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Polizeiberichterstattung
08/26/2015

Kriminalität: Die Verzerrung der Wirklichkeit

200.000 Anzeigen erhält die Wiener Polizei jährlich, aber nur bestimmte werden an die Öffentlichkeit getragen.

von Jürgen Klatzer

Rund 570 Anzeigen pro Tag gehen bei der Wiener Polizei ein. Aber nur wenige davon werden von der Pressestelle ausgewählt und in Form von Aussendungen nach außen kommuniziert. Eine Analyse aller Berichte aus den Jahren 2013 und 2014 zeigt, bestimmte Delikte sind deutlich seltener Thema als andere - oder kommen überhaupt nicht vor.

Es gibt erschreckende Beispiele, die uns im Alltag begegnen: Ein Mann liegt nach einem Herzinfarkt fünf Stunden sterbend in einem U-Bahn-Aufzug ohne dass Passanten helfen. Die Polizei informiert die Öffentlichkeit nicht. Erst eine Tageszeitung berichtet über den Vorfall. Oder: Im April 2014 wird ein Mann an einer Tankstelle rassistisch beschimpft und verprügelt. Auch diesmal verliert die Polizei kein Wort darüber.

200.000 Anzeigen und 2.000 Aussendungen

Ein datenjournalistisches Projekt der ORF-Reporterinnen Evelyn Kanya und Alexandra Siebenhofer mit dem deutschen Recherchenetzwerk correctiv kommt zum Schluss: Über Handtaschenraub und Drogenkriminalität berichtet die Wiener Polizei auffallend häufig, über Vergewaltigung und rassistisch motivierte Gewalt fast nie.

200.000 Anzeigen im Jahr stehen weniger als 2.000 Pressemitteilungen gegenüber. Die "gefühlte Kriminalität", wie die Autorinnen ihre Recherchearbeit nennen, führe unweigerlich zu einer "Verzerrungen der Wirklichkeit". So habe die Polizei 2013 und 2014 nur jede 43. Vergewaltigung an die Medien, aber jeden 5. Handtaschenraub gemeldet. Beide Straftaten seien jedoch etwa gleich häufig passiert.

Noch seltener als Vergewaltigungen - nämlich nie - seien unterlassene Hilfeleistungen im Scheinwerferlicht der Polizeipressearbeit gestanden. Ebenfalls nicht auf der Agenda der Aussendungen waren rassistisch motivierte Körperverletzungen, Drohungen und Beleidigungen. Dafür wird beinahe täglich über Juwelier- und Banküberfall sowie über jeden zweiten Taxiraubüberfall berichtet. Widerstand gegen die Staatsgewalt kommt auch sehr häufig vor, zumindest häufiger als viele andere Verbrechen.

"Tatort- und Soko-Kitzbühel-Kriminalität"

Die Autorinnen zeigen zudem auf, welche Verbrechen in den Aussendungen am häufigsten thematisiert wurden (basierend auf den Überschriften der Aussendungen): Raubüberfälle, Diebstähle, Delikte gegen Leib und Leben und Einbrüche. Jeden zweiten Tag hätte die Polizei über Dealer oder Suchtkranke, die sie gefasst hat, informiert.

"Die Polizei hat hier die Herrschaft über die Wirklichkeit."

Der Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl spricht von einer "Tatort- und Soko-Kitzbühel-Kriminalität". Dabei meint er, dass es sich um eine Art von Kriminalität handelt, bei der sich die Polizei gut als Retter inszenieren könne. "Die Polizei hat hier die Herrschaft über die Wirklichkeit", sagt Kreissl auf corrective.org. Die Polizei habe es gern, wenn die Gesellschaft ordentlich und sauber ist, so der Experte. "Nach dem Muster: Wir sind die Normtreuen, und dann gibt es am Rand der Gesellschaft die Bösen, die Handtaschen rauben oder mit Drogen dealen." Was ist mit Rassismus oder Vergewaltigung? Warum werden diese Verbrechen so selten thematisiert? Sie passen nicht in das Bild, das man gerne vermitteln möchte.

Praktisch alles, was Bürger über Kriminalität wissen, stammt aus den Medien, die zu 90 Prozent auf Polizeiaussendungen beruhen, erklären die Rechercheure. Das bedeutet, was die Bürger für kriminell halten, "ist wesentlich vom Kriminalitätsbegriff der Polizei geprägt", sagt Kreissl. Straftaten, die in der Öffentlichkeit weniger präsent sind, werden also möglicherweise auch seltener angezeigt.

Imagepflege der Polizei

Johann Golob, der oberste Polizeipressesprecher Wiens, begründet die Vorgehensweise, dass die Gesellschaft "rasch, aktiv und professionell" zu informieren sei. Zudem dürften die Ermittlungen nicht gefährdet werden und die der Opferschutz müsse gewährleistet sein. Deswegen sei die Polizei bei Vergewaltigungen zurückhaltend, argumentiert Golob. Anders als bei Handtaschenraub müsse man außerdem meistens nicht mehr nach den Verdächtigen fahnden, weil man sie bereits kenne.

Der Polizeipressesprecher gibt aber zu, dass die vielen Aussendungen über Drogenkriminalität der Imagepflege geschuldet seien. Drogenkriminalität, so Golob, biete auch "wichtige Erfolge" für die Polizei, weil Drogenbesitz meist im Zuge von Personenkontrollen angezeigt wird. Die Polizei zeige somit, dass sie in der Öffentlichkeit präsent sei, und das schaffe Vertrauen in der Bevölkerung.

Und welche Rolle spielen Medien bei der Berichterstattung über Kriminalität? Der Kriminalsoziologe Kreissl fordert, die tagesaktuelle Kriminalitätsberichterstattung zu hinterfragen. Nur über große Verbrechen zu berichten, würde beispielsweise die Menschen erschrecken. Auch die "langweilige" Arbeit der Polizei muss in die tägliche Berichterstattung einfließen, auch wenn sie nicht populär ist.

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