Warum die neue Super-S-Bahn für Wien noch immer auf dem Abstellgleis steht
Mehr als ein Dutzend der neuen Cityjets warten auf der Abstellanlage in Floridsdorf.
ÖBB-Chef Andreas Matthä verkündete am vergangenen Freitag auf der Bilanzpressekonferenz eine Frohbotschaft für alle Bahnkunden der Ostregion: Noch 2026 würden 45 hochmoderne Cityjet-Doppelstockzüge für die S-Bahn in und um Wien „eingeflottet“ und so dem Nahverkehr ein ordentlicher Schub verpasst werden.
Doch das war freilich nur die halbe Wahrheit: Denn besagte Züge befinden sich zum Großteil bereits seit Monaten im Lande, konnten aber offenbar aufgrund von Zulassungsproblemen noch nicht in Betrieb genommnen werden.
Ein (namentlich bekannter) Verkehrsexperte wandte sich mit dieser brisanten Information an den KURIER: „Seit fast einem Dreivierteljahr sind diese Züge da – aber nur, um herumzustehen und zu vergammeln. Dabei würden sie eine gewaltige Entlastung für die zigtausenden Pendler bedeuten.“ Zumal damit die alte, bei vielen unbeliebte Baureihe der blau-weißen S-Bahn ersetzt würde. Schuld an der Misere seien „Probleme bei der Zulassung“.
Tatsächlich konnte der KURIER einen Teil der neuen S-Bahn-Flotte mitten in Wien aufspüren: Auf der sogenannten Abstellanlage des ÖBB-Betriebsbahnhofes Floridsdorf sind die nagelneuen Garnituren in Reih und Glied aufgefädelt – etwas mehr als ein Dutzend dieser 45 Doppelstocks-Cityjets. Sie sind bereits komplett mit den ÖBB- und VOR-Logos „gebrandet“; bei machen stehen die Türen offen; auf einer flimmert vorne an der Lok ein „Abgesperrt“-Schriftzug. Auch die Sprayer sind bereits auf die hochmodernen Züge aufmerksam geworden – zumindest einer ist mit dem Logo eines Wiener Fußballklubs verunziert.
Verzögerung um halbes Jahr
Dabei sollten sie längst durch die Ostregion brausen: Bei einem Medientermin im Herbst 2024 in St. Pölten wurde angekündigt, dass die ersten ab Dezember 2025 auf Schiene gehen und „neue Maßstäbe im Nahverkehr“ setzen sowie für „mehr Kapazität, Komfort und Barrierefreiheit“ sorgen sollen. Offenbar gab es dann aber besagte Probleme für die aus der Schweiz stammenden Züge von Schienenfahrzeug-Hersteller Stadler. Laut internen Quellen habe es insbesondere Schwierigkeiten mit der Genehmigung für den Betrieb in Tschechien gegeben.
Keine Zugbegleiter
Wie berichtet, gibt es auch heftige Kritik der Gewerkschaft vida, weil mehr als 1500 Personen Platz finden, es aber keine Zugbegleiter mehr gibt. Befürchtet werden Sicherheitsprobleme bei einer Evakuierung (Stichwort: ICE im Tunnel Hadersdorf) – auch dies soll für Verzögerungen gesorgt haben.
„Die Zulassung soll in den nächsten Wochen final erfolgen, sodass ein Einsatz im Linienbetrieb vor dem Sommer möglich ist“, kündigt ÖBB-Sprecher Bernhard Rieder an. Der Zulassungsprozess sei „komplex“ – „außergewöhnliche Schwierigkeiten“ seien den ÖBB aber nicht bekannt. Sobald es grünes Licht gebe, könnten gleich mehrere Züge in einem Schwung auf Schiene gebracht werden: „Das ist für unsere Einsatzplanung deutlich einfacher, als wenn zum Beispiel alle zehn Tage ein Zug geliefert wird.“ Noch seien aber alle Züge in der Verantwortung von Stadler, der die ÖBB-Flächen quasi als Wartegleis angemietet habe.
Zulassung soeben eingetroffen
Bei Stadler wird betont: „Nein, es gibt kein Problem.“ Die Zulassung sei soeben Dienstagmittag endlich eingetroffen. „Die ÖBB kann die Züge wie vorgesehen ab Sommer 2026 in Betrieb nehmen.“ Die in Wien abgestellten Fahrzeuge seien „Teil eines gemeinsam mit den ÖBB abgestimmten Produktions- und Inbetriebnahmekonzepts. Es war von Anfang an vereinbart, dass Stadler Fahrzeuge auf Vorrat produziert, damit später mehrere Züge zeitgleich in den Fahrgastbetrieb gehen können.“ Das Abstellen der Fahrzeuge sei kein Zeichen von Verzögerungen oder technischen Problemen, sondern Teil der Logistik- und Projektplanung, so Stadler.
S-Bahn-Sperre ab Sommer
Auf viele Kilometer werden die neuen Züge in Wien anfangs freilich nicht kommen: Denn kaum auf Schiene, erfolgt ja ab Juli die De-facto-Komplettsperre der Stammstrecke – bis Ende 2027.
Was die Verzögerung für die Bezahlung bedeutet, bleibt unklar: „Mit unseren Lieferanten gibt es Zahlungspläne, die nach klar definierten Projekt-Meilensteinen erfolgen“, sagt Rieder. Laut Rahmenvertrag kosten 109 Cityjet-Doppelstockzüge rund 1,5 Milliarden Euro – also im Schnitt fast 14 Millionen pro Garnitur.
Detail am Rande: Ein bereits in Niederösterreich eingesetzter Stadler-Cityjet muss jetzt verschrottet werden. Er war ein Opfer des Hochwassers 2024.
Der offizielle Name der neuen Doppelstock-Garnituren lautet Stadler-KISS – wobei dies für „komfortabler innovativer spurtstarker S-Bahn-Zug“ steht. Etliche Züge dieser Baureihe verkehren bereits in Österreich.
160 km/h schnell
Die Cityjets fahren max. 160 km/h und haben in der Langversion 591 Sitzplätze.
https://www.stadlerrail.com/de/loesungen/schienenfahrzeuge/vollbahnen-kiss
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