Moschee in Wien: 42 Prozent der Muslime sind streng religiös

© KURIER/Jürg Christandl

Spitzel-Affäre
03/16/2017

Moscheeverband distanziert sich von türkischer Botschaft

Nach den Spionagevorwürfen von Peter Pilz will ATIB sein Image retten. Deshalb wird ein neuer Vorstand gewählt – komplett ohne Diplomaten.

von Bernhard Ichner

Bei der türkisch-islamischen Union ATIB hat man die Nase voll. Seit der grüne Sicherheitssprecher Peter Pilz den Vorwurf erhob, Funktionäre des Moschee-Dachverbandes würden auf Anordnung des türkischen Religionsamts Diyanet Erdoğan-Gegner ausspionieren, fühlt man sich „zu Unrecht in ein schiefes Licht gerückt“. Um das Image des laut eigenen Angaben 100.000 Mitglieder zählenden Vereins zu retten, zieht der Vorstand nun klare Konsequenzen – und trennt sich von allen Diplomaten in der Führungsetage.

Wie berichtet, hatte Pilz Hinweise auf Spitzelaktivitäten – etwa gegen Anhänger von Fethullah Gülen (die Präsident Recep Tayyip Erdoğan für den Putschversuch verantwortlich macht) – gesammelt. So legte er ein Schreiben des türkischen Generalkonsulats in Salzburg an die türkische Botschaft in Wien vor, das belegt, dass Gülen-Anhänger unter Beobachtung stehen.

Adressat des Berichts war der ehemalige Religionsattaché Fatih Mehmet Karadas – gleichzeitig Vorsitzender von ATIB. Der Theologe erklärte im KURIER, er habe nicht spioniert, sondern bloß „religiöse Einschätzungen“ zur österreichischen Situation der Gülen-Bewegung in die Türkei weitergeleitet. Dies habe er jedoch „als Diplomat und nicht in seiner ATIB-Funktion“ getan, heißt es nun seitens des Moschee-Verbandes.

Um den Ruf, man sei der verlängerte Arm der AKP abzuschütteln, stellt ATIB den Vereinsvorstand komplett neu auf. Mit einer entscheidenden Neuerung: „Botschaftsangehörige werden keinen Platz mehr haben“, erklärt Verbandssprecher Selfet Yilmaz. Man wolle damit „ein deutliches Zeichen Richtung Überparteilichkeit und Unabhängigkeit“ setzen. „Mit Bespitzelungen haben wir nichts zu tun. Wir stehen keiner Partei nahe – weder österreichischen, noch türkischen Fraktionen.“

„Türsteher gegen Radikalisierung“

Im Rahmen der Generalversammlung am 2. April wird ein neuer Chef gewählt. „Und der darf nur noch ein Mitglied der österreichischen Zivilgesellschaft sein“, betont Yilmaz. Dass im Aufsichtsrat auch weiterhin Funktionäre türkischer Ämter sitzen, sei kein Widerspruch dazu, meint er. Denn die wären „physisch nicht existent. Der Aufsichtsrat hat sich noch nie eingemischt“.

Die Imame der bundesweit 65 ATIB-Vereine beziehe man auch weiterhin über Diyanet. „Aufgrund der guten Ausbildung“, sagt Yilmaz. Politische Agitation, etwa Werbung für das türkische Referendum, wären in den ATIB-Moscheen aber „unerwünscht“.

Zudem begrüße man, dass ab Semesterbeginn an der Uni Wien Imame ausgebildet werden. „Das ist eine langjährige Forderung von uns. Wir wollen ja Imame, die Deutsch sprechen und die österreichischen Gepflogenheiten kennen.“ Setze man sich doch aktiv „für ein friedliches Zusammenleben in Österreich ein“. „Wir sehen uns als Türsteher gegen Radikalisierung“, erklärt Yilmaz. Zusätzliche Aufgaben neben der Imam-Finanzierung seien die Organisation von Pilgerfahrten oder auch Totenüberstellungen.

"Alibiaktion"

Für Pilz ist die Neuaufstellung des ATIB-Vorstandes allerdings „eine reine Alibiaktion – das wird an der Praxis nichts ändern. ATIB bleibt ein Teil der Erdoğan-Stasi.“ Auf Basis von Pilz’ Erkenntnissen ermittelt zurzeit die Staatsanwaltschaft Wien in der Bespitzelungscausa. Und auf Anordnung des Bundeskanzleramtes wird das Kultusamt auch die Finanzgebarung des Moschee-Verbandes unter die Lupe nehmen.

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