Täglich kommen etwa 60 Gäste in die Wärmestube der Pfarre Lainz-Speising.

© Kurier/Jeff Mangione

Chronik Wien
01/03/2020

Obdachlosenhilfe: Ein warmer Ort an kalten Tagen

35 Wärmestuben haben in den Wiener Pfarren geöffnet. Die Besucherzahlen steigen.

von Julia Schrenk, Jeff Mangione

22.730. So viele Nächtigungen wurden im vergangenen Jahr in der Gruft, dem Obdachlosenquartier der Wiener Caritas, gezählt. Um 261 mehr als 2018. Und auch

diese 22.469 waren mehr als im Jahr zuvor: 2017 gab es 22.400 Nächtigungen in der Gruft.

Nicht nur in der Gruft steigt die Nachfrage. Es gab noch nie so viele Betten in Notquartieren für Obdachlose wie in diesem Winter. Und es gab auch noch nie mehr Wärmestuben als jetzt.

745 Plätze stehen in Tageszentren und den zwei Wärmestuben der Stadt bereit, 35 Wärmestuben hat die Caritas in Pfarren geöffnet. Fünf mehr als im Vorjahr.

Briochekipferl und Tee

Jene am Kardinal-König-Platz in Hietzing ist jeden Freitag geöffnet. Schon vor 10 Uhr wollen die ersten hinein. In Wien hat es an diesem Vormittag minus 2 Grad. In der Wärmestube steht schon das Frühstück bereit. Aufstrichbrote mit Gemüse gibt es an diesem Tag. Auch Briochekipferl, Bananen, Mandarinen, Kaffee, Tee und alkoholfreier Punsch.

Seit 1. Dezember hat jeden Tag eine andere Wärmestube einer Pfarre in Wien geöffnet. Überall bereiten Freiwillige Frühstück und (oder) Mittagessen zu, kochen Tee, leisten Gesellschaft. An einem kleinen runden Tisch sitzen Stanislaw, Wieslaw und Barbara. Alle drei kommen aus Polen, sie kennen einander schon länger.

Gemeinsam sind sie öfter in der Wärmestube in der Einsiedlergasse. Hier, hinter der Konzilsgedächtniskirche, sind sie zum ersten Mal.

„Wir hören hier ein gutes Wort, man trifft einander, man hilft“, sagt Barbara. Sie ist 55 Jahre alt, lebt seit 30 Jahren in Wien. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes kam sie nach Wien. „Ich von Brot und Bananen gelebt. Wochenlang.“

Wenig später fand Barbara einen Job, immer wieder hat sie gearbeitet – als Köchin in einer Pizzeria, als Verkäuferin in einer Fleischerei, als Kellnerin in einem Altersheim.

Aktuell ist es knapp mit dem Geld. Barbara hat zwar eine kleine Wohnung, aber keinen Job. Sie lebt von der Mindestsicherung, unlängst ist die Waschmaschine kaputt gegangen. „Wenn ich hierher komme, kann ich etwas sparen“, erzählt Barbara.

Essen oder heizen

Solange sie in der Wärmestube ist, muss sie ihre Wohnung nicht heizen und kann das Geld, das sie für Essen ausgeben würde, für eine neue Waschmaschine zur Seite legen. Es sind nicht nur akut von Obdachlosigkeit betroffene Menschen, die die Wärmestuben aufsuchen.

Es sind Mindestpensionistinnen. Jugendliche, die nicht nach Hause wollen. Junge Leute, die wohnungslos sind und bei Freunden wohnen. Menschen, die sich entscheiden müssen, ob sie heizen oder Essen kaufen. „Leistbares Wohnen wird auch 2020 für viele eine große Herausforderung bleiben“, sagt Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien.

8.800 Menschen haben die Wärmestuben der Wiener Pfarren im Vorjahr besucht. Für diesen Winter erwartet die Caritas mehr als 10.000.

In den vergangenen Tagen war es zum ersten Mal seit Längerem kalt in Wien. Auch in den nächsten Tag werden Minusgrade in der Nacht erwartet. „In dieser Zeit ist das Leben für viele lebensgefährlich.“

Kältetelefon

Über das Kältetelefon der Caritas ( 01/480 45 53) können Schlafplätze von Obdachlosen in Wien gemeldet werden. Sozialarbeiter fahren dann die Schlafplätze ab und versuchen, zu helfen. Die Nummer ist von 1. November bis 30. April rund um die Uhr erreichbar. Freiwillige Dolmetscher helfen.

Kälte-App

Auch mit der neuen Kälte-App der Stadt (kostenloser Download für iOs und Android) werden Schlafplätze von Obdachlosen gemeldet. Sozialarbeiter von Obdach Wien gehen den Hinweisen nach.

Achtung: Weder Kältetelefon noch Kälte-App sind dafür geeignet, Notfälle zu melden. Im Notfall immer die Rettung rufen!

Gruft-Winterpaket

50 Euro für einen winterfesten Schlafsack und eine warme Mahlzeit. IBAN: AT16 3100 0004 0405 0050. Kennwort: Gruft Winterpaket.