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Interview
03/22/2014

Mietpreisbremse: Wiens Rezept ist der soziale Wohnbau

Wohnbaustadtrat Michael Ludwig sieht beim Lagezuschlag Handlungsbedarf.

von Michael Jäger

KURIER: In Deutschland kommt jetzt die verordnete Mietpreisbremse, weil sich in Städten viele das Wohnen nicht leisten können. Ein Modell für Österreich?

Michael Ludwig: Der Unterschied am Wohnungsmarkt zwischen Wien und den meisten deutschen Städten ist gravierend. In Wien leben 60 Prozent in einer geförderten Wohnung. Da sind wir europaweit an der Spitze. Deutsche Städte dagegen haben in den 80er- und 90er-Jahren ihren geförderten Wohnbau privatisiert. Das bereut man dort bitter.

Aber sie drängen auf eine Änderung des Mietrechtsgesetzes.

Ja, weil wir Transparenz und Konsumentenschutz sicherstellen müssen. Neu geregelt gehört der Lagezuschlag bei den Richtwertmieten. Denn der ist in Wien bei den privaten Mieten ein Preistreiber. Dort haben wir die gravierendsten Preissteigerungen. Bei den geförderten Mietwohnungen hingegen ist in den vergangenen zehn Jahren die Miete nur um die Inflationsrate gestiegen, in den Gemeindebauten darunter.

Der Lagezuschlag ist innerhalb des Gürtels ein Problem. Was soll da verändert werden?

Das Problem ist, dass sich der Lagezuschlag aus den Immobilienpreisen und der Umgebung eines Objektes berechnet. Eine Studie der Nationalbank zeigt, dass Grundstücke in Wien sehr stark überbewertet sind. Besonders im 1. Bezirk werden Preise bezahlt, die mit nichts anderem vergleichbar sind. Die Innenstadt wirkt also als Preistreiber und zieht die angrenzenden Bezirke mit.

Wie schaut Ihr Vorschlag aus?

Zuschläge bei den Richtwertmieten halte ich dann für verständlich, wenn sie transparent und mit Leistungen des Eigentümers verbunden sind. Auch möchte ich bei den Zuschlägen eine Deckelung.

In Deutschland müssen Jungfamilien aus Städten wegziehen, weil Wohnen für sie nicht leistbar ist. Ist so eine Entwicklung auch in Wien zu befürchten?

Nein. Aus Wien ziehen junge Familien nur dann weg, wenn sie ins Grüne ziehen wollen. Wien ist insofern sehr attraktiv, weil wir die Stadt in Europa sind, die die höchste Anzahl an geförderten Wohnungen fertigstellt.

Bis Ende 2015 werden 14.000 neue Wohnungen gebaut. Wie wirkt sich das preisdämpfend auf den Wohnungsmarkt aus?

Es ist belegbar, dass Menschen, die in einer geförderten Wohnung leben, deutlich kostengünstiger wohnen, als dies im Umfeld des freien Marktes der Fall ist. Durch unsere Neubauoffensive im geförderten Wohnbau dämpfen wir zugleich die Nachfrage nach Wohnungen. Dadurch entfällt ein wesentlicher Preistreiber.

Das größte Projekt ist die Seestadt Aspern. Wie viele Wohnungen sind bereits vergeben?

Ende des Jahres übergeben wir die ersten Wohnungen. Mehr als die Hälfte der ersten Tranche ist bereits vergeben. Das Projekt ist aber auf die kommenden 20 Jahre angelegt. Neben viel Grün- und Freiraum in urbaner Umgebung ist schon jetzt das große Plus der Seestadt Aspern die U-Bahnanbindung. Dazu kommen neue Arbeitsplätze oder ein Schulcampus, der bereits in Bau ist.

Der Stadtrechnungshof hat die Vergabepraxis bei geförderten Wohnungen kritisiert.

Festzuhalten ist, dass wir über ein transparentes System verfügen, das grundsätzlich außer Streit steht. Die Empfehlungen liegen im Detail: Derzeit entscheidet ein Zufallsgenerator, wann Vergabeprojekte ins Netz gestellt werden. Der Stadtrechnungshof sieht hier Berufstätige benachteiligt. Obwohl wir versuchen, das so fair wie möglich zu gestalten, wird es wahrscheinlich kein System geben, das allen gerecht erscheint. Wo ich Handlungsbedarf sehe, ist bei jenen Menschen, die keinen direkten Zugang zum Internet haben.

In Diskussion steht auch die Wohnbauförderung. Wie wirkt sich die aufs Wohnen aus?

In Wien investieren wir die gesamte Wohnbauförderung und zusätzliche Mittel in den Wohnbau. Für Wohnungen, die ohne Förderung errichtet werden, wäre die Miete um 50 % höher. Ohne geförderte Wohnungen würde die durchschnittliche Miete in Wien doppelt so hoch sein.

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