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03/12/2017

Leistbares Wohnen: Suchst du noch oder wohnst du schon?

Die Mietpreise sind seit 2006 explodiert. Der KURIER hat sich angeschaut, was das für Menschen auf Wohnungssuche bedeutet.

Wohnen – Wer kann sich das heute noch gut leisten? Am ehesten jene, die vor langer Zeit in ihre Wohnungen gezogen sind. Egal ob Miete oder Eigentum – die Preise für beide Wohnformen sind in den vergangen zehn Jahren eklatant gestiegen (siehe Grafik).

Am stärksten war der Anstieg in Wien: Dort hat sich der Preis pro Quadratmeter für Mietwohnungen von 2006 bis 2016 um mehr als 32 Prozent erhöht. In Salzburg betrug die Erhöhung knapp 30 Prozent.

2016 gab es den stärksten Anstieg bei den Mietpreisen in der Stadt Salzburg (+4), der Quadratmeter kostet dort mittlerweile 9,9 Euro. Am teuersten ist es trotzdem in Innsbruck, wo der Quadratmeter im Schnitt auf 10,8 Euro (+1,4 ) kommt. Wien beleg in diesem Ranking "nur" Platz 3 mit 9,4 Euro pro Quadratmeter (+2,5). Zum Vergleich: Der Quadratmeterpreis in Gemeindewohnungen in Wien lag 2016 bei durchschnittlich 6,25 Euro – inklusive Betriebskosten und Umsatzsteuer. Bei Eigentumswohnungen ist die Situation nicht besser. Laut Wirtschaftskammer liegt die Grenze für Käufer von Drei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen bei 300.000 bis 350.000 Euro. Doch der Preis geht derzeit eher zu 450.000 bis 500.000 Euro.

Erhöhung abgesagt?

Die nächste Mieterhöhung steht übrigens kurz bevor – zumindest theoretisch: Denn Kanzleramtsminister Thomas Drozda (SPÖ) sprach sich am Samstag für eine erneute Verschiebung des Anhebung von Richtwert-Mieten aus. Nach drei Jahren Pause sollten diese am 1. April wieder um 3,5 Prozent angehoben werden. Das würde 300.000 Haushalte betreffen, vor allem in Wien. Eigentlich hätten die Richtwert-Mieten bereits 2016 angehoben werden, doch schon damals verschob die Politik die Anhebung. Kritik kommt deshalb von der ÖVP: Für die Vermieter müsse Rechtssicherheit bestehen.

Studenten-WG: Mit Glück zum Wohnzimmer

Eine Wohnung mit vier getrennt begehbaren Zimmern und einem extra Wohnzimmer – die haben Moritz Göstl (22) und drei Freunde gesucht. Zwischen 350 und 380 Euro wollten sie dafür pro Person zahlen. "400 Euro war unsere absolute Schmerzgrenze", sagt Moritz Göstl.

Die Suche nach der perfekten Mietwohnung für die WG hat sich als nicht so einfach erwiesen. Auf den diversen Immobilienseiten im Internet sei es praktisch unmöglich gewesen, eine passende Wohnung zu finden, ohne Maklergebühr zahlen zu müssen. "Und Provision zahlt keiner gern, wenn man schon die ganze Zeit selbst im Internet nach einer Wohnung sucht", sagt Göstl. Die Wohnungen auf den Immo-Portalen seien einfach zu teuer gewesen. Oder zu weit weg, oder nur mit Durchgangszimmer. Vor Kurzem wurden Moritz & Co. dann doch fündig: Über einen bekannten Makler von Moritz’ Vater:139 Quadratmeter Dachgeschoß bei U6-Station Michelbeuern im 18. Bezirk. "Die Wohnung war ein Glückstreffer", sagt Moritz.

Junge Familie: Preisniveau höher als erwartet

Vier Jahre lebten Johannes und Gerda in ihrer Wohnung im 6. Bezirk: 67 nahe des Raimundtheaters. Als sich bei dem Paar Nachwuchs ankündigte, war schnell klar: Die Wohnung wird zu klein. "Vor allem, weil wir uns die Option auf ein zweites Kind offen halten wollten." Schnell haben die beiden sich für Eigentum und gegen Miete entschieden: "Das Zinsniveau ist einfach sensationell niedrig", sagt Johannes. Das Paar suchte eine Vier-Zimmer-Wohnung mit Garten in den Bezirken Hernals, Ottakring, Währing oder Döbling. Doch bald war klar: Die Bezirke 18 und 19 sind zu teuer. "Generell war das Preisniveau der Wohnungen um circa 100.000 Euro höher, als wir erwartet haben", sagt Johannes. Was ihm bei der Wohnungssuche besonders auffiel: "Die Politik tendiert stark zum Bau von kleineren Wohnungen." Das habe die Suche stark eingeschränkt. Im Herbst ziehen Johannes, Gerda und Töchterchen Maja in eine 120 große Wohnung in Ottakring – mit Terrasse, statt Garten. Kosten: 1400 Euro Kreditrate pro Monat.

Erste gemeinsame Wohnung: Durch Bekannte ohne Bürgen

Vor eineinhalb Jahren beschlossen Christopher Preinsperger und Arijana Jasarevic, zusammenzuziehen. Die Lage der ersten gemeinsame Wohnung war dem Paar relativ egal, auch die Quadratmeteranzahl, nur teuer sollte die Wohnung nicht sein. Preislimit: 600 Euro. "Aber auch Mieten für Wohnungen mit 30 beginnen erst ab 400 Euro", erzählt Preinsperger. Eine Wohnung zu ergattern sei nicht einfach gewesen: Beide studieren noch. Zwar arbeiten sie nebenbei, aber für manche Vermieter sei das trotzdem ein Ausschlusskriterium gewesen. Außer man kann eine Bürgschaft vorweisen: "Die wurde auch schon bei niedriger Quadratmeteranzahl verlangt", erzählt Preinsperger. Bei Besichtigungen hätten die beiden aufgrund der finanziellen Situation oft das Nachsehen gehabt. Fündig wurden Preinsperger und Jasarevic vor drei Monaten durch Zufall: Ein Bekannter der Eltern vermittelte dem Paar eine Wohnung in Wien-Landstraße: 52 Quadratmeter, Altbau, teilsaniert um 580 Euro.

Freundinnen-WG: Sicher keine Single-Wohnung

Seit Vivian (27) arbeitet und Geld verdient, wollte sie raus aus ihrer Studenten-WG und etwas Eigenes, "das ein bisschen schöner ist", sagt Vivian. Schnell hat sie gewusst: In eine Single-Wohnung wird sie nicht ziehen. "Ich habe kaum 35 große Ein-Zimmer-Wohnungen gesehen, die weniger 550 Euro gekostet haben. Und wenn, dann waren sie im 16. Bezirk auf die Thaliastraße raus", sagt die 27-Jährige. Aber auch die Suche nach einer WG gemeinsam mit einer Freundin sei gar nicht so leicht gewesen: "Alles, was irgendwie schöner war, hat bei 540 Euro begonnen." Und zahlen wollten Vivian und ihre Freundin maximal 500 Euro. Auch die Makler hätten die Situation oft verkompliziert: "Manche wussten keine genaue Quadratmeteranzahl, manche rechneten Dachschrägen mit ein."

Im April zieht Vivian nun doch um, und zwar in die Eigentumswohnung einer Bekannten im 14. Bezirk. "Die Wohnung hat 85 und wir werden gemeinsam etwa 850 Euro zahlen", sagt Vivian.

Flüchtlinge: Vorurteile und WC am Gang

Eine leistbare Wohnung in Wien zu finden, ist derzeit für viele Menschen schwierig. Besonders schwierig ist es für Flüchtlinge. Tam (23)(Name von der Redaktion geändert)ausdem Irak hat das am eigenen Leib erfahren.

Seit 2011 lebt er in Österreich. Zuerst als Asylwerber in der Grundversorgung; doch Tam wollte schnell in der eigenen Wohnung leben. Das sei allerdings schwieriger gewesen als gedacht. Flüchtlinge werden oft erst gar nicht zu Wohnungsbesichtigungen zugelassen. Wenn doch, erhalten sie meist keinen Zuschlag und wenn, dann oft nur in ziemlich herunter gekommenen Wohnungen. Tam lebt aktuell im 15. Bezirk. Für seine 35 große Wohnung zahlt er 334 Euro. Er hat keine Heizung, das WC am Gang teilt er mit der Nachbarsfamilie, die Küche hat er selbst eingebaut. Im Hof lagern hausfremde Personen Sperrmüll ab, denn die Haustür kann nicht geschlossen werden. "Deswegen haben wir eine Betriebskostenabrechnung von 1200 Euro bekommen", sagt Tam. Er sucht dringend eine neue Wohnung.

Friedenszins: Mitten im Achten um 350 €

Immer wieder taucht in Zusammenhang mit Mieten der Begriff "Hofratswitwe" auf. "So viele gibt es nicht mehr, ein besserer Begriff ist ‚Wohnadel‘", sagt Wolfgang Louzek, Präsident des Verbandes der institutionellen Immobilieninvestoren. Dabei handelt es sich um jene Menschen, die im Todesfall berechtigt sind, in die sehr günstigen, weil schon lange bestehenden Mietrechte (in Fachsprache Friedenszins) des Verstorbenen einzutreten, meist Kinder und Lebensgefährten. Dazu müssen sie mindestens drei Jahre an der Adresse gemeldet sein – und dort auch Wohnen. "Anmelden alleine hat nichts mit Wohnen zu tun", so der Experte. Der Vermieter könne dies aber kaum nachweisen. Die Folge: Wohnungen bleiben weiter auf Jahrzehnte tief unter Marktpreis vermietet, auch an sozial nicht Bedürftige. Ein Beispiel aus dem 8. Bezirk: Eine 73-jährige Dame bewohnt eine 140 Wohnung um 2,50 Euro netto/ (exklusive Betriebskosten). Marktüblich wären 8 Euro. Das an der Adresse gemeldete Enkerl kann später für 350 Euro in die Mietrechte einsteigen.

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