Chronik | Wien
07.02.2012

Malaria-Versuche an Wiener Heimkindern

Ein 63-Jähriger erhebt schwerste Vorwürfe. 1964 sei er von Wiener Ärzten absichtlich mit Malaria infiziert worden.

Es war ein offenes Geheimnis, dass das Malaria ist." Der heute 63-jährige Wilhelm J. spricht von seiner Zeit auf der psychiatrischen Station der Wiener Universitätsklinik. In die "Klinik Hoff" sei er damals wegen der Diagnose "Psychopathie" eingewiesen worden.

Mit 13 Jahren ist er in die Kinderübernahmestelle (KÜST) in der Lustkandlgasse gebracht worden, anschließend war er im Kinderheim Hohe Warte, ehe er im Wiener Heim "Im Werd" untergebracht wurde. Er habe oft versucht, von dort auszureißen. Deshalb, so vermutet der 63-Jährige heute, wurde er schließlich in die Uni-Klinik eingewiesen. Dort sei er von Ärzten mit Malaria angesteckt worden, um den Erreger zu erhalten, wie Ö1 am Montag in seinem Morgenjournal berichtete.

"Ich war fünf Tage zur Vorbereitung dort. Sobald der andere fertig war, bin ich drangekommen." Soll heißen: Einem anderen, der ebenfalls mit Malaria angesteckt wurde, wurde infiziertes Blut abgenommen, um es anschließend J. in den Muskel zu spritzen. Und auch sein infiziertes Blut soll wieder anderen gespritzt worden sein. Die sogenannte "Malaria-Therapie" wurde vor etwa 100 Jahren eingesetzt, um hauptsächlich Syphilis im Endstadium zu behandeln.

"Diese Behandlung hat eine historische Begründung. Sie war aber in den 1960er-Jahren mit Sicherheit schon überholt. Damals gab es bereits erste Psychopharmaka, um Patienten zu behandeln", sagt Univ. Prof. Johannes Wancata, Leiter der Abteilung Sozialpsychiatrie an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Den Vorwurf von Wilhelm J. findet er "sehr heftig. Wenn das stimmt, ist es ein Skandal."

Nach der Infektion mit dem Malaria-Virus habe Wilhelm J. zwei Wochen lang mit Fieberschüben bis zu 42 Grad kämpfen müssen. Danach sei er wieder mit Spritzen behandelt worden. "Das Fieber war dann einen Tag weg. Am anderen ist es wiedergekommen."

Folgen

Wilhelm J. sagt auch, dass er damals wusste, dass ihm der Malaria-Erreger injiziert wird. Warum er sich dann nicht dagegen nicht gewehrt hat? "Mir wurde angedroht, dass ich auf die geschlossene Abteilung in ein Gitterbett gesperrt werde." Bis heute habe er mit heftigen Fieberschüben und Schweißausbrüchen zu kämpfen, sagt der 63-Jährige. "Ich bin dann 24 Stunden nicht ansprechbar." Ärzte hätten dem Mann bisher nicht helfen können. Dass J. aber noch heute an Fieberschüben aufgrund von Malaria leide, ist laut dem Institut für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin "aus medizinischer Sicht sehr unwahrscheinlich".

Wie viele Personen in den 1960er-Jahren möglicherweise mit dem Erreger angesteckt wurden, weiß Wilhelm J. nicht. Aber: "Es hat schon vor mir angefangen und ist nach mir weitergegangen. " Weitere schwere Vorwürfe erhebt der Zeithistoriker Horst Schreiber gegen die Praxis in Tiroler Kinderheimen. In seinem Buch "Im Namen der Ordnung" (StudienVerlag) rechnet er mit den Erziehungsmethoden der 1960er- und ’70er-Jahre ab.

Massive Kritik übt der Zeithistoriker an der Kinderpsychiaterin Maria Nowak-Vogl, die spezielle Methoden zur Behandlung von Mädchen erforschte. "Jahrezehntelang hat sie acht-, neunjährigen Mädchen Epiphysan gespritzt." Der Wirkstoff war ursprünglich zur Vermeidung von Brunftverhalten bei Abmelkkühen verwendet worden.

In Innsbruck habe Nowak-Vogl Epiphysan den Mädchen verabreicht, um sexuelle Selbstbefriedigung zu vermeiden. "Aus wissenschaftlichen Gründen", so wird Nowak-Vogl von Schreiber zitiert, sei es für sie "äußerst interessant" gewesen", "ob es zu einer gestörten Sexualentwicklung kam, oder etwa im Zuge einer normalen Sexualentwicklung zu einer Frigidität."

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