Prozess um Mafia-Fall: "Er hat sich angeschissen und angepisst vor Angst"
Im Zusammenhang mit einem Erpressungsfall, den Mitglieder des gefürchteten montenegrinischen Kavač-Clan im März 2020 in Wien eingefädelt hatten, ist am Freitag am Landesgericht gegen zwei mutmaßliche Mitglieder der gefürchteten mafiösen Gruppierung verhandelt worden. Beide Männer wurden jeweils zu sechseinhalb Jahren Haftstrafe für schwere Erpressung verurteilt.
Ein kroatischer Geschäftsmann war im März 2020 nach Wien gelockt worden, wo er in einem Appartement in der Innenstadt gefoltert und zur Zahlung von letzten Endes 10.000 Euro gezwungen wurde.
Mitgeplant und mitorganisiert soll das ein 61-jähriger Montenegriner haben, der auf Basis eines Europäischen Haftbefehls vor einigen Monaten in Serbien festgenommen und zu Jahresbeginn der Wiener Justiz übergeben wurde. Laut Anklage war der Mann am Tatort persönlich anwesend und hatte über ein vermeintlich abhörsicheres Krypto-Handy anderen Banden-Mitgliedern von den Vorgängen in der Wohnung berichtet.
"Er hat sich angepisst vor Angst"
"Er hat ihn mit der Pistole geschlagen. Er blutet", rapportierte er, was dem Opfer angetan wurde. Als das Opfer versicherte, er könne die ursprünglich geforderte eine Million Euro für seine Freilassung nicht aufbringen, weil er dafür nicht vermögend genug sei, habe ihm der 61-Jährige geglaubt, meinte der Staatsanwalt unter Verweis auf einen weiteren Chat. "Er lügt nicht. Er hat sich angeschissen und angepisst vor Angst", hieß es darin.
Vor einem Schöffensenat mitzuverantworten hatte sich ein 39-jähriger Montenegriner, der im Auftrag des 61-Jährigen um 300 Euro vier Pistolen gekauft und zwecks Fesselung des Kroaten Plastikhandschellen und Klebebänder besorgt haben soll. Der Jüngere soll dann auch nach Belgrad gefahren sein, um den letzten Endes bezahlten Geldbetrag entgegenzunehmen.
Von Daten auf Kryptohandys belastet
Belastet werden die beiden Angeklagten von der Auswertung von sichergestellten Kryptohandys, die laut Anklage aufgrund der jeweils verwendeten PIN-Codes eindeutig ihnen zugeordnet werden können. Entgegen ihrer Annahme konnten die Geräte, mit denen sie mit anderen Clan-Mitgliedern kommuniziert haben sollen, entschlüsselt und ausgelesen werden. Neben Chats, die dafür sprechen, dass sich beide Angeklagte am Tatort aufhielten, wurden von der Polizei auch Selfies gefunden, die für einen Aufenthalt in Wien im März 2020 sprechen.
Sogar Audio-Dateien hätten die beiden Männer verschickt, in denen vor der Tat und am Tag nach der Tat konkret Bezug auf die Vorgänge im Appartement in der Wiener Innenstadt Bezug genommen wurde, führte der Staatsanwalt aus. Genüsslich ließ er einige Audio-Dateien im Gerichtssaal abspielen. Das seien nicht ihre Stimmen, behaupteten daraufhin die Angeklagten. Es handle sich um Manipulation.
Angeklagter machte "Identitätsdiebstahl" geltend
Die Montenegriner ließen auch das sonstige Beweismaterial nicht gelten. Von der Anklage sei "nichts wahr. Ich habe diese Handlungen nicht gemacht", gab der 39-Jährige an. Die Bilder, die ihn zeigen, seien "mit Photoshop verfremdet" worden. Der 61-Jährige bezeichnete die Anklage wörtlich als "Gerücht. Das ist wie Frauen, wenn sie Kaffee trinken und plappern." Zuvor hatte er den Staatsanwalt beim Vortrag der Anklage auf untergriffige Weise beschimpft und immer wieder unterbrochen, worauf diesem der Geduldsfaden riss: "San'S ruhig! Sie haben jetzt Pause!"
Er sei ein Opfer von "Identitätsdiebstahl", meinte der 61-Jährige. "Jeder gute Informatiker und die Künstliche Intelligenz" wären in der Lage, ihn in das Bildmaterial "hineinzuschwindeln", auf das sich die Anklage stütze. Die Chats bezeichnete der Mann als "Blödheit von der ersten bis zur letzten Seite." An den vorsitzenden Richter gewandt, bemerkte er: "Sie brauchen gar nichts vorlesen! Es ist alles erfunden. Mich interessiert das Ganze nicht."
"War seit meiner Geburt nicht in Wien"
"Ich war seit meiner Geburt nicht in Wien. Wozu bräuchte ich Wien, wenn Belgrad drei Millionen Einwohner hat", echauffierte sich der 61-Jährige. Er behauptete, er habe seinerzeit als Boxer in den USA "100 Millionen Dollar verdient". Danach habe er sich als Unternehmer an Hotels, Lokalen und Garagen beteiligt: "Das weiß ganz Serbien und Montenegro." Sein Vermögen belaufe sich auf 200 Millionen Euro. Es sei absurd, ihn der Schwerstkriminalität zuzurechnen.
An der Erpressung des Kroaten waren nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Wien insgesamt sieben Personen beteiligt. Zwei von ihnen wurden im vergangenen November am Landesgericht - mittlerweile rechtskräftig - schuldig erkannt und zu Freiheitsstrafen von sechs bzw. sieben Jahren verurteilt. Ein 57-Jähriger, der als "Aufpasser" angeklagt worden war, wurde im Zweifel freigesprochen. Das erkennende Gericht ging zwar davon aus, dass auch dieser Mann dem Kavač-Clan zuzurechnen sei. Es sei jedoch nicht erwiesen, dass er in einem Park vor dem Appartement in Wien-Leopoldstadt patrouilliert hatte, in dem die Misshandlungen stattfanden. Der 57-Jährige muss sich allerdings am kommenden Dienstag wegen schweren Raubes und weiterer Delikte am Landesgericht verantworten.
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