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Chronik Wien
10/28/2019

Obdachlos im Winter: Nachbarschaftshilfe für EU-Bürger

Wien stellt wieder 900 zusätzliche Notschlafplätze bereit. Vor allem EU-Bürger nutzen sie.

von Julia Schrenk

Dass es bis gestern, Montag, viel zu warm war für die Jahreszeit, hat nicht nur Vorteile für Ausflügler, die sich über die letzten Sonnentage vor dem Winter freuen.

Für Obdachlose bedeuten die warmen Temperaturen, dass sie wesentlich weniger Tage draußen frieren müssen, bis in Wien wieder Wärmestuben und Notschlafstellen eröffnen. Und das ist traditionell Ende Oktober der Fall.

In diesem Winter – konkret bis 4. Mai 2020 – stehen in Wien ab 30. Oktober 916 zusätzliche Schlafplätze für Obdachlose zur Verfügung. Insgesamt gibt es damit im Winter 1.500 Schlafplätze.

Die zusätzlichen Plätze schafft der Fonds Soziales Wien (FSW) gemeinsam mit Obdach Wien, Rotem Kreuz, Caritas, Volkshilfe, Arbeitersamariterbund, Johannitern und St. Elisabeth-Stiftung. Auch die Plätze in Tageszentren und Wärmestuben werden aufgestockt – und zwar um 145 auf insgesamt 745.

Mehr Abschiebungen

2.956 Personen (davon 490 Frauen) haben die Winternotplätze im Winter 2018/2019 angenommen. Erstmals waren es weniger als im Jahr zuvor – und zwar um 2,1 Prozent. Und das liegt nicht nur am besonders milden Winter im vergangenen Jahr. „Man hat voriges Jahr verstärkt ins EU-Ausland abgeschoben“, sagt FSW-Geschäftsführerin Anita Bauer. Der Anteil der Serben etwa ist um 1 Prozent gesunken.

Nach wie vor sind Obdachlose aus der EU die größte Gruppe, die das Wiener Winterpaket nutzen: Während der Anteil der Österreicher kontinuierlich gesunken ist – von 34 Prozent im Jahr 2012/2013 auf 20 Prozent 2018/19 – ist der Anteil obdachloser EU-Bürger auf 47 Prozent gestiegen.

Das hat vor allem mit dem restriktiven Umgang mit Obdachlosen in diesen Ländern zu tun. In Ungarn etwa ist Obdachlosigkeit per Gesetz verboten. Zwei Mal darf eine obdachlose Person auf der Straße angetroffen werden, dann folgen 90 Tage Haft.

In der Slowakei gibt es für obdachlose Menschen kaum Unterstützung, Roma und Sinti sind starker Diskriminierung ausgesetzt. Deshalb machen sich viele im Winter auf den Weg nach Wien.

Niemand soll erfrieren

Die Stadt nimmt das in Kauf. „Wir wollen, dass Menschen in unserer Stadt auch in diesem Winter nicht hungern, nicht frieren und nicht erfrieren müssen“, sagt Sozialstadtrat Peter Hacker (SPÖ). Er verweist auf Deutschland. Dort sind 2018 allein von

Oktober bis Dezember neun Menschen in der Kälte ums Leben gekommen.

In Wien werden heuer daher trotz Rückgangs der Nutzerinnen und Nutzer nicht weniger Schlafplätze zur Verfügung gestellt. „Für uns ist das noch als einmaliger Effekt zu werten“, sagt FSW-Chefin Bauer. Die Politik könnte die Abschiebepraxis ja auch wieder ändern.

In den vergangenen Jahren hat sich  bei der Winternothilfe für  Obdachlose ein Projekt besonders etabliert: Das Kältetelefon der Wiener Caritas. Unter der Nummer 01/480 45 53 können Schlafplätze von obdachlosen Personen gemeldet werden. Freiwillige nehmen die Anrufe entgegen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter fahren  mit dem Kältebus zu den Schlafplätzen und bieten Hilfe an. Im besten Fall  lassen sich die Obdachlosen  in eines der Notquartiere bringen. 6.400 Anrufe nahm die Caritas Wien vergangenen Winter entgegen.

Kälte-App

Nun hat der Fond Soziales Wien (der FSW koordiniert die Winterhilfe für die Stadt Wien, Anm.) ein ähnliches Projekt gestartet: Die Kälte-App.   
Auch mit dieser App (der Download für iOS und Android ist kostenlos, Anm.) werden Schlafplätze von Obdachlosen gemeldet – in drei Schritten. Zuerst wird angegeben, um wie viele Personen es sich handelt, ob es Männer oder Frauen, Ältere oder Kinder sind. Danach wird der Standort des Schlafplatzes erfasst. Zum Schluss gibt man seine Kontaktdaten für Rückfragen an.

Eine Konkurrenz zum Kältetelefon sei die App nicht, betonen Stadtrat Peter Hacker und FSW-Geschäftsführerin Anita Bauer. Das Angebot sei eine „Ergänzung“ – vor allem junge Menschen würden  lieber schreiben als telefonieren.  Wichtig: Weder die Kälte-App noch das Kältetelefon sind als Notruf   gedacht.   

 

 

Entstanden ist das Winterpaket aus der „Uni brennt“-Bewegung im  Winter 2009. Während der Besetzung des Audi Max der Uni Wien  suchten Obdachlose Unterschlupf im größten Hörsaal. Nachdem dieser geräumt wurde, brachte man die Obdachlosen ins Caritas-Heim in der Lacknergasse in Währing. 

Im  Winter 2010/11 stellte die Stadt erstmals 100 Notschlafplätze bereit. Seitdem wird jedes Jahr ein Winterpaket für Obdachlose in Wien geschnürt.

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