Chronik | Wien
29.08.2017

Imam-Hatip: "Die Probleme sind hausgemacht"

Ümit Vural, Schuraratsvorsitzender der Islamischen Glaubensgemeinschaft und Mitglied der Islamischen Föderation übt Kritik an seinen Vereinskollegen. Er plädiert für eine Imam-Ausbildung auf Deutsch.

Ümit Vural hat als Vorsitzender des Schurarates der Islamischen Glaubensgemeinschaft (der deren Grundsätze und Leitlinien festlegt) das Islamgesetz mitverhandelt. Dass dieses nun nachgeschärft werden soll, war aber nicht der einzige Grund für den KURIER, den türkischstämmigen Rechtsanwalt zum Interview einzuladen. Dieser ist nämlich auch Mitglied in der Islamischen Föderation. Der Österreich-Ableger der Milli-Görüs-Bewegung steht hinter der umstrittenen Imam-Hatip-Schule in Wien-Liesing.

KURIER: Herr Magister Vural, einerseits bewirbt der Imam-Hatip-Fachverein den vierjährigen Lehrgang als Vorbereitung auf ein Studium an der Uni Wien. Andererseits berechtigt ein Lehrgang nicht zum Uni-Besuch – sondern nur eine Schule. Und um eine solche soll es sich ja nicht handeln. Mit dieser Kommunikationsstrategie steigert die Islamische Föderation ihre Glaubwürdigkeit nicht gerade.
Ümit Vural: Die Grundidee war, Imame und Seelsorger in Österreich auszubilden. Die Zeit der Imame, die im Ausland ausgebildet wurden und nicht einmal die Landessprache beherrschen, ist vorbei. Aber es stimmt: die Probleme, vor denen der Fachverein jetzt steht, sind hausgemacht. Was nicht richtig ist, ist der Vorwurf, man habe irgendetwas vor der Behörde verheimlichen wollen. Im Gegenteil: man hat von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Denn der Lehrgang begann schon 2015 in der Gudrunstraße in Favoriten. Damals legte man dem Stadtschulrat sämtliche Lehrinhalte offen. Worauf dieser entschied, dass der Lehrgang aufgrund der intensiven Vermittlung islamischer Lehrinhalte nicht unter das Privatschulgesetz fällt. Und noch vor der Anzeige durch das Bildungsministerium hat man den Stadtschulrat heuer darüber informiert, dass es sich beim Liesinger Lehrgang um jenen aus Favoriten handelt. Man ist bloß übersiedelt, weil die Räumlichkeiten in der Gudrunstraße zu eng geworden sind. Mathematik und andere Fächer werden nur angeboten, um den Lehrgang attraktiver zu machen.
(Stadtschulratsdirektor Arno Langmeier widerspricht dieser Darstellung. Zwar habe der Betreiberverein der Behörde in der Vergangenheit rein religiöse Lehrinhalte kommuniziert – was man als Sache der Glaubensgemeinschaft erachtet hätte. Allerdings habe man von dem Betrieb in Liesing nichts gewusst und nach einem Hinweis aus der Bevölkerung bei einer Überprüfung dort eine Vermischung religiöser und weltlicher Inhalte festgestellt. Weshalb die Schule laut Gutachten des Bundeskanzleramtes sehr wohl unter das Privatschulgesetz falle – jedoch nicht genehmigungsfähig sei.)

Was bedeutet, die Probleme seien hausgemacht?
Ich hege zum Beispiel keine Sympathie für die enge Kooperation mit den türkischen Behörden. Anstatt den Absolventen mit einer Externistenmatura direkten Zugang zu den türkischen Universitäten zu ermöglichen, sollte man die Kooperation mit österreichischen Volkshochschulen suchen. Ich hätte die Einrichtung zudem nicht Imam-Hatip-Gymnasium genannt – das erweckt nur den Eindruck, es handle sich um eine innertürkische Angelegenheit. Außerdem müsste die Unterrichtssprache Deutsch sein. Und dass die Homepage auf türkisch gehalten ist, ist auch dumm. So spricht man ja nur Türken an.

Was sollte man also tun?
Wünschenswert wäre eine multikulturelle Ausrichtung, die mit einer Externistenmatura abschließt und zum Bachelor-Studium der islamischen Theologie an der Uni Wien und in weiterer Folge zum Masterstudium in der Türkei berechtigt – solange es die Möglichkeit in Österreich nicht gibt.

Warum haben Sie das nicht längst intern thematisiert?
Dieser Lehrgang startete noch bevor Mehmet Arslan Obmann der Islamischen Föderation wurde. Er wurde von Leuten ins Leben gerufen, die Im Gegensatz zum jetzigen Vorstand in der Türkei sozialisiert wurden. Da versucht man natürlich, nicht zu extrem in ein bereits laufendes Projekt einzugreifen und das beste daraus zu machen. Nun ist aber ein Generationenwechsel am Laufen.

Wer gibt eigentlich die Lehrinhalte vor – das türkische Bildungsministerium?
Nein, die Islamische Föderation vermittelt seit etwa vier Jahrzehnten den Mitgliedern islamische Theologie und auch die Islamische Glaubensgemeinschaft bietet Religionsunterricht im Unterricht an öffentlichen Schulen an. Da haben wir schon genug eigene Erfahrungen, aus dem Ausland brauchen wir nichts. Zumal man diese Inhalte gar nicht 1:1 übernehmen könnte. In der Türkei hat man doch eine andere Kultur und andere Gepflogenheiten.

Können Sie ausschließen, dass die Schule bzw. der Lehrgang aus dem Ausland finanziert wird. Milli Görüs Deutschland sammelte ja z. B. Spenden für eine Imam-Hatip-Schule in Linz.
Ja, das kann ich. Der laufende Betrieb wird definitiv nicht aus der Türkei finanziert. Zudem gibt es eine Anfrage des Kultusamtes, dem nun sämtliche Ein- und Ausgaben vorgelegt werden.

Spenden aus Deutschland kämen auch nicht aus der Türkei...
Spenden sind ja auch nicht per se verboten. Laut Paragraf 6, Absatz zwei des Islamgesetzes sind einmalige Zuwendungen, etwa um den Ankauf einer Liegenschaft zu finanzieren, erlaubt. Es heißt nur, dass der laufende Betrieb einer Einrichtung – also Personalkosten, Miete usw. – aus dem Inland finanziert werden muss. Die sogenannte Selbsterhaltungsfähigkeit muss gegeben sein.

Apropos Auslandsfinanzierung. Im Ministerrat einigten sich die Parteien zuletzt auf Nachschärfungen beim Islamgesetz.
Da kann die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ, Anm.) ganz entspannt sein. Wir halten und an das Gesetz und finanzieren unseren laufenden Betrieb ausschließlich aus dem Inland. Das Problem ist nur, dass wir mit dem neuen Islamgesetz sozusagen zur Vereinspolizei für unsere Kultusgemeinden, Fach- und Moscheevereine wurden. Das ist viel Verantwortung. Gleichzeitig fehlen aber die finanziellen Ressourcen und das Personal. Würden wir aus dem Ausland finanziert, stünden wir wohl besser da. Punkto Nachschärfung beim Islamgesetz ist man bis dato noch nicht an uns herangetreten. Wir wollen aber Empathie zeigen, wenn es zu Gesprächen kommt.

Themenwechsel: Politik und Medien beobachten die Milli Görüs mit Skepsis. Nicht zuletzt, weil der Deutschland-Ableger vom dortigen Verfassungsschutz als teilweise demokratiefeindlich eingestuft wurde. Und in Österreich gilt man als Aushängeschild des politischen Islam.
Der Narrativ von der fundamentalistischen, nationalistischen Einstellung der Bewegung hat sich in der Politik und Medienlandschaft leider durchgesetzt. Aber in Österreich stimmt das nicht. Diese Außensicht steht diametral zur Einstellung der islamischen Föderation. Wir nehmen unsere soziale Verantwortung sehr wohl ernst und bemühen uns um Transparenz. So war der Tag der offenen Moscheetür ursprünglich unsere Idee. Die Islamische Föderation nimmt auch die Sorgen der Bevölkerung ernst und veranstaltet deshalb Info-Kampagnen, wie „Gestatten, Muslim“ (der KURIER berichtete; Anm.). Auch bei der Flüchtlingskrise hat sie einen sehr wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Krise beigetragen, indem sie Quartiere zur Verfügung gestellt hat. Wir müssen medial aber noch präsenter werden. Wir sind in Österreich angekommen und leben die österreichischen Werte.

Das scheint nicht auf alle zuzutreffen. Sie sprechen ja selbst von einem Generationskonflikt.
Mittlerweile sitzen aber sehr viele Junge im Vorstand, die hier geboren und sozialisiert wurden. Für Obmann Mehmet Arslan war der Anfang schwierig, aber er hat sich durchgesetzt.