Chronik | Wien 30.12.2011

Sie haben die Stadtpolitik 2011 geprägt

Maria Vassilakou, Michael Häupl: Gehen seit über einem Jahr gemeinsame Wege. © Bild: dapd

Wiener Jahresrückblick:Der KURIER präsentiert Auf-, Ab-, Umsteiger und einen blauen Wuchteldrucker.

Österreichs erste rot-grüne Regierung auf Landesebene ist etwas mehr als ein Jahr alt. Noch ist der Gürtel keine Fußgängerzone, längst sind nicht alle Hausfassaden begrünt, und die „g’scherten“ Autofahrer aus Niederösterreich kommen noch immer unbehelligt und ohne Citymaut über die Stadtgrenze. Dennoch haben Bürgermeister Michael Häupl (SP) und seine Grüne Stellvertreterin Maria Vassilakou mit Gebührenlawine und Parkpickerl-Debatte die Themen des Jahres 2011 vorgegeben. Nicht immer zur Freude der Wiener. Und was wären die großen Geschichten ohne die kleinen? Eine rot-grüne Regierung ohne schwarz-blaue Opposition? Fußgängerzone und Tempo 30 schön und gut, aber bei 365 Seitenaufmachern im Jahr wären Journalisten ohne blaue Gemeinderäte, die im fernen Libyen für Frieden kämpfen, echt aufgeschmissen. Ein Jahr und zwölf Einzelschicksale.

Doppelinterview, Michael Häupl, Maria Vassilakou
© Bild: KURIER/Boroviczeny

Das Paar des Jahres Während viele Wiener kein Geld zum Heizen haben, erhöht die Stadt die Gebühren.“ Das – so war Wiens erste grüne Vizebürgermeisterin, Maria Vassilakou , zumindest 2008 überzeugt – ist „Sozialverrat“. Die Zeiten ändern sich. Grün regiert. Und wer hätte vor einem Jahr geglaubt, dass das funktionieren kann? Vermutlich nicht einmal die Grünen selbst. Die Partei hat sich bei größeren Themen durchgesetzt und sich selbst noch nicht atomisiert. Daher rührt wohl auch der Stolz, den Vassilakou vor Kurzem nicht mehr verbergen wollte: „Nach sechs Monaten möchte ich sagen: Ich bin unglaublich stolz auf mich.“

Ausgerechnet ein studierter Biologe nimmt sich 2011 der Grünen an. Ob Michael Häupl (SP) wieder öfter über sein Spezialgebiet (Schuppenkriechtiere) sinniert, ist offen. Jedenfalls hat er die einstige Chaostruppe fest im (Würge-)Griff. Häupl selbst zeigt neuerdings fast basisdemokratische Züge grüner Prägung: Wenn er auf Funktionärswunsch das kleine Glücksspiel verbietet oder Bürgern (oder der Krone?) gefallen möchte und Bagger am Steinhof einbremst. Die Hoffnung möglicher Nachfolger, er könnte bald in Pension gehen, scheint unbegründet. „Es hat lange nicht so Spaß gemacht.“

Niki Kowall, SPÖ
© Bild: Kurier

Der rote Rebell Basiswappler gegen Bürgermeister: Niki Kowall, junger SP-Rebell, kämpfte für ein Verbot des kleinen Glücksspiels. Tausende Automaten müssen bis 2014 aus Wien raus. Kowall wirbt nun für ein Bundesverbot. Nach Häupl heißt sein Gegner Genosse Faymann. Nix mit Freundschaft!

Der Durchstarter Geilo, 25 und schon ÖVP-Integrationsstaatssekretär! Sebastian Kurz hat sein Geilomobil, den Rathaus-Alltag und die Pubertät hinter sich gelassen und stellt uns im Bund nun täglich einen Vorzeigemigranten vor. Schade nur, dass es derer in der eigenen Partei so wenige gibt.

Die letzte Hoffnung Der neue Wiener ÖVP-Chef Manfred Juraczka soll zumindest die nächsten Monate die Geschicke der schwer regierbaren Wiener ÖVP lenken. Er wäre nicht der Erste, der an dem Projekt „Zurück zu alter Stärke“ scheitert. Um genau zu sein: Er wäre der Achte in Folge. Glück auf!

Die Glücklose Wie’s nicht geht: Sie war beliebte Staatssekretärin. Dann musste sie eine Partei führen, die sie nie wollte und bekam ein Image, das ihr nicht passte. Heute ist die Wiener VP vor allem trotz und nicht wegen Christine Marek am Boden. Sie sitzt wieder im Bund – nur ohne Amterl.

Die Wutbürgerin Sie ist oft dagegen: Herta Wessely vernetzt Wiens Bürgerinitiativen und sorgt so dafür, dass das Otto-Wagner-Areal nicht bebaut wird und dass Zieselfelder nicht zubetoniert werden. Wenn sie für etwas sein müsste, dann wohl nur „für mehr Bürgerbeteiligung“. Doch wer weiß ...

Toni Mahdalik, FPÖ
© Bild: FPÖ Wien

Der Wuchteldrucker Edelfeder und Politiker Toni Mahdalik (FP) wettert in Aussendungen, die von Medien selten übernommen, aber stets gern gelesen werden, gegen Bezirkschef „Kim Jong-Blimlinger“ und den grünen „Fahrradflüsterer“ Chorherr. Aber wie sieht blaue Verkehrspolitik aus? „Wir sind Auto.“

Der Außenstadtrat Nicht amtsführender Stadtrat David Lasar (FP) ist traurig. Mit einem Libyen-Trip im Juli setzte er sich für ein Ende der NATO-Bomben im Wüstenstaat ein. Seither will die SP sein Amt abschaffen. Österreich habe ja schon einen Außenminister und der heißt schließlich nicht Lasar.

Der wilde Umsteiger Der wilde Wolfgang Aigner kehrte der Wiener ÖVP im September lautstark den Rücken („Die Wiener ÖVP erinnert an die Ruine von Tschernobyl – nur, dass die Partei nie so gestrahlt hat wie die Atomruine.“) Wilder Abgeordneter wolle er sein. Kurz darauf ersuchte er dann doch kleinlaut um „Asyl“ im blauen Klub. Aber Aigner bleibt dabei: „Ich bin und bleibe ein Wilder.“ Sowieso.

Die Pragmatikerin Ist da jemand? Sigrid Pilz, das ist Schweigen im grünen Blätterwald. Jene Grün-Politikerin, die mit dem Aufdecken des Lainzer Pflegeskandals vor Jahren das rote Wien erschütterte, ist seit Regierungseintritt zahm. AKH-Skandal? Grün-Genossin Pilz egal. Beine hochlagern und durch.

Das Randphänomen Jung, erfolgreich, ÖVP-Politikerin: Ein in Wien seltenes Dreigestirn. Josefstadts Bezirkschefin Veronika Mickel hat bei der Wien-Wahl im Oktober den achten Bezirk rückerobert und punktet nun mit Sachpolitik. Sie beweist: ÖVP geht in Wien auch ganz ohne Law-and-Order-Attitüde.

( Kurier ) Erstellt am 30.12.2011