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Bim steht, Auto fährt: Straßenbahnsperre im 9. Bezirk sorgt für Aufregung

Die gekappte Straßenbahn-Hauptschlagader ohne Ersatzbusse erscheint nun in einem neuen Licht: Denn für den lokal umgeleiteten Pkw- und Schwerverkehr ist auch Platz. Ein Verkehrsexperte ortet „Versagen“.
Gelbes Straßenschild kündigt die Sperrung der Währinger und Nußdorfer Straße ab 07.07.2026 an, an einer Wiener Straße mit Autos und Fußgängern.

Der Ärger am Alsergrund ist noch lange nicht verflogen. Denn seit Ferienbeginn muss quasi ein ganzer Bezirksteil ohne öffentliche Verkehrsmittel auskommen, da gleich sieben Bim-Linien der viel zitierten Straßenbahn-Hauptschlagader den Knotenpunkt Spitalgasse/Währinger Straße/Nußdorfer Straße nicht mehr passieren können. Schuld sind Gleis- und Weichen-Erneuerungen auf einer Länge von 500 Metern. Betroffen von der dortigen Sperre der Linien 5, 12, 37, 38, 40, 41 und 42 sind Zehntausende Fahrgäste, da insbesondere die leistungsfähige Verbindung von den Außenbezirken zum Schottentor gekappt wurde.

Bis Ende August heißt es daher, auf andere Linien oder Verkehrsmittel – etwa die eigenen Beine – auszuweichen. Dem KURIER liegen Fälle von Berufstätigen vor, die nun zwei Mal pro Tag je 25 Minuten zur U3-Herrengasse marschieren müssen – bei Temperaturen jenseits der 30 Grad. Dies gilt ebenso als „beste“ Alternativverbindung wie der 1,26 Kilometer lange Fußmarsch mit krankem Hund zum Tierarzt im Schwarzspanierhof. Und eine bedingt mobile 82-Jährige aus dem Schubertviertel kann jetzt nur noch kurze Ausgänge absolvieren – oder muss das Taxi rufen.

Verkehr durch Wohngrätzl

Taxi – also Auto – ist ein gutes Stichwort. Denn entgegen der Ankündigung der Stadt Wien, dass das „gesperrte Kreuzungsplateau großräumig umfahren“ werden muss, kann der motorisierte Individualverkehr sehrwohl nahezu ungehindert ohne große Umwege durch die angrenzenden Wohngrätzl fließen. Und auch der Schwerverkehr hat wenig Probleme, die gelegten Bypässe zu passieren – das zeigt ein KURIER-Lokalaugenschein recht deutlich. Damit erscheint aber die Erklärung der Wiener Linien plötzlich in einem neuen Licht: Denn Ersatzbusse am Alsergrund könnten deshalb nicht fahren, weil ja auch „das Kreuzungsplateau temporär gesperrt“ werden müsse, beteuerten die Verkehrsbetriebe ständig. Was der Ersatzbus nicht kann, kann der lange Lkw-Anhänger aber offenbar sehr leicht.

Wer sich die nun eingerichteten Umleitungsstrecken im Detail ansieht, erkennt sehr rasch, wie Ersatzbusse hätten fahren können: Die Ring–Gürtel-Achse vom Jonas-Reindl zur Volksoper wäre ebenso problemlos möglich wie die Verbindung Nußdorfer–Josefstädter Straße. Denn für beide Strecken wird nun der Verkehr durch das Michelbeuern-Viertel beim WUK umgeleitet (siehe blaue Strichlierung in der Grafik); auch die Sensengasse fungiert als Ausweichstrecke. Döbling wiederum wäre via Liechtensteinstraße (Berggasse) rasch zu bedienen.

Grafik.

Ampel beschleunigt

An der Ecke Sensengasse/Währinger Straße wurde sogar die Ampelschaltung – übrigens zum Nachteil von Fußgängern und Radfahrern – beschleunigt, um mehr Autos durchzuschleusen. Wer nun von dort mit seinem fahrbaren Untersatz zur Volksoper will, kommt trotz Plateausperre äußerst zügig voran – denn es sind auch nur rund 500 Meter länger als zuvor. Allein das verdeutlicht sehr anschaulich, wie die Prioritäten punkto Verkehr in Wien gesetzt sind: kilometerlange Fußmärsche für Fahrgäste hier, bloß marginale Umwege für Autofahrer dort.

Der KURIER konfrontierte die zuständige MA 46 (Verkehrsorganisation) noch einmal mit diesen Fakten. Dort bleibt man auf dem Standpunkt, dass „enge Gassen und das Einbahnnetz die Voraussetzungen für einen kapazitätsstarken und effizienten Schienenersatzverkehr“ nicht erfüllen würden. „Ersatzbusse, die im Stau stehen und große Umwege fahren müssen, sind oft keine sinnvolle Lösung.“

Doch warum wird dann – um in den angeblich „engen Gassen“ Platz für den Schienenersatzverkehr zu schaffen – nicht der Durchzugsverkehr gekappt und ein Fahrverbot („ausgenommen Ziel- und Quellverkehr“) verhängt? Warum gibt es erst vor der Berggasse eine Avisotafel zur Sperre (siehe großes Bild), wo der Verkehr zwangsläufig in die lokale Umleitung fahren muss, weil es für ein Abbiegen (Universitätsstraße oder Liechtensteinstraße) schon zu spät ist? Alles Fragen, die offenblieben.

Straßenbahngleise werden von Arbeitern und Baufahrzeugen auf einer gesperrten Stadtstraße erneuert.

Am Kreuzungsplateau wird seit Ferienstart intensiv gearbeitet.

„Missbrauch des Raums“

Auch Verkehrsexperte Hermann Knoflacher, der 15 Jahre lang den Fahrgastbeirat der Wiener Linien geleitet hat, sieht darin ein „Symptom einer unehrlichen Verkehrspolitik“. Denn dass hier der Pkw-Verkehr Vorrang habe, sei „keine kundenfreundliche Lösung und ein fachliches Versagen“. Man hätte ja sehr wohl Platz für leistungsfähige Busse schaffen können. „Denn so ist das ein Missbrauch der Effizienz der Nutzung des öffentlichen Raumes, da ja ein Bus viel mehr Menschen unterbringt“, so Knoflacher, der als Fahrgastbeirat sicher dagegen rebelliert hätte, wie er sagt.

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