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Chronik Wien
09/05/2019

Lebenswerteste Stadt der Welt: Wem das nützt und was das bringt

Schon wieder wurde Wien als Stadt mit der höchsten Lebensqualität ausgezeichnet. Welche Bedeutung hat das?

von Julia Schrenk

100 Punkte!

Zumindest fast: 99,1 um genau zu sein. Die erreichte Wien im neuen Ranking (Platz 1 bis 10 siehe Ende dieses Textes) um die lebenswertesten Städte der Welt des Magazins The Economist. Und nicht zum ersten Mal: 2018, als Wien erstmals Platz 1 im Economist-Ranking schaffte, war die Punkteanzahl dieselbe, selbst in den Unterkategorien.

Um die lebenswerteste Stadt der Welt zu küren, vergleicht das Magazin jedes Jahr 140 Großstädte in fünf Bereichen. Die fließen unterschiedlich gewichtet ins Gesamtergebnis ein: Stabilität, Kultur & Umwelt (jeweils zu 25 Prozent), Gesundheitswesen, Infrastruktur (jeweils zu 20 Prozent) und Bildung (10 Prozent).

Verglichen wird unter anderem die Kriminalitätsrate, die Bedrohung durch Terror, der Zugang und die Qualität des öffentlichen sowie privaten Gesundheitssystems und Bildungswesens, die Verkehrsanbindung (Straße und Schiene), wie es um Demokratie, Wahlrecht und Korruption bestellt ist und auch, wie groß das Angebot in Sachen Sport, Kultur und Lokalen ist.

Der KURIER hat sich in Wien umgehört, ob Platz 1 gerechfertigt ist:

Auch im März hat Wien einen ähnlichen Wettbewerb um die lebenswerteste Stadt für sich entschieden: jenen des international tätigen Beratungsunternehmens Mercer.

Aber wer nutzt diese Studienergebnisse überhaupt und wem nützen sie?

Werbung und Wirkung

Erwartungsgemäß zuerst einmal der Stadtregierung, die sich die guten Werte auf die Fahnen heften kann und die Opposition zumindest am Tag der Studien-Veröffentlichung zum Schweigen bringt. Und natürlich dem Tourismus, der sich über Gratis-Werbung freuen darf. Denn manche der Kategorien, die zur Erstellung der Rangliste herangezogen wurden, entsprechen den Top-5-Bereichen, die laut der Marktforschung von The Skills Group/Fleishman-Hillard für den Wien-Tourismus Entscheidungsgrund für einen Wien-Urlaub sind: Das imperiale Erbe, das Kultur- und Musikangebot, Kulinarik, das Grüne Wien und der Ruf als moderne, lebenswerte Metropole.

Die Stadt kann jetzt also ein Jahr lang mit dem Stempel „Lebenswerteste Stadt der Welt“ Werbung machen.

„Das ist unbezahlbar in der Außenwirkung“, sagt Klemens Himpele. Als Leiter der MA23 (Wirtschaft, Arbeit und Statistik) ist Himpele für die Analyse dieser Rankings zuständig. 14 bis 15 solcher Ranglisten – von Mercer und Economist über die Ranglisten zum Investitionsniveau (FDI zum Beispiel) – werden pro Jahr von der MA23 analysiert. „Da geht es darum, Stärken und Schwächen von Wien abzuleiten“, sagt Himpele. Dass die Stadt im Economist-Ranking just im Bereich Kultur und Umwelt nicht die volle Punkteanzahl erlangte, hat ihn überrascht: „Normalerweise sind wir in diesen Bereichen sehr gut.“ Die Einzelauswertung steht jedenfalls noch aus.

Die Kritik an solchen Studien zur Lebensqualität („Da werden nur Manager befragt“) kann Himpele nur wenig nachvollziehen. Erstens würden nicht nur Manager, sondern vor allem ins Ausland entsandte „normale“ Mitarbeiter von international tätigen Firmen befragt. Zweitens „bringt das Information über die Stadt als Wirtschaftsstandort. Ich würde das nicht kleinreden.“

Um zu erfahren, wie die Wienerinnen und Wiener das Leben in ihrer Stadt beurteilen, vertraut die Stadt ohnedies auf andere Quellen: Eurostat zum Beispiel oder die beim IFES beauftragte Studie zu „Leben und Lebensqualität in Wien“. Die aktuellste (Juni 2019) beschied, dass 9 von 10 Wienererinnen und Wienern gerne oder sehr gerne in der Stadt leben.

Mit seinen 99,1 Punkten liegt Wien übrigens nur 0,7 Punkte vor Melbourne (Australien). Und die Melbourner fanden es am Mittwoch nicht ganz so lustig, wieder nur auf Platz 2 gelandet zu sein: Die Oberbürgermeisterin musste Interviews geben, auf Twitter beschwerte man sich: Die Strände in Wien seien „Müll“, die „schöne blaue Donau“ gar nicht blau, sondern braun.

Und hier noch einmal die Rangliste Detail: