Chronik | Wien
10.06.2017

Homosexuelle in Wien: Die Hürden im Alltag

Beim Life Ball werden Toleranz und Weltoffenheit gefeiert. Im täglichen Leben erleben Schwule und Lesben aber immer noch Diskriminierungen.

Farbenfroh, kreativ und lebenslustig: Beim 24. Life Ball, der heute, Samstag, im Wiener Rathaus stattfindet, wird auf die Gefahren von HIV hingewiesen, aber es werden auch wieder Weltoffenheit und Toleranz gefeiert. Doch wie tolerant ist die Gesellschaft Homosexuellen gegenüber im Alltag – und wo erleben sie Diskriminierungen? Der KURIER sprach mit Menschen in verschiedenen Lebenssituationen über ihre Erfahrungen.

"Ja, es gibt noch Diskriminierung – aber es wird besser", sagt Markus Rumelhart, Bezirksvorsteher von Wien-Mariahilf.

Er ist der erste offen schwule Bezirkschef der Stadt. "Ich war schon als kleiner SPÖ-Funktionär geoutet, denn ich wollte authentisch sein. Ich hänge es aber auch nicht an die große Glocke und renne nicht mit der rosa Federboa durch den Bezirk", scherzt er. Im Beruf erlebe er keinerlei Diskriminierung: "Die Leute reden mich gar nicht drauf an. Nur nach meiner Verpartnerung haben sie mir gratuliert." Freilich gebe es aber noch Probleme: "Ich habe Menschen getroffen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung von ihren Eltern verstoßen wurden. Und viele arbeiten auch in Berufen, in denen sie sich nicht trauen, sich zu outen."

Hilfe von den Gay Cops

Wie schwierig dies etwa bei der Polizei sein kann, weiß Josef Hosp, Mitbegründer des Vereins Gay Cops Austria. "Ich wäre an meinem Outing 1991 fast zerbrochen. Ein Kollege wollte nicht einmal mehr das Zimmer mit mir teilen", schildert er. Mittlerweile hätten sich die Bedingungen für Homosexuelle bei der Polizei aber enorm verbessert – nicht zuletzt dank des Engagements des Vereins. "Immer wieder wenden sich Polizeischüler an uns und fragen, ob sie sich outen sollen." Sein Rat? "Den richtigen Zeitpunkt muss jeder selbst bestimmen. Aber für mich war es richtig, mich zu outen und zu mir selbst zu stehen."

Auch gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern müssen im Alltag noch allerlei Hürden meistern.

Daher eröffnen Barbara Schlachter und Karin Mayer kommenden Dienstag, den 13. Juni, das Regenbogenfamilienzentrum in Wien-Margareten (www.rbfz-wien.at): Für Betroffene und Interessierte gibt es hier Beratung und Unterstützung, aber auch Workshops und Fortbildungen.

"Und wir bieten einen Raum, in dem man das eigene Familienmodell nicht ständig erklären muss", sagt Schlachter. Denn spätestens wenn man Kinder habe, müsse man die Lebensverhältnisse offenlegen, ergänzt Mayer: "Natürlich erzählen die Kinder ihren Freunden, dass sie zwei Mamas oder Papas haben. Außerdem ist man als Familie permanent mit verschiedenen Institutionen in Kontakt – das beginnt bei rechtlichen Fragen, wer das Kind vom Kindergarten abholen darf."

Das erlebte auch Schlachter, die mit einer Frau zusammenlebt und einen Sohn hat: "Es hat mich überrascht, wie oft ich mich während meiner Karenzzeit outen musste. Ich wurde mehrmals täglich darauf angesprochen", sagt sie und lacht.

"Entsolidarisierung"

Worin sich jedoch alle einige sind: Der Ton in der Gesellschaft werde rauer. "Es gibt einen Rechtsruck und eine Entsolidarisierung in der Gesellschaft. Und Minderheiten merken das als erste, die werden als erste ins Eck’ gedrängt", sagt etwa Rumelhart. Auch Christian Högl, Obmann der Homosexuellen Initiative HOSI, berichtet von Beobachtungen, die ihn besorgen: "An Schulen etwa gilt ,schwul’ mittlerweile nur noch als Schimpfwort. Es ist absolut negativ konnotiert."

Doch was könnte man tun, um die Situation zu verbessern? Högl wünscht sich mehr Information, etwa in Form einer Kampagne. "Wichtig ist Wissensvermittlung: dass man Menschen bewusst macht, welches Verhalten andere diskriminiert. Und dass man Diskriminierten zeigt, wie sie sich wehren können." Auch Schlachter setzt auf Information: "Ganz wichtig ist, schon im Kindesalter anzusetzen und zu erklären, dass es ganz normal ist, dass es Kinder gibt, die zwei Mamas oder zwei Papas haben." Viel wäre erreicht, wenn Homosexualität kein Thema mehr wäre, sagt Rumelhart. "Wenn es einfach in der Normalität verschwindet."