Die sechs, je  30 Meter hohen Faultürme sind die nach außen hin sichtbarste Neuerung

© Kurier/Gilbert Novy

Reportage
04/06/2021

Kläranlage Simmering: Energie und Wärme aus dem Klo

Die Wiener Kläranlage wurde in fünf Jahren vom Stromfresser zum Erzeuger grüner Energie umgebaut.

von Andreas Puschautz

Schon die schieren Zahlen sind beeindruckend. 6.000 Liter Abwasser strömen im Schnitt in die Kläranlage der Stadt Wien in Simmering – pro Sekunde.

Wenn es 20 Stunden später gereinigt in den Donaukanal fließt, ist es um einiges leichter: 125 Tonnen Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor werden pro Tag entfernt, die Ausscheidungen der knapp zwei Millionen Wienerinnen und Wiener. Dazu kommen täglich rund 7 Tonnen unerwünschter Beifang – Kondome, Hygieneprodukte, Tschickstummel, Essensreste.

„Das Klo ist kein Mistkübel“, sagt folglich auch Karl Wögerer von der Stadt-Wien-Tochter „ebswien Kläranlage und Tierservice“, während im dunkelgrünen Wasser des Einlaufkanals eine einsame Orangenschale vorbeischwimmt.

Klimaschutz

Die Abwasserreinigung ist nach wie vor die Hauptaufgabe der Kläranlage, der Anlass für den KURIER-Besuch ist jedoch ein anderer. Denn nach fünfjährigem Umbau ist sie zusätzlich ein Öko-Kraftwerk.

Ein ausgeklügeltes System sorgt dafür, dass sie von einem der größten Stromverbraucher der Stadt zum Erzeuger grüner Energie wurde. „Klimaschutz beginnt in Wien schon am Klo“, schwärmt Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) über das „Vorzeigeprojekt“.

Um zu verstehen, wie das gelingen konnte, muss man dem Weg des Abwassers folgen – und der beginnt am Einlaufkanal. Hier wird es von Schneckenpumpen (siehe Bild oben) um fünf Meter angehoben und durchfließt danach im freien Gefälle die erste Reinigungsstufe. Riesige Rechen „kämmen“ hier vor der biologischen Reinigung alle Feststoffe aus dem Wasser.

Die läuft so ab wie in jedem Fließgewässer auf natürliche Weise – nur viel schneller. Vereinfacht gesagt bauen Trillionen von Mikroorganismen die im Wasser gelösten, unerwünschten Stoffe wie Stickstoff ab. Wögerer spricht schmunzelnd vom „größten Zoo Wiens, da kann Schönbrunn nicht mit“.

Whirlpool

Damit diese Tierchen nicht ersticken, sorgen 80.000 Tellerbelüfter am Boden der Klärbecken für ausreichende Sauerstoffzufuhr. Genau diese Belüftung ist aber enorm energieintensiv: „Ungefähr zwei Drittel unseres Energiebedarfs gehen dafür drauf“, sagt Wögerer. Am Ende des Abbauprozesses sinkt diese Biomasse als Schlamm zu Boden, wo sie ausgeräumt wird, während das gereinigte Wasser weiterfließt.

An dieser Stelle des Prozesses beginnt nun die Neuerung. Bisher wurde der Klärschlamm thermisch verwertet. Das geschieht auch weiterhin, davor wird ihm aber noch die enthaltene Energie ausgepresst. Dazu wird ihm durch Zentrifugen Feuchtigkeit entzogen, bis er acht Prozent Trockensubstanz enthält. Würde man ihn noch weiter eindicken, könnte er nicht mehr gepumpt werden.

Das ist aber essenziell: Denn im nächsten Schritt wird der Schlamm auf 38 Grad erwärmt und in einen der sechs neuen, 30 Meter hohen Faultürme gepumpt. Dort wird er etwa 25 Tage lang ständig in Bewegung gehalten, während Bakterien die organischen Stoffe weiter abbauen und in Klärgas verwandeln. Dieses besteht zu zwei Dritteln aus dem energiereichen Methan, das abgesaugt und anschließend direkt am Gelände in Blockheizkraftwerken verbrannt wird.

Öko-Kraftwerk

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Verbrauchte die „alte“ Kläranlage rund ein Prozent der von Wien Energie jährlich erzeugten Strommenge, werden jetzt bis zu 78 Gigawattstunden (GWh) Strom und 82 GWh Wärme erzeugt.

80 Prozent dieses Stroms und die Hälfte der Wärme werden vor Ort benötigt, der Rest wird in die Netze der Wien Energie eingespeist.

40.000 Tonnen CO2 werden dadurch laut Betreiber pro Jahr eingespart, das entspricht 10.000 Erdumrundungen mit dem Pkw. „Da kann Wien eigentlich ganz zufrieden sein mit uns“, kommentiert Wögerer wienerisch trocken.

 

Billig war der Umbau, noch dazu während des laufenden Betriebes, nicht: 250 Millionen Euro wurden für das Projekt bewilligt, die Endabrechnung steht noch aus. Doch zum einen sinken mangels Stromrechnung die Betriebskosten deutlich: Abhängig von der Zinsentwicklung amortisiert sich das Projekt nach 12 bis 15 Jahren, sagt Wögerer. Und zum anderen wird mit dem Klima auch das höchste aller Güter geschützt: das menschliche Leben.

Pionierprojekt

Bereits beim einstimmig gefassten Beschluss des Umbaus im Gemeinderat 2012 wurde das „Öko-Kraftwerk Kläranlage“ von Experten als „Pionierprojekt“ bezeichnet. Dementsprechend rechnet man beim Betreiber ebswien auch mit zahlreichen internationalen Delegationen, die sich die neue Anlage ansehen wollen, wenn der Verlauf der Pandemie das wieder zulässt.

46

Hektar umfasst das Betriebsgelände der Kläranlage. Damit ist sie größer als der Vatikan.

1980

ging die Anlage am Standort Simmering nach zehnjähriger Bauzeit in Betrieb.

180

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten den Betrieb am Laufen. Mindestens acht werden benötigt, um die Anlage fahren zu können.

75

Millionen Liter Schlamm passen in die sechs Faultürme.

78

Gigawattstunden Strom können pro Jahr erzeugt werden. Das entspricht dem Verbrauch von 30.000 Wiener Haushalten. Dazu kommen 82 Gigawattstunden Wärme.

Der Geruch wird diese jedenfalls nicht vom Besuch abhalten. Steht man nicht gerade – und so kehren wir wieder an den Anfang zurück – am Einlaufkanal, riecht man am ganzen Gelände überraschenderweise praktisch nichts.

„Wir haben so gut wie keine Geruchsbeschwerden“, erzählt auch Wögerer. Und dennoch: „Sobald es in der Stadt ungut riecht, sind wir die ersten Verdächtigen“, sagt er lachend. Auch wenn sich dann jedes Mal herausstellt, dass die wahren Schuldigen die Bauern im Umland waren, die Jauche auf den Feldern ausgebracht haben.

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