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Psychiater
05/23/2019

Mutter und Töchter verhungert: "Wahnhafte Krankheit" könnte Auslöser sein

Am Dienstag wurden in Wien-Floridsdorf drei Frauenleichen gefunden. Sie dürften über mehrere Monate verhungert sein.

von Konstantin Auer

Eine 45-jährige Mutter und ihre beiden 18-jährigen Zwillingstöchter sperren sich in ihre Wohnung in Wien-Floridsdorf ein. Vermeiden jeden Kontakt mit anderen. Monatelang. Am Dienstag wurden ihre Leichen entdeckt. Wie sich am Donnerstag herausstellte, sind sie verhungert.

„Von so etwas habe ich noch nie gehört“, sagt der Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Wiener AKH, Siegfried Kasper.

Bei Mutter und Töchtern wurden keine äußere Gewalt festgestellt. Einbruchspuren an der Haustür gab es keine. Laut Polizei waren in der Wohnung keinerlei Lebensmittel zu finden.

Wie konnte das passieren?

Die Frage, die also bleibt, ist: Wie konnte das passieren? Wieso verhungert in Wien eine Mutter (freiwillig) und reißt möglicherweise ihre bereits volljährigen Töchter mit in den Tod?

Vieles deutet daraufhin, dass die Tragödie in der Werndlgasse mit einer psychischen Erkrankung der Mutter zusammenhängt.

Schon vor Jahren soll bei der Frau die Diagnose gestellt worden sein. Beim Wiener Jugendamt (MA11) weiß man davon nichts: Von 2013 bis 2017 wurde die Familie  betreut. Anzeichen für eine derartige Tragödie gab es laut der Sprecherin des Jugendamts nicht.„Wir haben wegen ganz anderer Themen unterstützt: Pubertät, Freizeitgestaltung, Schule und Lehre“, sagt die Sprecherin.

Auch Gewalt war in der Familie ein Thema. In der Zeit von 2013 bis 2016 flüchteten sich Mutter und Töchter mehrmals ins Frauenhaus. Dort wollte man dem KURIER keine Auskunft erteilen.

"Wahnhafte Krankheiten"

Psychiater Kasper sagt, er könne „aus der Ferne nur Vermutungen anstellen“. Den Fall könne er sich nur durch „schwere Persönlichkeitsstörungen“ oder „wahnhafte Krankheiten“ erklären.

„Solche Krankheiten können so weit gehen, dass die Mutter Angst vor einer möglichen Vergiftung durch  Essen entwickelt oder an eine höhere Bestimmung glaubt“, sagt Kasper. So eine Wahnerkrankung könne in seltenen Fällen auch auf andere Menschen übertragen werden.  Man spricht dann von „induziertem Wahn“, erklärt der Psychiater.

So könnte die Mutter die Töchter von ihren Vorstellungen überzeugt haben. „Nur so kann ich mir erklären, dass die Töchter nicht ausgerissen sind“, sagt er. „Vielleicht waren sie auch nicht gesund und leicht beeinflussbar“.

"Nicht lückenlos aufklären"

Laut Polizeisprecher Patrick Maierhofer dürfte die Familie über wenig soziale Kontakte verfügt haben. Das könnte auch der Grund sein, warum die Leichen erst so spät entdeckt wurden. Ein Motiv hat die Polizei bisher nicht eruiert, Abschiedsbriefe oder ähnliches habe es nicht gegeben. „Diesen Fall wird man nicht lückenlos aufklären können“, sagt Polizeisprecher Maierhofer.

Der Tod dürfte bereits Ende März oder Anfang April eingetreten sein. Davor müssen Mutter  und Töchter über mehrere Monate hinweg gehungert haben.  Eine höhere Denkleistung ist dann nicht mehr möglich. Laut Psychiater Kasper werden  Mutter und Töchter etwa die letzten 14 Tage vor ihrem  Tod nicht mehr zurechnungsfähig gewesen sein.

Wer Selbstmordgedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen wenden. Oft hilft bereits das Sprechen über die Gedanken dabei, sie zumindest vorübergehend auszuräumen. Wer für weitere Hilfsangebote offen ist, kann sich an die Telefonseelsorge wenden: Sie bietet schnelle erste Hilfe an und vermittelt Ärzte, Beratungsstellen oder Kliniken. Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Depressionen betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefon-Seelsorge in Österreich kostenlos unter der Rufnummer 142.

www.suizid-praevention.gv.at

Das neue österreichische Suizidpräventionsportal www.suizid-praevention.gv.at bietet Informationen zu Hilfsangeboten für drei Zielgruppen: Personen mit Suizidgedanken, Personen, die sich diesbezüglich Sorgen um andere machen, und Personen, die nahestehende Menschen durch Suizid verloren haben. Das Portal ist Teil des österreichischen Suizidpräventionsprogramms SUPRA des Gesundheitsministeriums.