Chronik Wien
07/02/2019

Rapid-Kessel: "Die Straße gehört ihnen, die Polizei kann nichts tun"

Im Landesverwaltungsgericht Wien sagt in diesen Minuten der "Hauptberichterstatter" des umstrittenen Einsatzes aus.

von Michaela Reibenwein, Birgit Seiser

"Sie wollten ihre Herrschaft über die Straße und ihre Macht über die Polizei demonstrieren" - mit diesen Worten beschrieb der Einsatzleiter und Hauptberichterstatter der Polizei, Gerald Lischka, die Situation am 16. Dezember 2018. Lischka sagte am Dienstag in der Causa Rapid-Kessel vor dem Landesverwaltungsgericht Wien als Zeuge aus. Seine Schilderungen zeichnen ein dramatisches Bild des Einsatzes. Im Polizei-Bericht stand damals über die Situation mit den Rapid-Fans: "Die Straße gehört ihnen, die Polizei kann nichts tun."

Wie berichtet, waren damals nach Ausschreitungen vor dem Wiener Derby gegen die Austria 1338 Rapid-Fans eingekesselt worden. Sie hatten am Fanmarsch teilgenommen. 28 Fans hatten später Beschwerde gegen die Polizei eingelegt.  

Aggression von erstem Moment an

Gerald Lischka war für den Einsatz außerhalb des Stadions zuständig. Am Dienstag sagte er vor Gericht aus. Der stellvertretende Leiter der Bereitschaftseinheit gab an, selten zuvor so eine Aggressivität ab dem ersten Moment erlebt zu haben – und das trotz 21 Jahren im Dienst.

Ab dem Moment des Eintreffens der Polizei hätte es sofort Beschimpfungen gegeben. Die Beamten wurden außerdem mit Schneebällen beworfen. Die Fans seien auf eine massive Konfrontation aus gewesen. „Ich habe fast minütlich über Funkmeldungen bekommen, dass Kollegen gefährdet sind“, sagt Lischka. Auch Passanten seien bedrängt und mit Schneebällen beworfen worden. Der Einsatz von Pyrotechnik sei außerdem „definitiv massiver“ gewesen, als bei anderen Fanzügen.  

Dialog mit Ultras nicht möglich

Der Richter meldet sich zu Wort. Die Sichtung der Videos hätte auf ihn den Eindruck eines Bandenkrieges oder Bandenterrors gemacht. Laut Polizist Lischka war es nicht möglich, deeskalierend auf die Fans einzuwirken. "Ein Dialog mit Rapidfans wie den Ultras ist nicht möglich." Es sei eine untragbar erscheinende Situation gewesen. "Ich habe laufend mit der Einsatzleitung Rücksprache gehalten, aber wir wurden immer nur auf Deeskalation verwiesen", sagt Lischka.

Es wäre laut Lischka nie der Plan gewesen, eine so große Anzahl von Menschen anzuhalten. Einige Tage vor dem Match hatte es eine Sicherheitsbesprechung mit dem SK Rapid gegeben. Auch Stadionsprecher Andy Marek konnte als Kenner der Fans aber vorher nicht sagen, was diese planen.

Wegen der massiven Rauchentwicklung durch Pyrotechnik beim Fanzug in Richtugn Stadion musste die Polizei schließlich Durchsagen an die Bevölkerung machen, die Fenster zu schließen. "Wer aus den Fenstern fotografiert oder Videos gemacht hat, wurde mit Schneebällen beschossen. Ich hatte den Eindruck, die Leute hatten beim Marsch nicht zuzuschauen."

Tasereinsatz sollte verhindert werden

Bei Stopps des Fanzugs hätte es laut Polizei unheimliche Aggressionen wie Halsabschneide-Gesten in Richtung der Polizei gegeben. Auf die Frage des Richters, ob man nicht die besonders aggressiven Fans absondern hätte können, meint Lischka: „Sehr schwer, da wäre es zu einem massiven Waffengebrauch gekommen“. Damit mein der Einsatzleiter Elektrotaser. „Da hätte es auch Menschen erwischt, die sich nichts zu Schulden kommen haben lassen. Ich gehe davon aus, dass es dann Verletzte gegeben hätte.“ Auf den Polizisten hätte es den Eindruck gemacht, als wollten einige Fans, dass es zu so einer Eskalation kommt.

"Alte Garde" vorbeigelotst

Um genau 15.03 Uhr hatten einige Fans dann damit begonnen, die Tangente mit Gegenständen zu bewerfen. Um 15.08 Uhr stoppte die Polizei die ersten Fahrzeuge. Der Richter zeigte sich verwundert, dass das so schnell ging. Laut Lischka sei das aber nicht vorbereitet gewesen.

Um nicht allen Fans das Match zu verderben, seien andere Fangruppierungen an den Eingekesselten vorbeigelotst worden, darunter auch die sogenanntre "Alte Garde", ein "Rechtsausleger" der Rapidfans. Lischka betont, dass schon am Anfang der Einkesselung Personen herausgelassen wurden, wie Familien mit Kindern oder Menschen mit dringendem Stuhlgang. Es hätte drei Linien gegeben, an denen Personen den Kessel verlassen konnten. Das wäre aber nur langsam vorangegangen, weil der "harte Kern" der Fans die anderen dazu anhielt, keine Identitätsfeststellung vornehmen zu lassen. Trotzdem wären stündlich rund 100 Personen aus dem Kessel gelassen worden.