Chronik | Wien
17.01.2017

"Ich bin sozusagen das Blaulicht hier"

Zwölf "Flüchtlings-Kontaktbeamte" gibt es bei der Wiener Polizei: Rudolf Greul kommt nicht nur im Streitfall.

Schuld war der Küchenputzdienst. Hassan (17) war an diesem Tag damit betraut, die Küche in der Flüchtlingsunterkunft in der Großen Stadtgutgasse in Wien-Leopoldstadt sauber zu halten. Als er einen Topf mit heißem Wasser vom Herd nimmt, ausleert und in den Geschirrspüler stellt, kommt es zum Streit mit einem Mitbewohner: Der wollte sich in dem Wasser Eier kochen.

Die beiden Jugendlichen beginnen zu raufen, der eine zwickt den anderen ins Gemächt, Besteck fliegt.

Als Sophie Pogats, die Leiterin der Unterkunft des Arbeitersamariterbundes, von dem Vorfall erfährt, erteilt sie Hassan und seinem Kumpanen ein Hausverbot. 24 Stunden haben die beiden Zeit, sich zu beruhigen. Die Nacht müssen sie bei Freunden oder in der Caritas-Notschlafstelle für Jugendliche verbringen. Erst danach dürfen sie ins Quartier zurück.

Den Notruf der Polizei wählt Pogats nicht. Aber "den Rudi, unseren Haus-Polizisten", informiert die Leiterin sehr wohl unverzüglich.

"Der Rudi", das ist Rudolf Greul, der sogenannte Refugee Contact Officer (RCO) der Flüchtlingsunterkunft in der Großen Stadtgutgasse. Zwölf Flüchtlings-Kontaktbeamte gibt es derzeit in Wien. Sie sind direkte Ansprechpartner für die Betreuer, Sozialarbeiter und Dolmetscher in den Asylquartieren.

Kaum Vorfälle

Die RCOs sind zur Stelle, wenn unter den Bewohnern Prügeleien ausbrechen, Betreuer bedroht werden oder etwa verdächtige Personen vor dem Haus stehen. Greul ist für sechs Flüchtlingsheime zuständig. Zwei Mal pro Woche schaut er im Quartier in der Großen Stadtgutgasse vorbei, erkundigt sich, ob etwas vorgefallen ist.

"Es passiert nicht extrem viel", sagt Greul. In den zehn Monaten, die er als Refugee Officer dem Flüchtlingsheim zugeteilt war, ist es vier Mal zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und ein Mal zu einer Sachbeschädigung gekommen. "Und das bei 45 höchst pubertierenden Jugendlichen. Das gibt’s auch auf jedem Schulskikurs", sagt Greul. Nach vielen Berichten über Belästigungen und Revierkämpfe seien die Flüchtlinge wieder "im Brennpunkt", sagt Greul. Allerdings sei ihm in seiner Arbeit noch nicht aufgefallen, dass junge Flüchtlinge besonders gewaltbereit sind. "Sie sind nicht auffälliger als unsere Kinder", sagt der Polizist.

Allerdings müssten viele erst Vertrauen zur Polizei fassen. "Ich muss ihnen zeigen, dass die Polizei nichts Böses will, aber gleichzeitig auch, dass es Konsequenzen gibt, wenn sie etwas anstellen."

Prävention

Neben den 45 unbegleiteten Minderjährigen, die im Asylheim der Samariter leben, sind dort auch 20 über 18-jährige Flüchtlinge untergebracht. Sie kommen aus dem Irak, Afghanistan, Somalia, Algerien, Syrien, Nigeria, der russischen Föderation und Benin.

Am Vormittag sind nur wenige von ihnen zu Hause, die meisten sitzen schon in Deutschkursen oder in der Schule. "99 Prozent meiner Tätigkeit ist präventiv", sagt Rudolf Greul. "Es wird viel im Keim erstickt." In keinem "seiner" Flüchtlingsheime gebe es gröbere Schwierigkeiten. Allein seine Anwesenheit bewirke Positives. Schließlich würde kaum jemand zum Raufen beginnen, wenn ein Polizist daneben steht.

"Ich bin sozusagen das Blaulicht hier", sagt Greul. Wenn er gerufen wird, dann meist wegen Körperverletzungen, Raufhandel, Sachbeschädigungen und vereinzelt auch wegen kleinerer Drogendelikte.

"Kleinere Vorfälle" regelt die Leiterin des Flüchtlingsheims selbst. Die Burschen werden dann zur Rede gestellt. "Sie müssen uns ein Anti-Gewalt-Angebot machen", sagt Pogats. Das heißt, sie müssen ihr Verhalten reflektieren, manchmal kommt es auch zu einem "Normverdeutlichungsgespräch" mit Polizist Greul.

Die Zusammenarbeit zwischen Hilfsorganisationen und der Polizei funktioniere gut, auch wenn sie vor dem Start von Vorurteilen geprägt war: "Ich habe gehofft, dass ich nicht einen primitiven Rechten bekomme" sagt Sophie Pogats. Einen der sowieso keine Ausländer hier haben will. "Und wir Polizisten kennen NGOs ja oft nur, weil sie sich nach Amtshandlungen beschweren", sagt Greul. Mittlerweile habe man sich zusammengerauft.

Der 17-jährige Hassan gab sich nach seiner Rauferei in der Küche ganz zerknirscht. "Die meisten schämen sich furchtbar", sagt Sophie Pogats. Auch Hassan: "Es war ein Fehler," sagt er.