Bahnsperre in Wien: 16 Monate Ausnahmezustand
Wenn schon einmal die vorsitzende Geschäftsführerin der Wiener Linien bei einer Pressekonferenz „Ich will nichts schönreden“ sagt, dann kann sich der gelernte Wiener ausmalen: Das Drei-Phasen-Umbau-Modell, das die ÖBB und die Wiener Linien für den Zeitraum 4. Juli 2026 bis Ende Oktober 2027 gemeinsam geplant haben, wird für die Öffi-Benützer in Wien sowie Teilen des Weinviertels alles andere als schön, vor allem für jene, die sich vor Fahrtantritt nicht aktuell informieren. Hier mal ein Abriss der umfangreichen Sperren.
Die erste Phase der Sperre startet Anfang Juli
Der erste Monat der 16 Monate im Ausnahmezustand beginnt mit bereits Bekanntem. Das wird zumindest in den ersten Julitagen wieder für lange Gesichter und klassische Wiener Empörung zwischen Praterstern und Floridsdorf sorgen.
Noch fährt die S-Bahn über die Donau. Im Sommer gehört die Brücke wieder den Bauarbeitern.
S-Bahn-Stammstrecke: „Die letzten beiden Sommer waren quasi eine Generalprobe“, erklärt Judith Engel, Vorständin der ÖBB-Infrastruktur AG. Wieder wird die Bahnrelation zwischen Floridsdorf und Praterstern gesperrt. Und zwei Buslinien werden als Schienenersatz zwischen den beiden Bahnhöfen unterwegs sein: Der blaue Bus im S-Bahn-blau wird so wie im vorigen Sommer auch zu den Haltestellen Handelskai und Traisengasse fahren; der gelbe fährt express ohne Zwischenhalt.
Grund für die Totalsperre ist laut Engel der Einbau eines neuen digitalen Zugsicherheitssystems, das in Hinkunft kürzere Intervalle der S-Bahn ermöglichen soll. Fast fertig ist übrigens schon die Verlängerung des Bahnsteigs am Handelskai sowie ein neuer Abgang zu den Autobussen.
U-Bahn-Netz: Auch das Wiener U-Bahn-Netz muss weiter saniert und modernisiert werden. Daher fährt die U3 von 4. Juli bis 23. August nicht zwischen Westbahnhof und Hütteldorfer Straße. Die Fahrgäste müssen die Straßenbahn 49 und eine Linie namens E3 ausweichen. Auch der U4-Abschnitt zwischen Landstraße und Schwedenplatz erhält vom 3. Juli bis zum 2. August neue Gleise. „Während der Arbeiten können Fahrgäste auf die Linien U1 und U3 umsteigen“, so Alexandra Reinagl von den Wiener Linien. Sie will, wie gesagt, nichts schönreden. Abgesehen vom Umweg „werden die Züge sehr voll sein.“
Straßenbahn-Netz: Zusätzlich wollen bzw. müssen die Wiener Linien auch ihre Straßenbahngleise einer Sanierung unterziehen. So werden die Schienen auf den sogenannten Langsamfahrabschnitten – etwa am Universitätsring – getauscht. Auch das Gleisplateau an der Kreuzung der Währinger Straße mit der Spitalgasse muss getauscht werden. Was für die Benützer von insgesamt sieben Bimlinien teilweise zu erheblichen Umwegen führen wird.
Im August: Einschränkungen bei der Bahn Richtung Norden
Zusätzlich unlustig wird es ab 10. August für die Pendler entlang der Bahnlinien in Richtung Korneuburg, Stockerau und Hollabrunn sowie nach Wolkersdorf und Mistelbach. Bis zum 6. September können keine Züge fahren, um auch hier die neue Zugsicherung zu etablieren.
Schienenersatzverkehrsbusse mit zusätzlicher Farbgebung (also nicht blau und nicht gelb) ersetzen dann die S-Bahn-Linien ab den Bahnhöfen Süßenbrunn (S1), Gerasdorf (S2) und Jedlersdorf (S3). Die Regionalzüge REX2 und REX3 enden bereits in Wolkersdorf bzw. Korneuburg.
Drehscheibe Praterstern: Anfang August beginnt die Sperre in Richtung Hauptbahnhof.
September 2026: Lange Sperre der S-Bahn im Herzen von Wien
Der 6. September wird dann der Tag der größtmöglichen Verwirrung – vor allem bei jenen, an denen die Informationskampagnen der Wiener Linien und der ÖBB bis zu diesem Tag spurlos vorübergegangen sind.
Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass am ersten Schultag nach den Sommerferien das Wiener Öffi-System arg belastet sein wird. Während die Sperre der beschriebenen S-Bahn-Strecken an diesem Tag endet, beginnt eine neue Sperre. Und die hat es in sich.
Nach den zwei Sommermonaten muss der Kern der Stammstrecke zwischen Hauptbahnhof und Praterstern für weitere 14 Monate bis Ende Oktober 2027 gesperrt werden.
Muss das sein? „Es hilft alles nix, es muss sein“, erklärt ein junger ÖBB-Ingenieur dem KURIER. Bald nach dem Praterstern in Richtung Donaukanal passieren die Züge seit dem Jahr 1860 ein Viadukt. Zwei Weltkriege und 166 Jahre täglicher Bahnbetrieb haben die Viadukte müde gemacht: „Man kann sie nicht mehr sanieren. Wir müssen sie zur Gänze abtragen und ein komplett neues Bauwerk errichten.“
Gleichzeitig erfahren die beiden Haltestellen Rennweg und Wien Belvedere eine notwendige Modernisierung: In der zweitgenannten Station werden die Bahnsteige so in ihrer Höhe angepasst, dass auch hier ein barrierefreier Einstieg möglich ist. Gleichzeitig werden die Haltestellen verlängert und die gesamte Schieneninfrastruktur erneuert.
Technisch plausibel, emotional ein Horror: In Wien ebenso wie in Niederösterreich hört man bereits die Ersten laut schimpfen. Für die beiden Mobilitätsanbieter bedeutet das: eine bereits generalstabsmäßig vorbereite Informationskampagne.
So gut wie kaputt: 166 Jahre altes Viadukt zwischen den Stationen Praterstern und Landstraße.
Schienenersatzverkehr auf den Schienen der Wiener Linie
Einer Empfehlung des Instituts für Raumplanung folgend, werden die ÖBB in den 14 Monaten keine neuen Schienenersatzbusse einsetzen. „Sie können nicht so viele Fahrgäste transportieren wie vergleichsweise U- oder Straßenbahnen“, erläutert Gerald Kovacic, Vorstandsmitglied des Raumplanungsinstituts. Busse würden auch öfter im Stau stehen, weil sie keine eigenen Gleiskörper benützen können.“
Folgende Ratschläge der Raumplaner werden von den ÖBB und den Wiener Linien übernommen:
U-Bahn: Das Intervall der U1 kann in Spitzenzeiten auf 2,20 Minuten gedrückt werden, der U2 auf 3,20, der U4 auf 3 und der U6 auf 2,40 Minuten. Zudem wird der Mischbetrieb der U2 mit der neuen U5 vertagt.
Straßenbahn: Der O-Wagen soll in Abständen von 5 Minuten zwischen dem Hauptbahnhof und dem Praterstern verkehren, und zwar nur mit Langfahrzeugen. Neu geschaltete Ampeln sollen ihm im Mischverkehr Vorrang einräumen. Dem bis zum Stadion verlängerten 18er wird in den Monaten der S-Bahn-Sperre die Aufgabe zukommen, die Öffi-Fahrer aus der Donaustadt von der U2 zum Hauptbahnhof und zu den Zügen zum Flughafen zu bringen.
Apropos Flughafen: Ein Teil der Züge zum Flughafen starten in der Station Sankt Marx, andere fahren weiterhin vom Hauptbahnhof los, unter ihnen auch die S7 in Richtung Fischamend und Wolfsthal.
Mehrfach bitten Judith Engel und Alexandra Reinagl, sich vor dem Antritt einer öffentlichen Fahrt durch Wien im Internet über den aktuell möglichen Streckenverlauf zu erkundigen. Auf den Bahnhöfen und bei den Haltestellen werden sich erneut Hunderte Mitarbeiter bemühen, Orientierung zu bieten.
Hat es Wien im November 2027 geschafft? Beginnt dann jene Ära, die in den hübschen Imagefilmen der ÖBB heute schon gezeigt wird? Ein leitender Mitarbeiter des Bahnunternehmens nickt.
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