Ärger über große Sperre der Stammstrecke: „Es wird immer schlechter“
Es war ein Abschied ohne Vorwarnung. Von einem Tag auf den anderen. Kurz - und trotzdem schmerzvoll. Zumindest für all jene, die die S-Bahn Stammstecke in Wien regelmäßig nutzen oder alle, die vom Stadtzentrum zum Flughafen wollen. Auf den Bahnsteigen herrschte Freitagvormittag vor allem Verwirrung und Planlosigkeit. Passagiere, Einheimische wie Touristen, wussten nicht recht, wohin mit sich.
Denn seit heute, Freitag, ist die große Sperre der Stammstrecke in Kraft getreten - drei Wochen früher als geplant und damit ohne die entsprechende Kommunikation an die Öffentlichkeit. Gesperrt ist ab sofort der Abschnitt zwischen Hauptbahnhof und Floridsdorf. Derzeit verkehren auf dieser Strecke keine Züge. Grund dafür ist ein Kabelbrand, der in der Nacht auf Donnerstag rund 20 Kilometer Kabel zerstört hat, der KURIER hat berichtet.
Mittlerweile haben die ÖBB die Kabel entfernt. Was den Brand ausgelöst hat, wird derzeit erst ermittelt. „Aus jetziger Sicht liegt kein Fremdverschulden vor“, so eine Sprecherin der ÖBB.
Die Zugänge zu den Bahnsteigen in Wien-Mitte sind abgesperrt.
Mitbekommen haben dürften den Kabelbrand aber nicht alle. Eine junge Frau am Bahnhof Wien-Mitte steht plötzlich vor den orangen Absperrungen, die den Zugang zum Bahnsteig blockieren. Ganz außer sich fragt sie: „Wie muss ich jetzt fahren, ich muss nach Schwechat?“ Dem KURIER streckt sie ihr Handy entgegen, die WienMobil-App schlägt ihr vor, die S-Bahn zu nehmen. Die fährt aber nicht. „Das ist nicht cool, ich muss in die Arbeit“, sagt sie sichtlich aufgelöst.
Mit dem Bus zum Flughafen
Von Wien Mitte aus geht es derzeit nur mit dem Bus zum Flughafen. Sowohl die ÖBB als auch der City Airport Train (CAT) haben einen Schienenersatzverkehr eingerichtet. Jener vom CAT fährt direkt zum Bahnhof, jener der ÖBB bis zur Geißelbergstraße. Von dort aus geht es mit der S-Bahn weiter zum Flughafen.
ÖBB und City Airport Train haben einen Schienenersatzverkehr eingerichtet.
„Wir mussten uns erst zurecht finden, wo wir hier hinmüssen“, sagt Silvia, eine Touristin aus Deutschland. Vom Kabelbrand habe sie nichts gewusst, auch nicht, dass die Sperre noch recht neu ist. „Dafür haben sie (die ÖBB, Anm.) es aber recht gut hingekriegt“, sagt sie.
Taxifahrer wittern Geschäft
Auch Geli findet den Schienenersatzverkehr „eh okay“. Sie will in Richtung Fischamend, eine Freundin besuchen. Zur S-Bahn-Sperre insgesamt sagt sie: „In Wien finde ich gibt es ganz gute Ersatzmöglichkeiten. Und wenn man raus will, ja, dann muss man sich eben anpassen. Ich bin keine Pendlerin, Gott sei Dank. Die sind halt arm dran“, sagt Geli.
Ganz so entspannt wie Silvia und Geli sind aber nicht alle Wartenden. Eine Frau mit Kinderwagen überfährt nahezu andere Passagiere, um einen Platz im Bus zu erhalten. Die Gruppe der Wartenden beim Abholpunkt - der sich übrigens in der Marxergasse befindet - wird immer größer. Da wittern auch die Taxifahrer ihre Chance. Von sich aus sprechen sie die Wartenden an: „Zum Flughafen, 15 Euro pro Person“, wird angeboten.
Fehlende Information
Für den größten Frust sorgen am Freitagvormittag aber weder die Sperre noch der Schienenersatzverkehr. Sondern die fehlende Information. Auf den Absperrungen und den Bildschirmen erfährt man lediglich, dass es einen Kabelbrand gab und die S-Bahn deshalb ausfällt. Alternativrouten werden nicht angeboten.
Ebenso fehlt in Wien-Mitte die Beschilderung, wie man zum Schienenersatzverkehr kommt. Mitarbeiter vor Ort sind in Wien-Mitte ebenfalls keine zu sehen: „Ich komme gerade aus Kroatien und bin seit elf Stunden im Flixbus gesessen, ich will einfach nur heim. Es gibt keine Anzeigen, deswegen muss ich jetzt ChatGPT fragen, wie ich heim komme“, sagt Michaela, die nach Traismauer will.
In der Nähe der Bahnsteige erhält man in Wien-Mitte derzeit noch wenige Informationen. Man erfährt nur, dass die Züge nicht fahren.
Eine Geschichte von vielen. Vor den abgesperrten Bahnsteigen immer wieder das gleiche Bild: Verwirrung, Kopfschütteln und die Frage, wie man denn jetzt fahren solle. So auch am Hauptbahnhof. Die von Süden kommenden Nahverkehrszüge enden ab sofort hier (teilweise auch schon in Wien Meidling). Danach geht es weiter mit der U-Bahn.
„Ich bin alleine“
Für manche ein größeres Unterfangen. Ein älterer Herr, der körperlich recht eingeschränkt ist und auf den Aufzug wartet, um in die U-Bahn umzusteigen, erzählt: „Ich muss zum Praterstern, meine Wäsche in die Wäscherei bringen. Ich bin alleine und muss alles selber machen. Ich bin seit 60 Jahren hier und es wird immer schlechter.“ Ein anderer Passagier, Hans, ist da deutlich ungehaltener. Auf die Frage, was er von der Sperre hält antwortet er: „Oasch. Ich muss nach Klosterneuburg und das ist einfach nur Chaos.“
An die Sperre wird man sich jetzt aber wohl gewöhnen müssen. Noch bis inklusive 6. September ist der gesamte Abschnitt zwischen Hauptbahnhof und Floridsdorf gesperrt. Danach verkehren die Züge wieder zwischen Praterstern und Floridsdorf (siehe Grafik).
Sperre bis Oktober 2027
Zwischen Hauptbahnhof und Praterstern aber wird die Sperre noch länger dauern. Die Instandsetzungsarbeiten nach dem Kabelbrand gehen direkt in die geplante Sanierung über. Dieser Abschnitt bleibt deshalb bis Oktober 2027 gesperrt.
Die ÖBB-Tickets werden ab sofort auch auf den Ersatzstrecken der Wiener Linien akzeptiert. Allerdings werden die Wiener Linien erst ab 7. September - wie ursprünglich vereinbart - in dichteren Intervallen verkehren, berichtet eine Sprecherin der ÖBB.
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