Chronik | Wien
05.12.2011

Skandalheim Wilhelminenberg: Grauen über den Dächern Wiens

Vom Schloss Wilhelminenberg hat man einen wundervollen Blick auf Wien. Hinter den Mauern herrschte Terror.

Es ist erschütternd, was sich hinter den Mauern von Jugendheimen abgespielt hat. Vor allem in den 1970er-Jahren wurden zur Betreuung in öffentliche Heime eingewiesene Kinder aufs Brutalste misshandelt, gequält, sexuell missbraucht. Ein Heim der Stadt Wien scheint das vernichtende Bild der Jugendwohlfahrt der damaligen Zeit noch bei Weitem zu übertreffen.

"Hölle"

Faschistoide (© Kinder- und Jugendanwaltschaft der Stadt Wien), an die Nazi-Zeit erinnernde Erziehungsmethoden, schlimmste Herabwürdigung sechsjähriger Mädchen, Züchtigung bis zum Erbrechen oder bis zur Bewusstlosigkeit, Vergewaltigung durch Betreuerinnen und Betreuer: Willkommen im Kinderheim Schloss Wilhelminenberg, der "Hölle auf Erden", wie Eva L., die sieben Jahre dort lebte, sagt.

All das schaut auf den ersten Blick übertrieben aus. Unglaublich. Unvorstellbar. Wer aber durch Interviews mit ehemaligen Heimkindern Einblicke in die Methoden der Erzieherinnen und Erzieher vor knapp 40 Jahren gewinnt, weiß, dass dies keine Erfindungen und Einbildungen ehemals geschundener Seelen sind, die Rache wollen. Ganz im Gegenteil: Die eingangs erwähnten Vorwürfe sind nur die Spitze des Eisberges an schrecklicher, systematischer Gewalt.

Das grausame Regime enthemmter Autoritätspersonen hat wehrlose Kinder, meist ohnehin aus ärmsten Verhältnissen, zu Sex-Sklaven gemacht. Ein Drama, das noch lange nicht beendet ist. Viele, möglicherweise alle, die die Heimzeit überlebt haben, leiden heute noch an den Spätfolgen. Zu ihnen kehrt der Albtraum, den sie jahrelang erdulden mussten, Nacht für Nacht zurück. Seit vierzig Jahren.

Die Verantwortlichen? Die können sich getrost zurücklehnen, weil sie sich im sicheren Fahrwasser strafrechtlicher Verjährung wähnen. Manche von ihnen, immerhin sind gut 40 Jahre vergangen, sind schon tot.

Amtlich

Dass die Vorwürfe nicht aus der Luft gegriffen sind, ist mittlerweile amtlich. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft hat im Auftrag der Stadt Wien mit der Aufarbeitung der Misshandlungen in städtischen Heimen begonnen. Alleine die trockenen Fakten, die in ihrer Dokumentation aufgelistet sind, sprechen Bände. 343 Opfer haben sich schon gemeldet. Die Stadt Wien zahlte bereits erste Entschädigungen aus. Abgewickelt wird die Unterstützung ehemaliger Heimkinder über die Opferschutz-Organisation Weisser Ring.

Stadt Wien: Aufarbeitung des Missbrauchs

Die Stadt Wien hat im Jahr 2010 begonnen, die Missbrauchsfälle in Kinderheimen systematisch aufzuarbeiten. Opfern wird finanzielle Hilfe gewährt. Bisher haben sich 343 Personen, die von der Wiener Jugendwohlfahrt in Heime eingewiesen worden waren, bei der Opferschutz-Organisation Weisser Ring gemeldet. 31 davon waren am Wilhelminenberg untergebracht.

"In hundert Prozent der Fälle kam es zu psychischen und physischen Übergriffen, manchmal unfassbar brutal, manchmal auch nur deutlich über der Grenze der damals herrschenden pädagogischen Ansicht", heißt es in einem Zwischenbericht der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft. "In 40 Prozent der Fälle, die vom Gremium bearbeitet wurden, kam es zu teilweise schweren sexuellen Übergriffen."

Die Stadt Wien hat den Opferfonds auf 5,8 Millionen Euro aufgestockt. 139 ehemalige Heimkinder haben bereits Zahlungen erhalten. Diese reichen von 5000 Euro in weniger schwerwiegenden Fällen über 15.000 Euro für mehrfache Übergriffe, bis hin zu 25.000 Euro in Fällen von über mehrere Jahre hinweg fortgesetzter (sexueller) Gewalt mit Verletzungsfolgen und seelischen Schmerzen. Eva L. und Julia K. wurde ebenfalls eine Entschädigung ausgezahlt: Weit mehr als 25.000 Euro.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

  • Hintergrund