Chronik | Wien
24.01.2018

Kein Strom: Sohn würgt Mutter

Mordversuch: Er zuckte aus, weil sein PC ausfiel. Jugendpsychiater ortet Zunahme solcher Konflikte.

Weil seine Mutter die Stromrechnung nicht bezahlt hatte und am 2. August 2017 daher der Strom abgedreht wurde, wollte der Sohn die 45-Jährige laut Anklage erwürgen. Der 20-jährige Wiener setzte sich auf die im Bett liegende Frau, die an den Folgen eines Schlaganfalls leidet, und drückte ihr den Kehlkopf zu. Dem Staatsanwalt zufolge überlebte die Mutter nur deshalb, weil der jüngere Bruder des Angeklagten dazwischen ging, diesen zur Seite stieß und der Frau damit die Flucht aus der Wohnung in der Leopoldstadt ermöglichte. Am Mittwoch musste sich der 20-Jährige wegen versuchten Mordes vor Geschworenen verantworten.

Der Angeklagte war die meiste Zeit zu Hause in seinem Zimmer vor dem Computer gesessen. Als das Gerät mangels Stromversorgung ausfiel, zuckte er aus. "Ich wollte sie nur wachrütteln. Ich wollte den Strom wieder haben", sagte der 20-Jährige im Prozess. Er wurde zu sechs Jahren Haft und Einweisung in eine Anstalt verurteilt.

Schülerin

Das weckt Erinnerungen an die 14-jährige Schülerin, die am 13. April 2010 in Wien-Margareten ihre Mutter erstochen hat. Die 37-Jährige hatte wieder einmal verlangt, ihre Tochter solle entweder den Fernsehapparat oder ihren Laptop abschalten, die ständig gleichzeitig in Betrieb waren.

Das Mädchen hatte im Internet schon fantasierte, der Mutter "den Hals aufzuschneiden". Die Schülerin wurde wegen Mordes zu fünf Jahren Haft verurteilt und ist längst wieder in Freiheit. Der Gerichtspsychiater Werner Gerstl hatte damals erklärt, Aggression sei kein Charakterbestandteil ihrer Persönlichkeit.

Auch beim 17-jährigen Fabian N., der 21 Mal auf seine Mutter eingestochen hatte, war der exzessive Konsum von Computerspielen das Motiv. Als er am 21. März 2017 lieber Anime-Filme im Internet schaute, statt beim Kochen zu helfen, und ihn die Mutter deshalb rügte, erstach und erstickte er sie. "Ich konnte meine Wut nicht beherrschen", sagte er im Prozess und wurde in eine Anstalt eingewiesen.

Der Gutachter der 14-jährigen Schülerin, Kinder- und Jugendpsychiater Werner Gerstl, begegnet in seiner Praxis häufig Fällen, in denen Kindern von den Eltern der Strom abgedreht wird. Sie wollen damit ihrer Abhängigkeit von elektronischen Medien Herr werden. "Das führt ja in die Isolation. Wenn das digitale System zur einzigen Auseinandersetzung mit der Außenwelt wird, mündet das in einen Streit, weil man mit Vernunft nicht mehr weiterkommt", sagt Gerstl im Gespräch mit dem KURIER. Ein "Kontrollverlust" des Kindes sei manchmal die Folge.

Begleitumstände

Freilich: Der Streit um den PC allein könne nicht die alleinige Ursache für die Katastrophe sein, "es gibt Begleitumstände". Bei der 14-jährigen Schülerin hatte Gerstl eine "emotionale Mangelversorgung" festgestellt. Der Psychiater rät Eltern dazu, den PC- und Handy-Konsum ihrer Kinder rechtzeitig zu limitieren und Ersatzprogramme anzubieten. Es sei für alle Eltern heute schwierig, wenn sie auf den einmal eingekauften "Geist in der Flasche" – der ja auch viele positive Aspekte habe – "den Stoppel drauf geben wollen."