88-Jährige terrorisierte Wiener Ehepaar mit 6.300 Anrufen
Ältere Menschen sollen vermehrt mit 1450 vertraut werden.
Herr P. hat Buch geführt: Mehr als 6.300 Anrufe haben er und seine Frau in fünf Monaten bekommen. Vor Gericht nennt sich das Stalking. Beim ersten Prozesstermin im Landesgericht für Strafsachen in Wien war die Angeklagte nicht erschienen. Nun ist sie da. 88 Jahre jung und „noch gut beisammen“, wie sie erklärt. „40 Jahre lang war ich Turnen, 23 Jahre im Fitness-Studio“, erklärt sie und wirft die Arme nach oben. Richterin Nicole Baczak nickt anerkennend: „Sehr fit!“
Verständigungsprobleme
Was nicht mehr so gut funktioniert, ist das Gehör. „Akustisch verstehen Sie mich?“ - „Wie bitte?“ - „Können Sie mich hören?“ - „Jo schlecht.“ Kurzerhand wird der Stuhl direkt vor die Richterbank geschoben.
Die 88-Jährige war einst Schulsekretärin an einem Gymnasium. Die nunmehrigen Opfer waren damals Schüler, heirateten später. Der Kontakt hielt. „Da war so ein Mutter-Tochter-Verhältnis zur Frau P.“, erklärt die Angeklagte. Täglich erkundigte sich die Jüngere nach dem Befinden, man hatte sogar einen Wohnungsschlüssel für Notfälle. Doch mit der Zeit wurde das Verhältnis zwischen der Angeklagten und dem Ehepaar schwieriger. „Es ist skurril geworden, sie hat sich immer mehr in unser Privatleben eingemischt. Wir sind dann auf Distanz gegangen“, beschreibt der Mann.
Als 2023 dann ein Einbruch in der Wohnung der Seniorin geschehen war, gab man vorsorglich den Schlüssel zurück. Doch nur ein Jahr später rief die Polizei bei Herrn P. an. Er habe, so der Vorwurf der alten Dame, bei ihr eingebrochen. Der Vorwurf war rasch vom Tisch gewischt. Doch das freundschaftliche Verhältnis war ab diesem Zeitpunkt endgültig vorbei. Dann begannen die Anrufe.
Schimpfen wie ein Rohrspatz
Und die waren durchaus deftig. Obwohl das Paar sowohl die Festnetz-Nummer als auch die Handynummer der Seniorin blockieren ließ, kamen weiterhin Nachrichten von ihr ans Ziel. Und da lebte sich die Dame aus. Gsindel, Depperte, Trotteln, Drecksau - das Repertoire war durchaus breit gefächert. „Das ist alles vorbei und wieder in Ordnung. Wir haben uns komplett ausgesprochen“, beteuert die Angeklagte. Allein am 13. März sollen es 185 Anrufe gewesen sein. „Das muss ich bezweifeln, das kann wirklich nicht stimmen. Da müsste ich ja Tag und Nacht telefoniert haben.“
Jetzt, so erklärt sie, würde sie kaum noch telefonieren. „Naja. Am 25. Juli haben wir 52 Anrufe an einem Tag“, gibt die Richterin zu bedenken. Sie schaut der Dame tief in die Augen, beugt sich über das Richterpult: „Können wir eine Vereinbarung treffen, dass Sie gar nicht mehr anrufen?“
Die 88-Jährige schwört darauf, die Richterin spricht daher eine Diversion mit zwei Jahren Probezeit aus. Die Frau hat nun ein striktes Kontaktverbot zu den Opfern. Die Chancen, dass das hält, stehen gut. Die künftige Erwachsenenvertreterin der Frau (bei ihr wurde Demenz diagnostiziert) hat bei den Telefonanbietern in die Wege geleitet, dass die Telefonnummern nicht mehr von den Anschlüssen der Dame kontaktiert werden können.
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