Wasserrettung warnt: „Wer ertrinkt, kann nicht schreien oder winken“
Karmen Kreidl ist Teil der Österreichischen Wasserrettung.
In Wien ertrinken durchschnittlich sechs Menschen pro Jahr, das zeigen die Zahlen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit. Auch heuer kam es schon zu einer Serie von tödlichen Badeunfällen. Karmen Kreidl vom Wiener Landesverband der Österreichischen Wasserrettung spricht über Ursachen, die risikoreichste Zeit und die Brückenspringer.
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KURIER: Die Zahl der tödlichen Badeunfälle in Österreich beläuft sich auf durchschnittlich 42 pro Jahr. Früher waren das einmal mehr, mittlerweile hat sich die Zahl in diesem Bereich stabilisiert. Warum?
Kreidl: Dazu beigetragen hat sicher der Schwimmunterricht, den es seit den 70er-Jahren in den Schulen gibt. Und dann hat man auch viel Präventionsarbeit geleistet und auf die Gefahren aufmerksam gemacht.
Besteht die Möglichkeit, dass die Zahl der Badeunfälle weiter sinkt?
Die Zahl ist seit circa zehn Jahren stabil, deswegen schaut es für mich so aus, als ob der Rest wirklich auf Leichtsinn und Übermut zurückzuführen ist. Dagegen kann man halt wenig oder schwer etwas tun.
Leichtsinn und Übermut, sind das die häufigsten Gründe für Badeunfälle?
Das hängt davon ab. Bei Kindern ist es meist mangelnde Aufsicht. Das Einzige, was wirklich hilft, ist, die Kinder nicht aus den Augen zu lassen. Bei Erwachsenen ist es oft Übermut oder dass die Situation falsch eingeschätzt wird. Fehlende Schwimmkenntnisse oder dass man schlicht nicht gut genug oder sicher schwimmen kann. Und ja, auch Herz-Kreislauf-Probleme können zu Badeunfällen führen, meist bei älteren Menschen.
Viele Opfer von Badeunfällen sind Männer.
Es sind, glaube ich, fast 80 Prozent Männer Opfer von Badeunfällen in der Altersgruppe der jungen Menschen. Da geht es viel um Gruppenzwang und darum, zu zeigen, was sie vermeintlich nicht alles können. Bei älteren Menschen, also den über 60-Jährigen, ist das Männer-Frauen-Verhältnis ausgewogen. Aber bei den Jungen sind es wirklich deutlich mehr Männer.
Brückensprünge in die Neue Donau sind keine Seltenheit.
Heuer ist es bereits zu einigen Unfällen gekommen, weil Personen von Brücken in die Neue Donau gesprungen sind. Warum ist das so gefährlich?
Oft ist es schlicht nicht tief genug. Der Wasserstand ändert sich von Tag zu Tag. In Wien kann es außerdem immer wieder sein, dass Einkaufswagen, E-Scooter, Tresore und sonst alles Mögliche von den Brücken ins Wasser geworfen wurden. Das kann man von oben nicht sehen. Dann ist da natürlich auch die Gefahr, dass man falsch aufkommt. Turmspringen ist nicht umsonst ein Sport, den man lernen kann und ich glaube, dass die wenigsten Brückenspringer eine Turmspringerausbildung haben. Wenn man nicht weiß, wie es geht, sollte man es besser lassen, ab einer gewissen Höhe ist die Wasseroberfläche nämlich hart wie Beton. Und man muss ja nicht gleich ertrinken, aber es reicht schon eine Querschnittlähmung oder ein gebrochener Arm. Abgesehen davon ist es in Wien verboten von Brücken zu springen. Laut einer Verordnung der Stadt Wien kann man dafür bis zu 700 Euro Strafe erhalten.
Welche Rolle spielt Social Media dabei?
Social Media motiviert natürlich zum Brückenspringen. Man sieht dort viele Sprünge, und wenn jemand wirklich springen kann, dann schaut das auch cool aus. Aber das kann halt nicht jeder und man sollte die Gefahr schon richtig einschätzen und nicht nur einem Trend folgen.
Wann ist die risikoreichste Zeit für Badeunfälle?
Die Hitzewellen. Dann gehen auch Leute schwimmen, die es sonst nicht tun würden. Außerdem springen dann viele überhitzt ins Wasser, was zu Herz-Kreislaufproblemen führen kann. Außerdem kann die Hitze das Urteilsvermögen beeinträchtigen, vor allem in Kombination mit Alkohol.
Wie groß ist das Problem Alkohol?
Alkohol ist eine Gesellschaftsdroge, die für viele Leute immer noch dazugehört. Das Gefahrenbewusstsein schwindet, auch die Hemmschwelle sinkt. Und das endet dann eben oft tödlich, weil an Land kann man stürzen, aber im Wasser ist es sehr schnell zu spät. Vor allem auf den Booten, Die im Sommer herumschippern wird reichlich konsumiert.
Wären Kontrollen notwendig?
Alkoholkontrollen wären sicher sinnvoll, ja. Zumindest bei den Booten. Auch die Brückenspringer könnte man kontrollieren, aber in dem Moment, in dem die Polizei vorbeischaut, springt natürlich niemand mehr. Grundsätzlich ist aber die Frage: Mache ich Verbote oder mache ich Bewusstseinsbildung? Mir wäre lieber, es ginge mit Hausverstand.
Woran erkennt man, ob jemand ertrinkt?
Das ist gar nicht so leicht. Jemand der Probleme im Wasser kriegt, stellt sich im Wasser aufrecht auf, legt den Kopf in den Nacken und die Arme breiten sich so unkontrolliert neben dem Körper aus. Das heißt: Wer ertrinkt, kann nicht schreien oder winken. Dessen muss man sich bewusst sein. In solchen Fällen sollte man den Notruf absetzen, andere Menschen auf die Situation aufmerksam machen und sich die Stelle merken, sollte die Person bereits untergegangen sein. Wenn man eine Ahnung hat vom Rettungsschwimmen, dann kann man natürlich auch hinschwimmen. Es besteht aber die Gefahr, dass die Hilfe suchende Person Panik bekommt und sich an den Retter klammert. In solchen Fällen helfen entweder Befreiungsgriffe oder tief abtauchen. Generell ist der Notruf aber die wichtigste Maßnahme.
Der KURIER lädt jeden Montag zum Stadtgespräch und spricht mit Persönlichkeiten über Themen, die Wien bewegen. Diesmal geht es um Badeunfälle, die Rolle von Alkohol und Social Media bei waghalsigen Sprüngen sowie die Frage, wie man erkennt, ob sich eine Person in Gefahr befindet.
Karmen Kreidl ist die Pressesprecherin des Wiener Landesverbands der Österreichischen Wasserrettung. Dabei handelt es sich um eine ehrenamtliche Hilfs- und Rettungsorganisation. Oberstes Vereinsziel ist die „Bekämpfung des Ertrinkungstodes“. In Wien bietet der Landesverband Schwimm- und Rettungsschwimmkurse an und begleitet unter anderem Events am Wasser.
Was passiert dann?
In Wien ist die Berufsfeuerwehr für Notfälle zuständig. Sie haben ständig Taucher in Bereitschaft und sind in unter sechs Minuten am Einsatzort.
Welche Rolle spielt die Wasserrettung dabei?
Mit Notfalleinsätzen haben wir in Wien wenig zu tun. Wir überwachen Sportevents, davon gibt es 80 bis 90 pro Jahr. Dass wir dort jemanden aus dem Wasser ziehen müssen, kommt immer wieder vor. Außerdem machen wir viel Präventionsarbeit, bieten Schwimmkurse an, auch die Helfer- und Retter-Kurse. Zudem sind wir nach Badeunfällen für die Nachsuche verantwortlich.
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