Chronik | Wien
24.05.2018

Neo-Bürgermeister Michael Ludwig: Der strenge Gentleman

Ludwig übernimmt nach elf Jahren im Wohnbauressort das Bürgermeisteramt. Er gilt als Proponent des rechten Flügels in der SPÖ.

Wien bekommt nach fast 24 Jahren einen neuen Bürgermeister. Am Donnerstag wird Michael Ludwig im Gemeinderat zum Nachfolger von Michael Häupl gewählt. Der 57-Jährige, dem schon länger Ambitionen auf den Chefsessel nachgesagt wurden, wechselt nach elf Jahren als Leiter des Wohnbauressorts an die Spitze des Rathauses.

Bereits vor rund vier Monaten, am 27. Jänner, wurde Ludwig zum neuen Landesparteivorsitzenden der Stadt-Roten gewählt. Er konnte sich relativ klar gegen seinen Kontrahenten Andreas Schieder durchsetzen. Schon unmittelbar nach seiner Kür kündigte er eine Strategieklausur an, bei der etwa der Bau einer Donaubühne, eine neue Mehrzweckhalle sowie die Einrichtung von "Supergreißlern" beschlossen wurden.

Abseits von Ankündigungen versuchte der Neo-Chef in den vergangenen Wochen schon erste handfeste Duftmarken zu setzen. Aufsehen erregte die Einführung eines Alkoholverbots am Praterstern. Die Verbannung der Trinker-Szene am "Stern" sorgte für einige Debatten und für Kritik von den Grünen. Aber auch ein Teil der eigenen Genossen fühlte sich ordentlich überrumpelt.

Personalauswahl mit Wohlwollen betrachtet

Ein glückliches Händchen dürfte die neue Rote Nummer eins in Wien mit seiner Personalauswahl gezeigt haben. Mit Peter Hanke (Ressort Finanzen und Wirtschaft), Peter Hacker (Gesundheit und Soziales), Kathrin Gaal (Wohnen und Frauen) und Veronica Kaup-Hasler (Kultur) holt er vier neue Köpfe in die Stadtregierung. Umweltstadträtin Ulli Sima und Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorzsky durften bleiben. Das Paket wurde von beiden Lagern innerhalb der Partei vorerst mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen.

Der am 3. April 1961 geborene Wiener wurde im Jänner 2007 Teil des Stadtregierungsteams. Damals übernahm er den Stadtratsposten für Wohnen und Stadterneuerung vom späteren Kanzler Werner Faymann, der damals als Infrastrukturminister in den Bund wechselte. Im März 2009 stieg Ludwig zudem zum Vizebürgermeister auf. Die Freude darüber währte jedoch nicht lange: Er musste den Titel bei der Erstauflage von Rot-Grün im Jahr 2010 an Neo-Stadträtin Maria Vassilakou (Grüne) abtreten.

Der stets freundlich und konziliant wirkende Ressortchef propagierte Smart-Wohnungen - die kleiner und anders aufgeteilt sind als "normale" Wohnungen - und setzte unter anderem auf Law-and-Order. Die Hausordnung wurde in den städtischen Wohneinheiten zuletzt flächendeckend affichiert. Die Gemeindebauverwaltung "Wiener Wohnen" hatte aber auch selbst Erklärungsbedarf, zum Beispiel als mutmaßliche Fehlverrechnungen von Handwerksfirmen kolportiert wurden.

Ludwig und der "Wien-Bonus"

Mit Neu-Zuzüglern ließ Michael Ludwig Strenge walten. 2015 wurde der Zugang zum städtisch subventionierten Wohnbau verschärft. Seither gilt: Je länger man in Wien hauptgemeldet ist, desto weiter rückt man auf der Warteliste nach vorne. Diese Regelung war ein weiterer Mosaikstein in jenem Ludwig-Bild, das Kritiker - auch aus der eigenen Partei - gerne verbreiten. Es lautet grob gesagt: Jenes Klientel bedienen, das sich auch für Parolen der FPÖ erwärmen könnte. Zuletzt hatte der designierte Stadtchef wiederholt angekündigt prüfen zu lassen, inwiefern eine Ausweitung dieses "Wien-Bonus" auch auf andere Bereiche möglich ist.

Ludwig gilt tendenziell als Proponent des eher rechten Flügels in der Partei. Dass die Gesprächsbasis mit den Blauen gut sein dürfte, zeigte sich auch an der großen Zustimmung bei der Stadtrats-Wahl nach dem Urnengang 2015. Er erhielt bei der konstituierenden Sitzung des Gemeinderats deutlich mehr als alle anderen Ressortchefs. Konkret waren es 81 von 98 gültigen Stimmen - Ludwig wurde also auch von FPÖ-Mandataren unterstützt. Für die "breite Zustimmung" müsse er sich nicht entschuldigen, befand der SP-Politiker nach der Abstimmung. Inzwischen geht er jedoch entschieden auf Distanz zu Blau und auch zu Schwarz. Im Gegenzug haben beide Fraktionen - wie auch die NEOS - angekündigt, ihn bei der Bürgermeisterwahl nicht unterstützen zu wollen.

In Porträts des Ressortchefs, der auch Bezirksparteiobmann in Floridsdorf ist, fehlt ein Begriff quasi nie: Flächenbezirke. Dort, so heißt es, sitzen seine wichtigsten Unterstützer. Tatsächlich warnte Ludwig auch in seinem Bewerbungsscheiben an die Delegierten vor einem "Auseinanderdriften" zwischen Innen und Außen: "Es ist an der Zeit, dass wir neue Brücken bauen zwischen den Bezirken und Stadtvierteln. Dass wir Neubau und Floridsdorf klug untereinander vernetzen (...)."

Schwerpunkte im Kulturbereich

Beim Auseinanderdriften der Lager in der Wiener SPÖ galt Ludwig hingegen stets als Schlüsselfigur. Er mutierte zum Gegenspieler und Kontrahenten des Bürgermeisters ohne diesen je direkt zum Abdanken aufzufordern. Dafür waren andere zuständig: Der ehemalige Wiener SPÖ-Landesparteisekretär Christian Deutsch - ein enger Vertrauter nicht nur von Ludwig, sondern auch von Ex-Kanzler Faymann - war einer der ersten, der Häupl nahelegte, doch beizeiten seine Nachfolge zu regeln.

Als Ende 2016 schließlich eine Regierungsumbildung im Raum stand, ging Ludwig erstmals in die Offensive. Er rechne fix mit seinem Verbleib, ließ er selbstbewusst wissen. Wenig später begab sich Häupl persönlich ins Ludwig-Büro, um die Wogen zu glätten. Sowohl Ludwig als auch Häupl mussten beim Landesparteitag der SPÖ 2017 eine historische Abstimmungsschlappe verschmerzen.

Vor seinem Stadtratsamt setzte Ludwig seine Schwerpunkte vorrangig im Kulturbereich, wobei seine politische Laufbahn relativ spät begann. 1994 wurde er zum Bezirksrat in Floridsdorf gewählt, 1996 zog er in den Bundesrat ein, wo er drei Jahre blieb. Im Gemeinderat übernahm Ludwig den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden des Kulturausschusses.

Bruno Kreisky als Vorbild

Für diese Aufgabe hatte er in seinem Hauptberuf Erfahrung sammeln können. Der studierte Politologe und Historiker ist Vorsitzender des Verbandes Wiener Volksbildung und damit Chef der traditionsreichen Volkshochschulen im Roten Wien. Ludwig war als Kurs- und Projektleiter in der Erwachsenenbildung tätig, bevor er 1986 zum pädagogischen Leiter einer Volkshochschule avancierte. Daneben war er von 1991 bis 2007 Landesstellenleiter in der politischen Akademie der SPÖ, dem Dr. Karl-Renner-Institut.

Ludwig hat eine Lebensgefährtin - und zuletzt sein Erscheinungsbild geändert: Er trägt seit rund zwei Jahren keinen Bart mehr. Als politisches Vorbild nennt er Bruno Kreisky, musikalisch ist er Fan vom Ostbahn-Kurti und den Wiener Symphonikern. Zu seinen Hobbys zählt Ludwig Literatur, Kunst und Kultur sowie Laufen. Seine Lieblingsfarbe ist laut eigener Aussage Grau, nach dem Aufwachen trinkt er gerne heißes Wasser. Räumlich ist er der Macht bereits vor einigen Monaten näher gerückt: Im Herbst zog das Wohnressort von einem nahegelegenen Bürogebäude ins Rathaus.