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Chronik Wien
12/19/2021

Lichtermeer: Mehr als 30.000 beim Gedenken an die Corona-Toten

Am Sonntag um 19 Uhr wurde jener Menschen gedacht, die an Covid gestorben sind. „Yes we care“ lautet das Motto der Lichteraktion.

von Johanna Kreid, Raffaela Lindorfer

„Wir sind einfach Menschen aus der Zivilgesellschaft, die ein Zeichen setzen wollen“, erklärt Organisator Wiener Daniel Landau im KURIER-Gespräch.

Und dieses Zeichen soll leuchten: Sonntagabend versammelten sich Unterstützer der Aktion in der Wiener Innenstadt. Um 19 Uhr wurden entlang des Rings und des Kais Kerzen angezündet. Zehn Minuten dauerte die Aktion.

Die größten Probleme bereitete der Wind, der viele Kerzen schnell wieder ausblies. Deshalb wurden von vielen Teilnehmern einfach ihre Handys in die Höhe gehalten. Gegendemonstrationen oder Störaktionen gab es keine.

Die Polizei geht von zumindest 30.000 Teilnehmern aus. „Man muss beachten, dass gewisse Stellen sehr dicht besetzt waren – etwa im Bereich der Oper und dem Stubenring. An anderen Stellen war weniger los“, so ein Sprecher. Die Zahl habe man anhand von Luftaufnahmen und mit Beobachtungen vom Boden aus geschätzt.

Die Versammlung sei vorbildlich gewesen, es kam zu keinen Zwischenfällen. Rund 95 Prozent der Menschen hätten laut Polizei Masken getragen.

Kurz vor 19 Uhr war der Ring quasi gesperrt, die Leute standen auf Fahrbahn. Viele hatten ihre Kerzen in Marmeladengläser gestellt, um die Flamme vor dem Wind zu schützen. Andere trugen um den Kopf gewickelte Lichterketten oder hatten leuchtende Stäbe mit.

Organisator Daniel Landau zeigte sich mit der Anzahl der Teilnehmer und dem Ablauf der Aktion zufrieden.

Mit dabei waren auch Gaby und Dieter aus Wien. "Wir wollen ein Zeichen setzen gegen diese verrückten Demos. Wir stehen zwar still hier, sind aber die deutliche Mehrheit." Derselben Meinung ist auch eine andere Teilnehmerin: "Die Impfgegner, die hier jede Woche demonstrieren, repräsentieren nicht die Bevölkerung. Ich freue mich, dass heute so viele gekommen sind. Das ist ein schönes Zeichen." Alle Teilnehmer trugen Masken und hielten Abstand zu ihren Mitmenschen ein, die Stimmung war friedlich.

Das empfanden auch Christian Hajek aus Wien und seine Tochter Edda so. "Wir sind hier, weil wir Solidarität zeigen wollen. Meine halbe Familie leugnet Corona - aber heute sind wir hier."

Ähnlicher Meinung sind Heidi Neubauer, Kathi Sieber und Susi Eigner. "13.000 Corona-Tote sind genug. Die anderen, die hier immer demonstrieren, sehen die Welt nur negativ. Wir finden die Aktion sehr schön und stehen deshalb gerne im Wind."

Am Ende der zehnminütigen Aktion brandete Applaus auf. Damit wollten die Teilnehmer ihre Wertschätzung für die Arbeit des Pflegepersonals zum Ausdruck bringen.

#yeswecare auch in Vorarlberg

Auch in Vorarlberg wurden an mehreren Orten Lichterketten gebildet. Insgesamt nahmen laut Polizei 600 Menschen an den Aktionen teil - 400 davon versammelten sich in den Seeanlagen am Bodensee in Bregenz.

Am Nachmittag protestieren wiederum ebenfalls in Bregenz etwa 1.500 Menschen gegen die Corona-Maßnahmen. 22 Anzeigen wurden erstattet, die meisten wegen Missachtung der Maskenpflicht. Zudem wurden drei Personen kurzzeitig festgenommen.

So kam es zur Aktion

Am Anfang der Aktion stand ein verärgerter Tweet. Der Innsbrucker Roman Scamoni machte sich in einem spontanen Frust-Posting auf Twitter Luft über die Pandemie-bedingte Polarisierung der Gesellschaft und all die unschönen Folgen.

Ebenso spontan kam die Idee: Warum nicht ein friedliches Zeichen des Miteinanders und des Gedenkens an die Verstorbenen setzen? Der Wiener Daniel Landau las das Posting, kontaktierte Scamoni – und schon war die Lichteraktion unter dem Motto „Yes we care“ geboren.

Erinnerungen and Lichtermeer von 1993

Erst vor neun Tagen entstand die Idee – infolge von Medienberichten und Postings in den sozialen Medien gab es sofort enorm viele Reaktionen. Häufig wird die Aktion schon als „Lichtermeer“ bezeichnet. Vorbild dafür ist das Lichtermeer von 1993 – damals hatte SOS Mitmensch aufgerufen, ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen. 300.000 Menschen waren dem Aufruf gefolgt.

Mit so vielen Teilnehmern rechne man freilich nicht, sagt Landau. „Schön wäre, wenn es mehr als 13.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wären.“ Man wolle ja für alle an Covid Verstorbenen eine Kerze entzünden.

„Da es am Ring und am Kai stattfindet, könnte man auch von einem ,Lichterkranz’ sprechen. Das ist ein schönes Symbol am 4. Adventsonntag“, beschreibt Landau. „Außerdem ist der Ring das Herz von Wien – und das Herz ist ein Symbol für Empathie, Wertschätzung und Zuneigung.“

Ob nun Lichtermeer oder Lichterkranz: Zentral sei jedenfalls die Botschaft „Yes we care“. „Oder, um es auf gut Wienerisch zu übersetzen: ,Es ist uns ned wurscht’“, fügt Landau hinzu. „Es soll außerdem eine ganz andere Veranstaltung werden als die Demos zuletzt. Es soll friedlich, ruhig und optimistisch ablaufen.“

Zahlreiche Unterstützer

Ebenso wolle man sich von niemandem vereinnahmen lassen – die Unterstützer sind auch breit gefächert. So erklärten unter anderem Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Kardinal Christoph Schönborn, die Islamische Glaubensgemeinschaft, die Israelitische Kultusgemeinde Wien, die Ärztekammer oder auch Pensionistenklubs der Stadt Wien ihre Unterstützung – um nur einige wenige zu nennen.

Um die Sicherheit brauche man sich übrigens nicht zu sorgen, beruhigt Landau: „Ärzte haben uns versichert, dass im Freien, mit Masken und bei so einer kurzen Dauer von nur zehn Minuten, keine Gefahr für die Gesundheit besteht. Und die Polizei steht uns gut zur Seite.“

Keine Gegen-Demos

Auch die Exekutive ging laut Polizeisprecher Christopher Verhnjak Sonntagnachmittag von einer friedlichen Veranstaltung aus: Gegendemonstration sei keine angemeldet, einige Hundert Polizisten seien im Einsatz. Da gehe es aber auch um verkehrssichernde Maßnahmen, etwa das Absperren des Rings.

Wer nicht persönlich dabei sein kann oder möchte, möge doch eine Kerze ins Fenster stellen, appelliert Landau. Er habe Rückmeldungen aus ganz Österreich, ja sogar aus München, dass Menschen auf diese Weise ein Zeichen setzen wollen. Und dann, sagt Landau, ergäbe es doch wieder so etwas wie ein „Lichtermeer“.

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