Kaffeehaus-Legende Hawelka gestorben

Kaffeehauslegende Leopold Hawelka
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Wiens berühmtester Cafétier ist tot: Leopold Hawelka ist im Kreise seiner Familie im 101. Lebensjahr eingeschlafen.

Seinen 100. Geburtstag im April hat er noch im Kaffeehaus mit Freunden gefeiert. Mit dem unvermeidlichen Mascherl um den Hals und dem blau-weiß gestreiften Hemd. Er setzte sich damals wie immer an den kleinen Marmortisch neben der Schank und musste dem Ober auch gar nicht viel sagen. Der wusste immer, was der Chef will: Eine Melange mit viel Milch und „a Mehlspeis“. Wie seit Jahrzehnten schon. Leopold Hawelka reihte sich bereits zu Lebzeiten in die Galerie der „Unsterblichen“ in Wien ein. Am Donnerstag ist er friedlich entschlafen.

Die Wiener Kaffeehauslegende Leopold Hawelka ist tot. Damit verliert Wien eines seiner Wahrzeichen. Hawelka feierte am 11. April diesen Jahres seinen 100. Geburtstag. Er stand bis zuletzt beinahe täglich in seinem Cafe in der Dorotheergasse. Inzwischen führen die Enkel Michael und Amir (links und rechts, Mitte: Sohn Günter) die legendäre Institution. Eröffnet hatte Hawelka sein Cafe 1939 gemeinsam mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Josefine. Ab den 1960er Jahren etablierte sich das nicht einmal 100 Quadratmeter große Kaffeehaus zum Künstlertreff der heimischen Avantgarde, der Protagonisten wie Helmut Qualtinger, Oskar Werner oder Friedensreich Hundertwasser als Arbeits- und Wohnzimmerersatz diente. Das Interieur blieb seit damals praktisch unverändert. Der Alt-Cafetier gab selbst an, er habe immer "solid" gelebt – das Geheimnis seines langen Lebens. Zumindest ein Laster hat der Seniorchef allerdings: Süßigkeiten. Die Buchteln des Hawelka haben es im Lauf der Jahrzehnte ebenfalls zum Legendenstatus gebracht. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2005 wurden die gefüllten Germziegel von Leopolds Gattin Josefine selbst in den Ofen geschoben.

Wortkarg

Er war nie ein Mann vieler Worte, denn sein Leben war stets nur das Kaffeehaus. „I bin halt a alter Kaffeesieder“, hat er immer wieder betont. „Das Geschäft“ möge bleiben, wie es immer war, das war der Wunsch des alten Herrn Hawelka, der für große Veränderungen nie zu haben war. Als man ihm im Vorjahr erklärte, dass im Lokal nicht mehr geraucht werden darf, dachte er, die Welt geht unter. Nichts dergleichen geschah, ein paar Gäste paffen jetzt vor dem Lokal. Der Qualm aus sieben Jahrzehnten hängt freilich immer noch im roten Plüsch der Sitzbänke und in den vergilbten Tapeten.

Als ihn sein Sohn beim 100. Geburtstag fragte, ob er nicht einmal ein anderes Café aufsuchen wolle, wies der alte Herr dieses Ansinnen brüsk zurück. Sohn Günter, der mit seinen 72 Jahren eigentlich selbst schon in Pension sein sollte, und die Enkel Amir und Michael führen das Kaffeehaus derzeit.

Familienstreit

Dabei war die Nachfolge ursprünglich ganz anders geplant. Tochter Herta hätte das Lokal übernehmen sollen, doch die Übergabe endete in einem Eklat, der die Familie fast entzweite. Herta Hawelka verkaufte daraufhin ihre Anteile und zog sich zurück. Inzwischen ist der Friede einigermaßen wieder eingekehrt, Günter und seine Söhne kümmern sich ums Kaffeehaus, Herta kümmerte sich aufopfernd um das Wohlergehen des 100-jährigen Vaters.

Leopold Hawelka hatte nie etwas dagegen, von Touristen bewundert und fotografiert zu werden. Geredet hat er aber auch da nicht viel. Wesentlich gesprächiger war seine nicht minder legendäre Frau Josefine. Am 19. März 2005 hat die Frau Hawelka noch einmal ihre berühmten Buchteln serviert, ehe sie einen Schwächeanfall erlitt und ins Spital gebracht wurde, wo sie drei Tage später 91-jährig starb.

„Jetzt bin i ganz allein“, hat der alte Hawelka damals gesagt. Und Tochter Herta ergänzte: „Seine Trauer nach fast 70 Jahren Ehe war groß, aber er ist so erzogen, dass er seine Gefühle nicht zeigt.“

Mit Josefine hatte Hawelka das Café im Jahre 1939 übernommen. In dem Lokal war einst die anrüchige „Chatham“-Bar untergebracht. Wegen ihrer Separees von den Wienern „Je t’aime“-Bar genannt. Georg Danzer dürfte, als er sein berühmtes Lied schrieb, geahnt haben, dass es hier tatsächlich manch „Nackerten im Hawelka“ gegeben hat. Kaum hatte Hawelka das Café eröffnet, musste er in den Krieg ziehen. „1945 hatten wir das Glück“, erzählte Frau Hawelka, „dass das Lokal nicht zerstört war, während rundherum alles in Schutt und Asche lag“.

Das Hawelka war nach dem Krieg eine Wärmestube, in der man stundenlang sitzen, diskutieren und Zeitung lesen konnte. Deshalb wurde das Kaffeehaus auch bald zum Stammhaus von Künstlern und Schauspielern: Heimito von Doderer, Hans Weigel, Friedrich Torberg und Hilde Spiel, genossen Feigenkaffee und Zigaretten, die direkt vom Schwarzmarkt ins Hawelka gelangt waren.

Es folgten wenig später die Maler Brauer, Fuchs, Hausner und Hundertwasser, deren Werke die Wände des Kaffeehauses zieren. Hawelka hatte ihnen die Bilder damals für ein paar kleine Braune abgekauft. Als dann noch Helmut Qualtinger, H. C. Artmann und André Heller dazustießen, war das Hawelka längst eine Institution und eine Touristenattraktion ersten Ranges.

Hawelka: Ein weltberühmter Künstlertreff

Leopold Hawelka Geboren am 11. April 1911 als Sohn eines Schusters in Kautendorf im Weinviertel. Er übersiedelt mit 14 Jahren nach Wien, macht eine Kellnerlehre und lernt die Schank- und Küchen-Kassierin Josefine Danzberger kennen. Sie heiraten 1936 und pachten das Café Alt Wien in der Bäckerstraße. Drei Jahre danach kauft das Ehepaar das heutige Café Hawelka in der Dorotheergasse.

Wohnzimmer Nach dem Krieg wird das Hawelka zum weltberühmten Künstlertreff. Es ist das zweite Wohnzimmer von Helmut Qualtinger, Oskar Werner oder Friedensreich Hundertwasser. Seniorchefin Josefine Hawelka stirbt am 22. März 2005. Das Kaffeehaus wird heute von Sohn Günter und den Enkeln Amir und Michael geführt. Zuletzt zwangsläufig als Nichtraucherlokal – was der alte Hawelka nie verstand.

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(kurier) Erstellt am
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