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Chronik Wien
11/13/2020

Kritik am Wiener Reparaturbon: "Schiefe Optik", "verhunzte" Maßnahme

Umweltstadträtin Sima (SPÖ) sieht einen vollen Erfolg. Andere kritisieren die geringe Anzahl an Betrieben, bei denen der Bon eingelöst werden kann.

von Andreas Puschautz

Einen "vollen Erfolg" erkannte Wiens Umweltstadträtin Ulli Sima (SPÖ) am Freitag per Aussendung in dem von ihrem Ressort verantworteten und Mitte September gestarteten Reparaturbon.

Die Stadt übernimmt über den Bon 50 Prozent der Kosten von Reparaturen aller Art bis zu einer Förderhöhe von 100 Euro. Durch die Aktion soll der Ressourcenverbrauch verringert und die Kreislaufwirtschaft gestärkt werden. Gleichzeitig will die Stadt damit die lokale Wirtschaft stärken.

Die bisherige Bilanz: 240.000 Euro der bis zum Projektende 2023 veranschlagten 1,6 Millionen Euro wurden in den ersten beiden Monaten bereits ausbezahlt; rund 4.000 Gegenstände vor der Mülldeponie bewahrt, mehr als zwei Drittel davon sind Smartphones und Tablets.

Die durchschnittliche Förderhöhe pro Bon beträgt 70 Euro, insgesamt wurden durch die Aktion nach Angaben der Stadt bereits rund 100 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart. Weitere 2.700 Bons wurden bereits abgerufen, jedoch noch nicht eingelöst.

Von wenigen Betrieben akzeptiert

Auf den ersten Blick ist das eine schöne Bilanz - doch es gibt auch Kritik an der Abwicklung. Denn eingelöst werden kann der Bon nur bei Betrieben des stadtnahen "Reparaturnetzwerks“.

Laut Stadt soll dadurch sichergestellt werden, dass nur Unternehmen zum Zug kommen, die auf Reparaturen spezialisiert sind und nicht vorschnell zu einem Neukauf raten. Doch selbst von den 86 Mitgliedern des Netzwerks akzeptieren aktuell nur 41 den Bon.

Dabei gebe es rund 8.000 Betriebe in der Stadt, die Reparaturen durchführen können, sagt der grüne Gemeinderat und Vizepräsident der Wiener Wirtschaftskammer, Hans Arsenovic. Die Initiative sei eine wichtige, doch man müsse sie "breiter aufstellen", meint er.

Die Grünen hatten im Sommer auch ein anderes Modell vorgeschlagen: Noch-Vizebürgermeisterin Birgit Hebein wollte an alle Wienerinnen und Wiener zwischen 16 und 30 Jahren einen 25-Euro-Gutschein ausgeben, der dann bei kleinen Handwerksbetrieben im eigenen Bezirk einlösbar sein sollte (der KURIER berichtete).

Doch: "Der Koalitionspartner wollte das nicht“, sagt Arsenovic. Die SPÖ hätte den Grünen im Vorwahlkampf wohl nicht mehr zugestehen wollen. "Es ist schade, dass das Thema so verhunzt wird“, sagt Arsenovic, "ich hätte es anders gemacht.“

Schiefe Optik

Damit ist er nicht alleine. Die ÖVP-Nationalrätin und Obfrau der Sparte Gewerbe und Handwerk in der Wiener Wirtschaftskammer, Maria Smodics-Neumann, stieß sich bereits zum Start der Aktion an der Beschränkung auf nur wenige Unternehmen.

Im Gespräch mit dem KURIER bekräftigt sie ihre Kritik: Da es um öffentliche Fördergelder gehe, sei die Beschränkung auf Betriebe des Reparaturnetzwerks schwierig. "Die Optik ist eine schiefe", sagt sie.

Die Idee sei nach wie vor die richtige, das Potenzial vorhanden, meint die türkise Funktionärin. "Aber man müsste das über ein offenes Netzwerk laufen lassen." So wie der Bon derzeit abgewickelt wird, seien viele Betriebe ausgeschlossen, obwohl sie genauso ihre Kommunalsteuern zahlen, Arbeitsplätze schaffen - und Lehrlinge ausbilden. "Und was gäbe es Schöneres, als wenn ein Lehrling Reparaturen lernt?"

"Soziale Kontrolle"

Es gibt aber auch andere Stimmen, etwa die von Matthias Neitsch. Neitsch ist Geschäftsführer von "RepaNet", der Interessensvertretung der heimischen Reparaturinitiativen - deren Mitglied auch das Wiener Reparaturnetzwerk ist -, und er war an der Konzeption des Reparaturbons beteiligt. Seiner Ansicht garantiert die Abwicklung über das Reparaturnetzwerk einen eingebauten "Qualitätscheck".

Viele große Betriebe würden Kunden bei Schadensfällen zu einem Neukauf drängen, genau das soll hier aber ausgeschlossen werden - und das könne das Reparaturnetzwerk leisten. Denn es biete "gegenseitige soziale Kontrolle", ob die Betriebe ihren Fokus auch wirklich auf Reparaturen legen würden.

Und diese funktioniere: Ein Unternehmen sei in der Vergangenheit auch bereits aus dem Netzwerk ausgeschlossen worden, ein weiteres von selbst ausgetreten.

Außerdem wachse das Netzwerk - nicht zuletzt durch den Reparaturbon. Bereits jetzt gebe es "viele Neuanträge", sagt Neitsch. Und auch die bestehenden Mitglieder, die den Bon bisher nicht annehmen, würden zunehmend umdenken.

Viele hätten eine zu komplizierte Abwicklung bei zu geringen Erträgen befürchtet, doch "die Kundenzahl steigt, es werden also mehr werden". Mittelfristig hofft er auf 100 bis 200 Mitglieder im Netzwerk, die auch den Bon annehmen werden.

Zusätzlich komme man durch langsameres, organisches Wachstum länger mit dem zur Verfügung stehenden Budget aus.

Keine Werbung

Arsenovic kritisiert unterdessen nicht nur die Abwicklung über das Reparaturnetzwerk, sondern auch die im Vergleich zum breit getrommelten Gastro-Gutschein geringe Bewerbung des Reparaturbons: "Das bekommt ja keiner mit", bedauert er. "Ich hätte mir gewünscht, dass man hier gleich viel Herzblut hineinlegt wie in den Gastro-Gutschein."

Und tatsächlich: Gegen die - nur einen Monat nach Start der Aktion - 300.000 eingelösten Gastro-Gutscheine im Gegenwert von mehr als 10 Millionen Euro sehen die 4.000 nach zwei Monaten eingelösten Reparaturbons vergleichsweise mickrig aus.

Was andererseits nicht überrascht: Der Gastro-Gutschein wurde per Brief an jeden Wiener Haushalt verschickt und breit beworben - laut Recherchen der Plattform Dossier alleine in den ersten zehn Tagen um Kosten von zumindest 635.000 Euro - nur in Tageszeitungen.

Für die Bewerbung des Reparaturbons wurden laut Auskunft der zuständigen MA 22 (Umweltschutz) hingegen "keinerlei Finanzmittel aufgewendet". Begründung: Das Interesse der Bevölkerung am Reparieren sei sehr groß, zusätzliche Marketingmaßnahmen seien daher "nicht erforderlich".

Alle Informationen zum Reparaturbon finden Sie hier

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