03.08.2013, Treffpunkt Tankstelle, ILLEGALE AUTORENNEN IN WIEN - Chronik / Dominik Schreiber

© Andreas Lepsi

Illegale Straßenrennen
08/05/2013

300 km/h im Kaisermühlentunnel

Eine Nacht im Temporausch – so läuft die Jagd zwischen Roadrunnern und Verkehrspolizei.

von Dominik Schreiber

300 Stundenkilometer im Wiener Kaisermühlentunnel sind leicht zu erreichen. „Die Section-Control ist kein Problem“, erklärt Motorradfahrer Alan, 26, und schmunzelt. „Wenn ich in den Tunnel hineinfahre, einfach die erste Auffahrt hinauf und dort warte ich eine halbe Minute. Danach kann man auf der Rampe durchziehen. Die Section-Control misst ja nur den Durchschnitt.“ 305 km/h fährt sein getuntes Bike. Das geht sich aus in der Röhre, es gibt Videos davon. „Ich bin aber nicht so blöd, das auf YouTube zu stellen, die Polizei schaut dort ja auch mit“, meint der 26-Jährige.

Alan istRoadrunner. Etwa 300 junge Männer (darunter kurioserweise auch Polizisten) gehören dieser Szene an, die vor allem am Dienstag, Freitag und Samstag ihre Wettrennen in Wien und Niederösterreich fahren. Die drei Tankstellen in der Triester Straße, im Gewerbepark Stadlau und neuerdings auf der Heiligenstädter Straße sind ihre Treffpunkte. Bis zu 15.000 Euro haben sie in verbesserte Fahrwerke, Spoiler und PS-Tuning investiert. Einer von ihnen hat sich gleich sein Motorrad auf die Brust tätowiert. Auch viele andere aus der Gruppe haben Tattoos und sind muskelbepackt. „Andere nehmen Drogen, trinken Alkohol oder sind in Schlägereien verwickelt. Das alles wollen wir nicht“, berichtet Alan.
Doch es gibt Regeln. „Die Sicherheit ist extrem wichtig“, betont Patrik. „Wir riskieren ab und zu was, aber keiner von uns will sterben“, meint Alan. „Uns ist wichtig, dass wir niemanden anderen gefährden.“ Deshalb wird nur in der Nacht Gas gegeben. „Die Radarboxen kennen wir ohnehin, bei roten Ampeln bleiben wir alle stehen“, berichtet ein weiterer PS-Freak. „17 Minuten dauert eine Gürtelrunde. Wir schaffen das in sechs bis sieben.“

Vergangene Woche ist einer aus ihrer Mitte gestorben. Dejan ist auf dem Heimweg nach Serbien mit mehr als 240 km/h gegen einen Lkw geprallt. Die Roadrunner haben Kerzen aufgestellt, ihm zu Ehren wurden mit den Bikes mehrere „Gedenk-Wheelies“ gefahren. Man muss ihre Welt nicht verstehen oder tolerieren, aber die Szene ist zumindest familiär. „Wir schauen auch auf die Jüngeren, damit sie nicht zu viel Blödsinn machen“, sagt Alan.

Die Seite des Gesetzes

Darauf achtet auch die Verkehrspolizei. Wenige Stunden nach dem KURIER-Treffen mit den Roadrunnern geht Oberstleutnant Wolfgang Landau mit seinen Kollegen in der Nacht auf Sonntag in Wien-Favoriten in Stellung. Rund um das Planquadrat in einer Seitengasse der Triester Straße dröhnen ständig die Motoren, die Rennen gehen Schlag auf Schlag: „Dass wir da sind, macht erst den Kick für sie aus“, meint Landau. Eigentlich galt die Roadrunnerszene nach zehn Jahren Kampf mit der Polizei als zerschlagen. Seit gut einem Monat sind sie zurück – und stärker als je zuvor. „Früher ging es um 200-PS-Autos, jetzt sind es 400 bis 500“, erklärt der Oberstleutnant. Dazu kommt erstmals auch Alkohol: „Gestern haben wir einen der Roadrunner mit 134 km/h in der Stadt gestoppt, der hatte 1,7 Promille. Alkoholisiert wird das alles zu einem Wahnsinn.“

Internationale Szene

Wien ist für manche nur der Treffpunkt, ein großer Teil stammt laut Polizei aus Wiener Neustadt, manche auch aus dem Burgenland. Sogar aus dem Ausland reisen schon erste Rennfahrer an, um in Wien dabei zu sein. Ein Aufkleber signalisiert, wer gerne um die Wette fährt. „Wir überholen den dann auf der Landstraße und wenn der andere blinkt, dann nimmt er die Herausforderung an“, erklärt ein 18-jähriger Fliesenlegerlehrling aus Oberwart. Er hat gerade sechs Wochen seinen Führerschein und um 4000 Euro eine getunten Audi erstanden. Rennerfahrung scheint er bereits zu haben.

Für die Roadrunner gebe es jedenfalls eine Lösung, meinen sie unisono: „In Ungarn und der Slowakei haben sie Rennstrecken, wo jeder fahren kann, wie er will. Bei uns gibt es das nicht, deshalb müssen wir auf die Straße.“

Bis dahin wird die Verkehrspolizei dem Motto von Oberstleutnant Landau folgen: „Strafen, strafen, strafen. Das ist das Einzige, was nützt bei dieser Klientel.“

Sexualität auf der Maschine

Verkehrspsychologe Gregor Bartl hat 70 Studien – vor allem über junge Autolenker – erstellt. Er ist Mitinitiator der Mehrphasenausbildung, leitet die Fahrlehrerausbildung und gründete das Institut alles-fuehrerschein.at. Außerdem ist er Mitglied im Beirat des Verkehrssicherheitsfonds.

KURIER: Warum fahren gerade junge Menschen solche Straßenrennen?

Gregor Bartl: Wir reden hier zunächst einmal von einer zutiefst männlichen Sache. Das betrifft leider nur uns Männer. Das Leben ist als Jugendlicher eine Baustelle: der Beruf ist noch unklar, die Freunde ändern sich und der Körper entwickelt sich. Die Sexualität wird zu einem wichtigen Trieb und das kann man eben auch mit einer Maschine ausleben statt im Bett.

Welche Altersstufe betrifft das speziell?

Gerade in die gefährlichste Zeit der Adoleszenz zwischen 14 und 20 Jahren fällt der Führerscheinerwerb. Zu diesem Zeitpunkt stellt man als Jugendlicher alle Regeln infrage.

Auffällig viele Migrantenkinder der zweiten Generation sind heute unter den Schnellfahrern zu finden. Was ist der Grund dafür?

Das ist ein sehr heikles Thema, aber bei uns in den Nachschulungen sehen wir vor allem zwei Ursachen. Einerseits kommt für sie noch eine weitere der zuvor angesprochenen Baustellen dazu. Denn sie sind noch nicht richtig in unserer Kultur drinnen und aus ihrer noch nicht ganz weg. Außerdem kommt in manchen, sehr stark religiös beeinflussten Fällen ein ausgeprägter Kismet-Glaube dazu. Es ist schwierig, wenn alles vorbestimmt ist, die Regeln des Straßenverkehrs eigenverantwortlich ernst zu nehmen.

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