Die Nacht, in der Klemens K. starb: "Das werfe ich mir vor"
Klemens ist 19 Jahre alt, als er mit einer Drogenüberdosis in einem Wiener Stiegenhaus abgelegt wird und stirbt - der KURIER berichtete über seine Geschichte im Podcast Dunkle Spuren, Episode "Vier Freunde". In den Stunden vor seinem Tod ist er mit Katharina zusammen. Jung, hübsch, Schülerin eines katholischen Gymnasiums. Und Dealerin. 4,5 Jahre nach dem Tod von Klemens spricht die heute 25-Jährige darüber, was in dieser Nacht passiert ist.
KURIER: Katharina, wie hat die Drogensucht bei dir begonnen?
Katharina: Mein Selbstbewusstsein war nicht so auf der Höhe. In der Volksschule war es bei mir so, dass ich etwas pummeliger war, ich wurde gemobbt und habe eine Essstörung entwickelt. Irgendwann habe ich Leute kennengelernt, die offen darüber gesprochen haben, Drogen zu konsumieren. Und da habe ich mir gedacht, ok komisch. Meine Mutter hat mir immer erzählt, da trifft man irgendeinen dunklen Mann im Park und der gibt dir das erste gratis, du bist sofort süchtig und dann schaut man sofort ganz schlimm aus. Aber die haben alle normal ausgesehen. Ich habe im Internet recherchiert und mit 13 wusste ich dann schon über alle Drogen Bescheid und habe mir gedacht: Wenn ich einmal die Möglichkeit bekomme, will ich es auch ausprobieren.
Wann kam dann diese Möglichkeit?
Bei einem Schulwechsel. Ich wollte weg von diesem gemobbten, uncoolen Kind und halt cool sein. Nach dem Weihnachtsgottesdienst 2015 oder 2016 habe ich meinen ersten Joint geraucht.
Und dann bist du komplett hineingerutscht?
Nein, mit 16 ging es dann los. Beim Fortgehen habe ich das erste Mal Ecstasy genommen. Ich bin vor dem Lokal zu Boden gesackt und habe nur gehofft, dass das aufhört. Das war keine gute Erfahrung. Aber trotzdem habe ich es dann wieder gemacht. Von 16 bis 16,5, in dem halben Jahr, habe ich eigentlich so gut wie alle Drogen durchprobiert. Also auch Crystal Meth, Heroin. Bei mir gab es leider nie so eine Hemmschwelle. Ich hatte wirklich eine Liste und wollte die Drogen alle ausprobieren.
Das ist niemandem aufgefallen?
Der einzige, der es wusste, war mein bester Freund, der hat Heroin mit mir geraucht. Ich habe auch maturiert, das nicht mal schlecht. Ich habe so konsumiert, dass man es mir nicht anmerkt.
Wie hast du die Drogen finanziert?
Irgendwann ging mir das Geld aus beziehungsweise ging es mir auf die Nerven, ständig zu irgendwelchen grindigen, alten Typen zu fahren, die dich dann sexuell ausnutzen.
Was genau meinst du?
Da gab es zum Beispiel einen Türken in Hernals, der hat teilweise 14-jährige Mädchen eingeladen. Am Anfang hat er dir die Drogen gratis hingestellt. Dann irgendwann hat er gefragt, ob er meine Brüste durch das T-Shirt anfassen darf. Und dann wurden die Verlangen immer größer.
Durch Zufall kommt Katharina in Kontakt mit dem Dealer des Mannes und beginnt selbst mit dem Dealen.
Wo hast du verkauft? Im Freundeskreis?
Genau, also ich habe dann zum Beispiel den Mädchen, die immer bei dem Türken gekauft haben, gesagt: Ihr könnt auch zu mir kommen, da müsst ihr nichts machen. Und so hat sich das dann aufgebaut. Ich habe eigentlich immer im 19. Bezirk verkauft und hier auch Klemens kennengelernt. Wir haben uns gut verstanden. Er kam auch aus einem guten Elternhaus und war sehr respektvoll zu mir. Er hat mir gesagt, er verkauft Cannabis und dass er eigentlich auch Interesse hätte, Heroin zu verkaufen. Und das hat eigentlich gut geklappt. Zwischendurch hatten wir halt auch immer so ein Gspusi miteinander. Und ich hatte das Gefühl, ihn beschützen zu müssen.
Warum?
Weil er noch nicht so lange in der Szene war. Ich wusste ja schon über die Abgründe Bescheid.
Klemens plagte Liebeskummer. Seit einigen Tagen war er nicht mehr zu Hause bei seinen Eltern. Am 19. Jänner stattete er Katharina einen Besuch ab.
Er war in keinem guten Zustand, hat ein paar Stunden bei mir geschlafen. Meine Mutter hat ihm noch einen Kakao gemacht, dann ist er wieder gegangen. Und dann hat er sich mit den beiden Brüdern getroffen in der Wohnung. Und er hat mir die ganze Zeit geschrieben: Komm auch her. Irgendwann habe ich mich überreden lassen, bin gegen 3 Uhr Früh oder so in ein Uber gestiegen. Er hat mir die Tür aufgemacht mit einer Flasche Bacardi in der Hand, komplett betrunken schon.
Kanntest du die anderen, die in der Wohnung waren? (neben den Brüdern war auch noch ein 14-jähriges Mädchen anwesend, Anm.)
Nein, ich habe sie nicht einmal gesehen, die waren in ihren Zimmern. Ich habe mich mit Klemens auf die Couch gesetzt und wir haben geredet. Er hat mir noch gesagt, dass er sich halt wünschen würde, dass wir irgendwie nach England gehen zu seinem Onkel und entziehen. Er wollte eigentlich clean werden. In der Küche haben wir uns dann umarmt, es waren eigentlich schöne Momente.
Was ist dann passiert?
Ich habe gesehen, als er aus meiner Tasche Tabletten genommen und sich in den Mund gehaut hat. Ich habe sie weggenommen und gesagt: Hör auf, du bist schon beeinträchtigt genug, lass das! Dann ist er in meinem Schoß eingeschlafen.
In welchem körperlichen Zustand war Klemens?
Außer, dass er betrunken war, hat er eigentlich normal gewirkt. Ich hätte mir nie gedacht, dass er nicht mehr aufwacht. Ich habe dann um 7.20 Uhr noch dieses Video gemacht (auf dem Video liegen Katharina und Klemens auf der Couch. Es wirkt, als würde er schlafen, Anm.) Dann bin ich eingeschlafen und um 14 Uhr hat dann die ganze Zeit sein Handy geläutet. Irgendwann habe ich abgehoben und hatte seine Mutter am Hörer. Sie hat gefragt, wo ist der Klemens? Ich habe gesagt, der schläft noch, ich wecke ihn auf. Und ja, ich habe ihn leider nie aufwecken können. Das tut mir extrem leid. Ich habe gesagt, ich wecke ihn auf und habe es halt nie geschafft, ihn wieder aufzuwecken.
Ich bin immer panischer geworden, habe versucht, ihn aufzusetzen, hatte aber nicht so viel Kraft. Ich bin in ein Zimmer gestürmt. Bitte kommt"s, der Klemens wacht nicht auf! Ich konnte die Rettung nicht rufen, der Lautsprecher meines Handys war kaputt. Ich bin dann zu dem anderen Mädchen. Aber die Brüder haben gemeint, sie wollen nicht schon wieder Ärger mit der Polizei, sie können eh Erste Hilfe. Das hat nicht funktioniert. Dann haben sie begonnen, ihn anzuziehen und haben ihn halt runtergetragen. Sie wollten es so aussehen lassen, als wäre er einfach ein Junkie im Stiegenhaus, den sie gerade gefunden haben. Wir sollten in der Wohnung bleiben und einer der Brüder hat dann unten die Rettung gerufen.
Gab es da noch ein Lebenszeichen von Klemens?
Gar nichts mehr. Ich hätte rausrennen sollen und einfach an Türen klopfen und um Hilfe bitten. Aber das ist mir in dem Moment nicht eingefallen. Das werfe ich mir vor. Die Rettung hat Klemens mitgenommen, dann hat die Polizei an unserer Tür geklopft und ich habe so gefragt: Was ist mit ihm? Wie geht"s ihm? Und der Polizist: Ja, tot ist er, was sonst? Ich bin zusammengebrochen.
Danach werden erst die Brüder, später Katharina auf die Polizeiinspektion gebracht.
Dort hat meine Mutter auf mich gewartet. Ich hatte ihr gesagt, dass ich weiter Drogen nehme, bis ich sterbe, dann bin ich eingewiesen worden.
Hat dir der Aufenthalt in der Psychiatrie etwas gebracht?
Ich war komplett angefressen, habe es aber trotzdem geschafft, ein bisschen was mit reinzuschmuggeln und habe im Badezimmer gleich Heroin geraucht. Nach einer Woche haben die mich dann rausgelassen und dann habe ich eben meinen ersten Therapieversuch gestartet.
Freiwillig?
Nein, meine Mutter hat gesagt: Entweder du gehst auf Therapie, oder ich schmeiß dich raus. Aber geändert hat sich erst später was. So ein halbes Jahr nach dem Tod von Klemens. Als sie (gemeint die Polizei, Anm.) mich gefasst haben, das war komplett schlimm für mich. Sie haben nicht gesagt: Bleiben Sie stehen, gar nichts. Ich bin komplett in Panik geraten, habe nicht mehr atmen können. Und dann war ich eben drei Tage in der Josefstadt (Justizanstalt, Anm.) Ich hatte Angst, Gefängnis ist sowas von schlimm. Du weißt nicht, was los ist, die haben die Macht über dich. Und auch die Gerichtsverhandlung war was, was ich nicht noch einmal erleben will.
Du bist wegen Drogenhandels verurteilt worden.
Ich habe zum Glück Therapie statt Strafe bekommen.
Und es wurde wegen unterlassener Hilfeleistung beim Tod von Klemens gegen euch alle ermittelt.
Das Verfahren ist eingestellt worden. (Ein Gutachter kam zum Schluss, dass die lebensbedrohliche Situation für Laien nicht erkennbar war, Anm.)
Wie geht es dir heute?
Aktuell geht es mir gut, also auf jeden Fall besser als früher. Da gab es Zeiten, wo ich mir manchmal gewünscht habe, dass der Schuss jetzt der letzte ist. Ich bereue es so sehr, dass ich das ausprobiert habe. Es ist ein täglicher Kampf. Du kannst nie sagen, du bist clean. Das wäre arrogant. Es muss nur irgendwas passieren und es ist so leicht, rückfällig zu werden.
Du hast eine Aufgabe für dich gefunden.
Ja, ich mache Touren mit Schülern und erzähle ihnen von mir. Ich mache das vor allem, weil mir Klemens in der Todesnacht gesagt hat, er will, dass mehr Aufklärung passiert.
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