Chronik | Wien
24.03.2017

Stadt und Private wollen Neubauleistung steigern

Die Nachfrage nach erschwinglichem Wohnraum nimmt zu. Wie Politik und Bauträger reagieren.

1,8 Millionen Einwohner machen Wien (nach Berlin) zur zweitgrößten Stadt im deutschsprachigen Raum. Und sie wächst weiter. Laut Arbeiterkammer soll die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2021 um weitere 90.000 und innerhalb von weiteren fünf Jahren um 154.000 Personen wachsen. Wohnraum ist da gut – und teuer.

Wie berichtet, sind Miet- und Kaufpreise auf Rekordniveau: Von 2006 bis 2016 erhöhte sich der Quadratmeterpreis für Mietwohnungen in Wien um mehr als 32 Prozent. Und der Kaufpreis für Eigentumswohnungen stieg um mehr als 69 Prozent. Eine Entwicklung, der die Stadtpolitik gegensteuern möchte – wobei Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig (SPÖ) darauf verweist, dass die gestiegenen Mieten „ausschließlich neue Mietverträge auf dem privaten Wohnungssektor“ betreffen. Im Gemeinde- sowie im geförderten Wohnbau sei sie nur entlang der Inflation erhöht worden.

Wohnbau-Offensive

„Unsere Erfahrung zeigt, dass am privaten Wohnungsmarkt nach wie vor Verträge mit unzulässigen Mietzinsvorschreibungen abgeschlossen werden. Trotz bundesgesetzlicher Regelungen werden von manchen Vermietern die Mieten willkürlich festgesetzt“, kritisiert Ludwig. Gefragt sei deshalb eine rasche Mietrechtsreform der Bundesregierung.

Auf die steigende Wohnungsnachfrage reagiert Wien mit einer Wohnbau-Offensive: Durch umfassende Grundstücksbevorratung bzw. Bereitstellung der Flächen zu begünstigten Konditionen, zügigere Abwicklung von Widmungs- und Bauprozessen und „Hunderte Millionen an Wohnbaufördermitteln“ fördere man leistbares Wohnen, sagt Ludwig.

Das Paket trage dazu bei, die jährliche Neubauleistung von zuletzt 10.000 neuen Wohneinheiten um weitere 30 Prozent zu steigern. Heuer bringe man 13.000 neue Wohneinheiten auf Schiene – 9000 geförderte Wohnungen und 4000 frei finanzierte.

Kritik an "Mietadel"

Nach Ansicht von Michael Pisecky, Obmann der Fachgruppe Immobilien in der Wiener Wirtschaftskammer, wären noch mehr Maßnahmen nötig, um die Kosten zu senken. Der Vergleich zwischen gemeinnützigen und privaten Mieten ist für ihn unseriös – werde man im privaten Sektor doch nicht gefördert. „Mieten können nicht utopisch steigen“, sagt er. „Man kann nur verlangen, was bezahlt wird.“

An die Politik ist etwa der Appell gerichtet, den von Gemeinnützigen und Privaten vorgelegten 40-Punkte-Katalog umzusetzen, der unter anderem durch Überarbeitung der Stellplatzverpflichtung (bei 30 Prozent Pkw-losen Haushalten) oder Reduzierung der „übertriebenen feuerpolizeilichen Verpflichtungen“ die Baukosten um bis zu 20 Prozent senken würde. Weiters müssten die Kommunen mehr Flächen zur Verfügung stellen und baufreundlicher widmen. Und auch der Bestand sei zu verdichten. „Etwa die Hälfte des Wohnungsbedarfes ließe sich durch Aufbauten und Verdichtungen im Bestand verwirklichen.“

Der soziale Wohnbau müsse zudem „seine Aufgaben machen“ – statt Wohnungen bedarfsorientiert zu vergeben, produziere man einen Mietadel. Das Eintrittsrecht würde Pisecky (außer für Familienangehörige) streichen. Und Wohnungen, die der Mieter nicht mehr selbst bewohnt, neu vergeben.