Chronik | Wien
05.09.2018

Kasperl und Pezi gehen doch noch nicht in Pension

26 Interessenten wollen Direktor Manfred Müller das Urania-Puppentheater abkaufen. Bis 28.9. steht neuer Eigentümer fest.

Fix sei zurzeit nur, dass am 28. April 2019 im Wiener Urania-Puppentheater für ihn die letzte Vorstellung mit Kasperl und Pezi stattfinde, sagt Direktor Manfred Müller. Es freue ihn aber, „dass es nicht die letzte Vorstellung für die beiden Wahnsinnigen sein dürfte“. Denn nach seiner Pensionsankündigung via Facebook sei „völlig unerwartet das Totalchaos“ ausgebrochen. Nachdem er mangels Nachfolger ursprünglich dachte, die Firma liquidieren zu müssen, laufen die Bewerber Müller nun die Türen ein. „Die Chance ist also groß“, sagt er, „dass es 2019 weitergeht wie bisher.“

Unter jenen, die das 1949 von Marianne und Hans Kraus gegründete Puppentheater, das am 25. Dezember 1950 mit „Dornröschen“ Premiere feierte, retten wollen, seien Politiker (wie Ex-SPÖ-Kulturminister Thomas Drozda, Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler oder auch die Wiener FPÖ; Anm.), aber auch Bewerber aus dem Showbusiness. Unter anderen bekundete Zirkus-Roncalli-Chef Bernhard Paul Interesse.

Wobei – für die Parteipolitik gebe sich der Kasperl nicht her, sagt Müller. Gehe es den Politikern aller Couleur, die „bis dato geschlafen“ hätten, doch bloß darum, ein emotionales Thema zu besetzen, das ihnen Wählerstimmen verspricht.

Viel wohler würden sich die Puppen bei jemandem aus der Branche fühlen, der ihre Optik belässt, wie sie seit 68 Jahren aussieht und der etwas vom traditionellen Theater versteht. Und der einem Fulltime-Job, wie diesem, auch gewachsen ist.

Vier Tage Urlaub

„Es schaut alles lustig aus, aber das ist ein beinhartes Geschäft“, betont Müller, der seit 1973 für das Urania-Puppentheater aktiv ist. Erst als Ton- und Lichtingenieur und ab 1995 in der Direktion. „Da hängt man zehn bis zwölf Stunden dran, täglich, das ganze Jahr.“

Zumindest, wenn man wie er selbst die Puppen, Requisiten und Kulissen bastelt, Kostüme schneidert, die Stücke schreibt, die Musik komponiert, die Kulissen chauffiert, zwei Kasperl-Bücher verfasst, den Youtube-Kanal bespielt, die Puppen mit fünf Mitarbeitern auf der Urania-Bühne zum Leben erweckt und mit familiärer Unterstützung auch noch die gesamte Administration erledigt. „Meiner Frau und mir blieben vier Tage im Jahr zum Ausspannen“, erinnert sich der 70-Jährige.

Darum gehe es nun darum, aus den 26 seriösen Interessenten einen Nachfolger auszuwählen, der nicht nur die Bonität, sondern auch die richtigen Motive mitbringt. Verhandlungsbasis seien 100.000 Euro, obwohl der Schätzwert des Betriebs bei rund 365.000 Euro liege. Bis 28. September werde er sich entscheiden und den neuen Eigentümer bekannt geben, sagt Müller. Bis 31. Oktober müsse der Vertrag unterschrieben und das Geld geflossen sein. Dann werde er daran gehen, den neuen Betreiber in die Materie einzuführen.

Konkrete Präferenzen will Müller noch keine erkennen lassen. Am Freitag gebe es aber erste Neuigkeiten via Videobotschaft.

Kasperl im SchauTV-Interview

Mit dem Verkauf wechseln mehr als 400 Puppen, Hunderte Kostüme, Kulissen, Requisiten, Stoffreserven, sämtliche Geschichten (und davon gab es bis dato pro Saison immerhin 48), der Fuhrpark sowie sämtliche Verträge den Besitzer. Das meiste davon lagert zurzeit in Müllers Haus in Trautmannsdorf (NÖ), wo einige Räume frei werden, wenn Kasperl, Pezi, Drache Dagobert und Co. in ihr neues Heim übersiedeln.

Seit Müllers Pensionsankündigung reißen sich Journalisten und Fotografen um Kasperl und Pezi. Immer und immer wieder wird der scheidende Direktor gebeten, sie vor den Kameras zum Leben zu erwecken. Die hölzernen Köpfe der beiden Figuren sind übrigens noch dieselben wie 1950, nur ihre Körper wurden seither etwa 20-mal ausgewechselt.

Für schauTV gab der Kasperl sogar eines seiner seltenen Interviews (siehe Video).