die Vororte fahren, um dort stundenlang beim Heurigen zu sitzen, zu essen und zu trinken. Auch Schriftsteller und andere Künstler ließen sich gerne dort blicken.

Hier kehren KURIER-Redakteure gerne ein:

Weinstube Josefstadt
8., Piaristengasse 27
Grünoase inmitten in der Stadt: kleine Auswahl, aber köstlicher Schweinsbraten. Unbedingt Plätze reservieren
weinstube-josefstadt.at

10-er Marie
16., Ottakringer Straße 224/226
 Zwischen Gemeindebauten und Straßenbahnhaltestelle:  Der älteste Heurige Wiens besteht seit 1740 und gehört zum Imperium der Familie Fuhrgassl-Huber. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Empfehlung: die hervorragenden Schnitzel.
10ermarie.at

Heuriger Herrgott aus Sta
16, Speckbachergasse 14
Jeden zweiten Freitag mit Wienerlied-Abend. Tipp: Grammelknödel mit Sauerkraut
herrgottaussta.at

Buschenschank Ambrositsch
19., Langackerg. 5a
Winzerin Jutta Ambrositsch gilt als Bobo-Tipp und Insider-Hit mit erstklassigen Buffet
jutta-ambrositsch.at

Heuriger Hirt
19.,  Eiserne Handgasse
Am Nordosthang des Kahlenbergs: Unglaubliche Aussicht mit Hausmannskost. Tipp: Fleischknödel und Fleischlaberl
heurigerhirt.at

Weinbau Wiltschko
23., Wittgensteinstraße 143
Mitten im Weingartenparadies mit Ausblick: klassisch, modern, familiär, köstlich und gut
weinbau-wiltschko.at

Lindauerhof
23., Maurer Lange Gasse 83
Authentisch klassisch mit gemütlichem Garten, großen Portionen und fairen Preisen
lindauerhof.at

Mit der Eröffnung der Stadtbahn und dem Ausbau der Straßenbahn blühten die Weinschenken in den Außenbezirken dann so richtig auf.

In dieser Zeit entstand die bis heute gepflegte Tradition, zusammengebundene Föhrenbuschen am Eingang aufzuhängen: Als Zeichen dafür, dass geöffnet – oder wie man in Wien sagt: „ausg’steckt“ – ist.

Schrammelmusik gehörte fast verpflichtend dazu. Allmählich entstanden ganze Heurigendynastien: etwa die Familien Mandl, Grünbeck und Weigl.

Liefergeschäft fehlt

Thomas Huber, Chef des Weinguts Fuhrgassl-Huber in Neustift am Walde, gehört einer solchen Dynastie an. Er freut sich darüber, seine Buschenschank am Nussberg heuer täglich aufsperren zu dürfen. „Die Ausnahme hilft uns sehr. So können wir die Schließtage in den Lockdowns ausgleichen“, sagt er im KURIER-Gespräch.

Glossar

Buschenschanken und Heurige sind Lokale, die sich am „Erzeugungsort“ von Wein befinden. Zwischen ihnen gibt es zwei Unterschiede: Erstens dürfen Buschenschanken nur kalte Mahlzeiten und nur Getränke aus dem eigenen Betrieb  servieren. Zweitens sind  ihre Öffnungszeiten stark beschränkt.

Manchmal  wird mit dem Begriff Buschenschank auch deutlich gemacht, dass sich das Lokal direkt im Weingarten befindet, während Heurige eher im verbauten Gebiet verortet werden

Zahlen

In Wien gibt es ca. 140 Weinbaubetriebe, sie produzieren jährlich 2,7 Millionen Liter Wein. Die Hälfte der Winzer vermarktet den Wein über einen Heurigen. Seit 2019 ist die Wiener Heurigenkultur immaterielles Kulturerbe.

Winzern, die viel Wein an die Gastronomie verkaufen, würden die Lokal-Schließungen besonders zu schaffen machen, erzählt Huber. Neben den Einnahmen aus dem eigenen Lokal ist für sie das Liefergeschäft weggebrochen.

Für die Wiener ÖVP war die Gesetzesnovelle daher hoch an der Zeit: „Durch die lange, coronabedingte Schließung der Gastronomie wurden auch die Buschenschank- und Heurigenbetriebe stark getroffen“, sagt ÖVP-Landwirtschaftssprecherin Elisabeth Olischar. „Deshalb haben wir uns für eine Fortführung der ganzjährigen Öffnungszeiten eingesetzt.“

Eine kleine Hürde muss die Regelung noch nehmen: Ende März muss sie vom Landtag beschlossen werden. Dabei handelt es sich aber nur um einen Formalakt.

Trinken statt spazieren

Rund um Thomas Hubers Buschenschank am Nussberg ist dieser Tage übrigens trotz Lockdown viel los: „Die Leute gehen bei uns so viel spazieren“, erzählt er. Bloß stundenlang sitzen, essen und trinken können sie momentan nicht.

Das Bedürfnis nach der Lieblingsbeschäftigung sei aber bereits groß: „Die Leute vermissen die Heurigen als Ort der sozialen Kontakte schon“, sagt Huber. Und: „Sie wollen wieder Wein.“

Auf Dauer will der Winzer seine Buschenschank allerdings nicht täglich aufsperren. Und zwar aus ganz praktischen Gründen: „Irgendwann muss ich im Weingarten ja auch arbeiten.“

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