Landespolizeivizepräsidentin Michaela Kardeis

© KURIER/Franz Gruber

Interview
04/02/2016

Polizei-Vizepräsidentin: "Rate Frauen, Mut zu haben"

Michaela Kardeis über die Sicherheit von Frauen und Männerdomänen.

von Johanna Kreid

Im Fernsehen sind sie jeden Abend zu sehen, in der Realität aber noch dünn gesät: Frauen in Spitzenpositionen in der Polizei. Gegenwärtig gibt es in Österreich nur 22: Eine davon ist Michaela Kardeis, seit 2002 Vizepräsidentin der Wiener Landespolizei. "Einen Beschützerinstinkt haben und gerne für Sicherheit sorgen" – deshalb sei sie Polizistin geworden. Mit dem KURIER sprach sie über die Sicherheit von Frauen, Maßnahmen in Freibädern und darüber, wie man sich als Frau in einer Männerdomäne behaupten kann.

KURIER: Die gefühlte Sicherheit nimmt ab, viele Frauen fühlen sich in der Öffentlichkeit zusehends unsicher. Können Sie diese Ängste nachvollziehen?

Michaela Kardeis: Ich verstehe solche Sorgen immer, ich verstehe sie auch als Frau. Gerade nach den Vorfällen zu Silvester in Köln ist es nachvollziehbar, dass sich Frauen unsicher fühlen. Es hilft hier auch nicht, bloß mit einer Statistik zu kommen, die zeigt, wie wenig passiert.

Haben Ihnen Frauen schon anvertraut, dass Sie sich unsicher fühlen?

Ich merke, dass mich Frauen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis derzeit häufiger darauf ansprechen: Sie fragen mich, ob ich Tipps für sie habe, wie sie sich verhalten sollen, oder ob Berichte über gewisse Vorfälle stimmen.

Welche Ratschläge geben Sie? Empfehlen Sie Frauen, nachts nur in Begleitung unterwegs zu sein? Anfang des Jahres wurde Landespolizeipräsident Gerhard Pürstl in einem Interview entsprechend zitiert.

Nein, da wurde ungenau zitiert. Eine Empfehlung der Polizei lautete immer schon: auf das Bauchgefühl hören. Muss ich hier alleine gehen, oder rufe ich besser ein Taxi? Und die Polizei riet auch immer schon, ein gewisses Gefahren-Radar zu entwickeln, um Situationen realistisch einzuschätzen. Ich selbst habe mir schon immer überlegt, ob es gescheit ist, irgendwo alleine zu gehen. Man sollte abwägen, wann man wo geht. Außerdem geht es immer darum, was man selbst tun kann.

Was kann man zum Beispiel selbst tun?

Ich rate, einen Selbstverteidigungskurs zu belegen. Das hilft dabei, selbstbewusst aufzutreten. Und im Ernstfall kann ich sofort die richtige Reaktion abrufen: Ich weiß, wann ich schreien und wie ich mich bewegen muss. Sicher geht es ebenso darum, was die Polizei, die Stadt oder zum Beispiel auch ein Verein für mehr Sicherheit tun können. Ebenso wichtig ist aber, was man selbst tun kann, um Selbstverantwortung wahrzunehmen.

Und was kann die Polizei tun, um das subjektive Sicherheitsempfinden wieder zu heben?

Da es Fälle von Belästigungen in Hallenbädern gab, laufen derzeit Vorbereitungen für die Freibad-Saison. Die Polizei arbeitet mit Mitarbeitern der Wiener Bäder zusammen: Diese werden informiert, auf welche Verhaltensweisen sie bei Badegästen achten müssen, um etwaige Vorfälle zu verhindern. Polizisten haben außerdem bei Vorweisen ihres Dienstausweises freien Eintritt in die Bäder. Somit weiß die Kassenkraft, dass ein Polizist anwesend ist, sollte es zu einem Vorfall kommen. Ebenso ist die Polizei vermehrt bei gewissen Veranstaltungen präsent.

Fühlen Sie sich unsicher in Wien?

Nein. Wien ist eine der sichersten und lebenswertesten Städte der Welt. Ob jemand alleine in der Nacht durch einen finsteren Park spaziert, muss jeder selbst entscheiden.

Wann kamen Sie auf die Idee, Polizistin zu werden?

Das war während des Jus-Studiums in Salzburg. Nach der letzten Prüfung bin ich zu einer Telefonzelle gegangen und habe bei der Polizei angerufen. Damals haben sie mir gesagt: Ich sei zu jung und eine Frau. Ich war damals 22 Jahre alt. Aber ich habe gesagt: Ich bleibe dran. Ich habe ein Doktorat angehängt. Im Jahr 2001 wurde ich Polizeidirektorin der Bundespolizeidirektion Schwechat. Seit 2002 bin ich in Wien.

Wie war es, als Frau in dieser Männerdomäne zu arbeiten?

Am Anfang war es wirklich etwas Besonderes. Ich war zielstrebig, das kann man nicht abstreiten. Aber ich war auch eine Frau und jung. Daher war klar: Jeder schaut auf mich. Als ich nach Wien kam, sagten die jungen Kollegen: "Cool, eine junge Chefin." Die mittelalte Riege war abwartend. Und die älteren Kollegen, die haben mich fast bemuttert beziehungsweise bevatert.

Hat ihr Job etwas gemeinsam mit dem, was man aus Fernsehserien kennt? Wie sieht ihr Arbeitsalltag aus?

Langweilig (lacht). Nein, im Ernst: Ich komme um halb acht ins Büro und schaue mir den Pressespiegel an. Ich kümmere mich um verschiedenste Dinge, von Bauprojekten über Budgets bis hin zu Großeinsatz-Planungen. Den Neun-Stunden-Tag, den spielt es bei Gelegenheit. Aber es kann auch mal 3 Uhr früh werden.

Was würden Sie Frauen für das Berufsleben raten?

Mut zu haben. Meist fehlen nicht das Können oder das Wissen – meist fehlt der Mut. Männer sagen in ihren Bewerbungsschreiben, was sie können, was sie haben und was sie werden wollen. Frauen trauen sich oft kaum, mit dem Schreiben anzufangen. Es kann immer Rückschläge geben, damit muss man umgehen lernen. Aber man sollte täglich fragen: Was ist uns heute gelungen? Man muss stolz sein auf seine Erfolge.

Michaela Kardeis

Geboren am 5. März 1972 in Salzburg als Michaela Pfeifenberger. Ihr Studium der Rechtswissenschaften schloss sie 1996 ab. Danach arbeitete sie unter anderem im Büro für Frauenfragen und Gleichbehandlung des Landes Salzburg sowie im Kabinett des damaligen ÖVP-Innenministers Ernst Strasser. Seit 2002 ist sie Polizeivizepräsidentin in Wien.

Von bundesweit 27.255 Polizisten sind 4248 Frauen. Auf mittlerer Führungsebene gibt es 657 Polizistinnen (davon 217 in Wien), auf höherer Ebene 22 (vier in Wien).