Chronik | Wien 02.03.2018

Wertekurs in Wien: "Österreich war Opfer im Zweiten Weltkrieg"

(Symbolbild) © Bild: Rieger Lisa

Mitarbeiter des Österreichischen Integrationsfonds beschweren sich über einen Trainer.

Er arbeitete zwei Jahre lang beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) als Dolmetscher bei Wertekursen. Dann kündigte er. "Ich musste rassistische Aussagen übersetzen. Irgendwann hat es mir gereicht", sagt Sami D. (Name von der Redaktion geändert). "Kursleiter haben zu den Teilnehmern gesagt: ‚Warum seid ihr da? Geht zurück nach Syrien‘", erzählt der Dolmetscher. "Der Gipfel war für mich aber, dass ein Leiter immer wieder erklärte, Österreich wäre Opfer im Zweiten Weltkrieg gewesen, als es um Geschichte ging."

"Ich habe gesagt, dass das nicht in Ordnung ist, auch als ich gekündigt habe, aber es hat mir keiner zugehört", erzählt D. Auch ein weiterer Mitarbeiter, der noch beim ÖIF tätig ist (und anonym bleiben möchte), bestätigt das: "Ich war auch Zeuge davon, dass ein Leiter gesagt hat, dass Österreich Opfer im Zweiten Weltkrieg gewesen wäre. Es gibt immer wieder rassistische Behandlungen in den Kursen. Einer sagt zum Beispiel regelmäßig: ,Das ist mein Geld, das ihr bekommt. Ich arbeite für dich.’ Oder ein Leiter provoziert die Teilnehmer zum Thema Islam." Außerdem würden die Teilnehmer häufig wie Kindergartenkinder behandelt, schildert der Mitarbeiter.

ÖIF Kurs Werte Sprache Flüchtlinge Vermittlung
ÖIF Kurs Werte Sprache Flüchtlinge Vermittlung © Bild: Rieger Lisa

Der Leiter mit dem fragwürdigen Geschichtsbewusstsein fiel aber auch anderweitig auf: Sami D. erzählt von einem Vorfall, der ihm besonders im Kopf geblieben ist: "Ein 18-Jähriger hat Wasser getrunken, woraufhin der Leiter ausgezuckt ist und geschrien hat, dass er keines trinken darf. Sein Gesicht ist ganz rot geworden und er hat auf den Tisch geschlagen."

Bei den Flüchtlingen sei das Verhalten nicht gut angekommen. Als D. dem Trainer gesagt hat, dass die Feedbackbögen, die immer nach den Kursen ausgefüllt werden müssen, negativ ausgefallen sind, soll der Trainer gesagt haben, dass "das nicht sein kann" und soll D. die Bögen aus der Hand gerissen haben.

"Wir hatten 40.000 Menschen seit 2015 in den Wertekursen. Dass es da in homöopathischen Dosen zu Problemen kommt, ist klar", sagt eine ÖIF-Sprecherin. "Von diesen Vorwürfen habe ich noch nichts gehört. Sie überraschen mich. Insgesamt funktioniert die Zusammenarbeit ausgezeichnet", erklärt eine Wertekurs-Trainerin.

"Dunkelstes Kapitel"

Bezüglich der Aussage zum Zweiten Weltkrieg sagt die ÖIF-Sprecherin außerdem: "Den in den Kursen vermittelten Inhalten liegt die Lernunterlage ‚Mein Leben in Österreich‘ zugrunde. Darin wird über die Geschichte Österreichs im Zweiten Weltkrieg geschrieben: .(...) Damals unterstützten viele Österreicherinnen und Österreicher leider Adolf Hitler. Das ist mit Abstand das dunkelste Kapitel in der Geschichte unseres Landes.’" Ein eigener Abschnitt verweise außerdem auf das gültige Verbotsgesetz. "Diese Inhalte werden in allen Werte- und Orientierungskursen vermittelt und sind uns auch sehr wichtig", fährt die ÖIF-Sprecherin fort.

Bezüglich des Vorfalls mit dem Wassertrinken fügt sie hinzu: "Trinken ist in unseren Kursen selbstverständlich erlaubt. Die Kurse sind nur sehr interaktiv aufgebaut, wenn da ständig jemand aufspringt, kann das stören und dann kann der Trainer schon mal sagen, dass jetzt Ruhe ist. Aber Tatsache ist, dass die Teilnehmer natürlich trinken dürfen" Die Wertekurs-Trainerin ergänzt: "Bei unseren Trainern führen wir regelmäßige Qualitätskontrollen durch und setzen, wenn nötig, Maßnahmen." Ob der auffällige Trainer mit Konsequenzen rechnen muss, werde geprüft.

( kurier.at , rieg ) Erstellt am 02.03.2018