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Chronik Wien
09/26/2019

Streit um Gastpatienten: Wien legt sich mit Niederösterreich an

Bereits fast jeder zweite Grauer-Star-Patient in den Wienern Spitälern kommt aus einem anderen Bundesland.

von Josef Gebhard, Martin Gebhart

115 Tage muss man warten, wenn man sich im Wiener Krankenhaus Hietzing einer Katarakt-Operation (Grauer Star) unterziehen will. Insgesamt stehen derzeit dort 1.104 Patienten auf der Warteliste.

Mitschuld an den enormen Wartezeiten ist, dass gerade in der Augenheilkunde der Anteil der Patienten, die nicht aus Wien stammen, besonders hoch ist. Je nach Spitalsstandort liegt er bei bis zu 49 Prozent. Der Großteil dieser Gastpatienten kommt aus Niederösterreich. Das zeigen aktuelle Daten, die der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) im Auftrag von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) erhoben hat.

Angesichts der bald startenden Gespräche für den nächsten Finanzausgleich will er (wie berichtet) überprüfen lassen, ob Wien mittlerweile nicht deutlich mehr Gastpatienten versorgen muss als vereinbart – mit der Konsequenz, dass für die Stadt erhebliche Kosten anfallen, für die eigentlich NÖ aufkommen müsste. Erste Detailzahlen aus einzelnen Fächern liegen dem KURIER vor (siehe Grafik).

Ausweitung

„Von der Planung her ist Wiens Gesundheitssystem für die Versorgung von zwei Millionen Menschen ausgelegt, tatsächlich sind es aber bereits drei Millionen“, rechnet Hacker vor. Er möchte nachschärfen. Sprich: Wien will mehr Geld für die Versorgung der Gastpatienten.

Von einer „zunehmenden Schieflage in manchen Fächern“ spricht auch Michael Binder, Medizinischer Direktor des KAV. Laut dem Spitalsträger sei sie gerade in der Augenheilkunde besonders stark ausgeprägt, hier sei der Anteil der Gastpatienten in den vergangenen Jahren auch deutlicher als in anderen Fächern angestiegen. Dabei gehe es meist um eher einfachere Eingriffe, die genauso gut in Spitälern außerhalb Wiens durchgeführt werden könnten. „Aber die Patienten kommen trotzdem nach Wien, weil der Ruf unserer Spitäler sehr gut ist“, so eine KAV-Sprecherin. Knapp die Hälfte der Katarakt-Patienten stamme nicht aus Wien.

Zuletzt schlug auch die AKH-Direktion Alarm, weil die dortige Onkologie-Tagesklinik aufgrund der wachsenden Zahl von Gastpatienten völlig überlastet ist. Patienten werden deshalb darauf hingewiesen, dass sie ihre Behandlung auch in ihrem Heimat-Bundesland erhalten könnten. In anderen Fächern versucht man ihnen seitens des KAV nahezubringen, wenigstens die Nachbehandlung wohnortnahe durchführen zu lassen.

Zwar würden auch Wiener Patienten nach NÖ transferiert, dies betreffe aber nur akute Fälle, etwa in der Intensivmedizin oder der Neonatologie, heißt es im KAV.

Im Nachbar-Bundesland lässt man die Kritik nicht gelten: „Wir bemerken bei onkologischen Behandlungen nur eine moderate Steigerung bei Patienten aus NÖ, die in Wien behandelt werden. Und im stationären Bereich sogar eine leichten Rückgang“, sagt Markus Klamminger, Medizinischer Geschäftsführer der Landeskliniken-Holding. „Faktum ist: In NÖ werden alle modernen Krebstherapien durchgeführt.“ Doch jeder Patient habe das Recht auf freie Arztwahl und entscheide – oft mit seinem Arzt – über den Behandlungsort. Wegen wachsender Patientenzahlen habe man zudem eine dislozierte Augen-Klinik am LK Gmünd eingerichtet.

Gegen „Zahlenspiele“

„Ganz generell gilt, dass solche Zahlenspiele nicht für den Wahlkampf taugen, sondern maximal zu einer Verunsicherung der Patienten führen“, richtet Klamminger Hacker aus. „ Deswegen sollte man sich Vorwürfe nicht über die Medien ausrichten, sondern gemeinsam an einem Strang für die beste medizinische Versorgung ziehen. Gerne bieten wir an, gemeinsam die aktuelle Situation und Datenlage zu sichten.“J. Gebhard, M. Gebhart

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